Wilhelm-Ostwald-Institut für
Physikalische und Theoretische Chemie
Universität Leipzig

Lehrstuhl für Theoretische Chemie
Prof. Dr. B. Kirchner



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Pressemitteilungen / Interviews

ERA-CHEMISTRY

Ein Forschungsraum für die Grundlagenforschung in der Chemie Europas

Wohin wendet sich eine Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler, wenn sie oder er finanzielle Unterstützung für die Umsetzung einer interessanten Projektidee benötigt? In aller Regel ist die zuständige nationale Forschungsförderorganisation die Anlaufstelle für einen Projektantrag. Was aber tun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihre Projektidee nur im Rahmen einer Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen im Ausland umsetzen können? Eine Antwort auf diese Frage war und ist so drängend wie unbefriedigend, denn auf der einen Seite machen interessante wissenschaftliche Fragestellungen nicht vor Ländergrenzen halt, auf der anderen Seite gab und gibt es bislang keine allgemeinen europaweiten Regeln und Prozeduren, nach denen internationale Projektanträge in der Grundlagenwissenschaft verfasst, begutachtet, entschieden und finanziert werden können. ERA-CHEMISTRY, ein von der DFG koordiniertes Netzwerk von derzeit 14 Forschungsförderern in Europa, hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, den Forscherinnen und Forschern Europas, vorerst insbesondere in den chemischen Wissenschaften, die nötigen Rahmenbedingen zu geben, um ihre verantwortungsvollen Aufgaben gemeinsam bewältigen zu können.

Das Miteinander der Mitgliedstaaten Europas und ihrer verschiedenen Kulturen spiegelt sich auch in der großen Vielfalt unterschiedlicher Ansätze und Strukturen ihrer Forschungsförderungsorganisationen wider. Die europäische Förderlandschaft ist hochkomplex und zeichnet sich durch wenig vernetzte und nicht selten isoliert operierende nationale Organisationen aus. Geradezu ein „blinder Fleck“ war bislang die reine Grundlagenforschung, da ihre Projekte in den Rahmenprogrammen der Europäischen Kommission nur schwerlich unterzubringen waren. Ein Lichtblick für den einzelnen Wissenschaftler ist daher der Europäische Forschungsrat (European Research Council, ERC), der Anfang 2007 seine Arbeit aufgenommen hat und im 7.Rahmenprogramm unter ‚Ideen’ firmiert. Doch für Kooperationsprojekte und entsprechende Bündelung der Expertise einzelner Forscherinnen und Forscher ist hier zunächst auch noch keine Förderung vorgesehen. Es bleiben die nationalen Förderer. Und hier liegt auch der Großteil der finanziellen Ressourcen für die Grundlagenforschung, nach Schätzung von Dr. Karlheinz Schmidt, Leiter der Gruppe Chemie und Verfahrenstechnik der DFG, rund 95 Prozent. Ein Schatz, den es zu heben gilt, um damit die dringende Nachfrage nach Förderung kleiner, aber effektiver Kooperationsprojekte auf europäischer Ebene zu decken. Fazit: Besonders die nationalen Forschungsförderer stehen in der beschriebenen Situation vor großen Herausforderungen, denen sich die DFG zusammen mit 13 ihrer europäischen Partnerorganisationen in einem von der Europäischen Kommission geförderten ERA-NET (European Research Area NETworking) unter dem Label ERA-Chemistry stellt.

CERC3 als Vorreiter von ERA-Chemistry

Nach erfolgreicher Antragstellung hat ERA-Chemistry im Jahre 2004 unter Koordinierung von Dr. Karlheinz Schmidt seine Arbeit aufgenommen und ist damit auch Vorreiter für ERA-NETs in anderen Fachbereichen der DFG. Basis für dieses Engagement war der Zusammenschluss Chairmen of European Research Councils' Chemistry Committees (CERC3), der bereits seit Ende der 1980er Jahre aktiv ist und den Grundstein für ERA-Chemistry legte. Finanziert werden die Netzwerkaktivitäten der Partner in ERA-Chemistry aus dem 6. Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Kommission. Seit seiner Etablierung hat ERA-Chemistry nicht nur eine
umfangreiche Wissensbasis über die unterschiedlichen Förderprogramme und Entscheidungsverfahren der verschiedenen nationalen Forschungsförderorganisationen Europas erhoben, sondern auf dieser Basis bereits zwei exemplarische multilaterale Ausschreibungen zu aktuellen Fragen der Chemie durchgeführt. Die erste, „Hierarchically organised chemical structures: from molecules to hybrid materials“ im Jahre 2005 und als zweites „Chemical activation of carbon dioxide and methane“ im Jahre 2007. Auf diese Weise konnten die Möglichkeiten gemeinsamer Forschungsförderung auf europäischer Ebene ausgelotet werden. In beiden Ausschreibungen wurden die Forschungsgelder allein von den nationalen Förderorganisationen bereit gestellt. Professor Barbara Kirchner aus Leipzig meint dazu: „Die Zusammenarbeit, in meinem Fall mit meinen Kollegen aus Belgien, Frankreich und der Schweiz, ist sehr produktiv. Denn was geschichtlich, politisch oder kulturell sinnvoll sein mag, nämlich Ländergrenzen, hilft der Wissenschaft nicht. Schon gar nicht der Naturwissenschaft.“ Kirchner sieht in der Bündelung der verschiedenen Forschungsrichtungen mit komplementärer Expertise aus ganz Europa große Chancen, die durch die Bemühungen von ERA-Chemistry eine deutliche Vereinfachung erfahren. Und für diese Vernetzung habe sich ERA-Chemistry sehr bewährt - gerade auch mit der Bewertung nach fachlichem Können und nicht wie manchmal üblich Länderproporz.

Best Practice für die Praxis

Aus administrativer Sicht trugen die thematischen Ausschreibungen dazu bei, europäische Standards und Best Practice-Beispiele bei Antrags- und Begutachtungskriterien sowie bei gemeinsamen Begutachtungen und Entscheidungen zu Förderanträgen zu etablieren. Professor Markus Antonietti, der als Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam im Scientific Advisory Board von ERA-Chemistry sitzt, betont, dass die Definition gemeinsamer Begutachtungsverfahren durch das ERA-NET einen großen Schritt nach vorne bedeute: „Das Instrument wurde angenommen, der Dialog zwischen Wissenschaft und Forschungsförderern deutlich verbessert.“ Er warnt jedoch davor, jetzt schon nach allzu konkreten Ergebnissen zu fragen, denn ein solches Netzwerk müsse wachsen: „Vielleicht ernten wir in zehn bis fünfzehn Jahren die Früchte unserer Arbeit.“ Jedenfalls seien die Voraussetzungen dafür sehr gut, weil bereits jetzt nach der zweiten Ausschreibung 53 Wissenschaftler gefördert würden, davon 13 in Deutschland. Mit Blick auf die europäischen Strukturen hält er ERA-Chemistry für ein gutes Pilotprojekt für Europa, jenseits von Rahmenprogrammen und größeren Strukturen: „Das kleine, süße, nette, managebare ERA-Chemistry zeigt, wie man europäische Forschungsförderung angehen kann - denn Europa ist kein Einheitsbrei.“

Netzwerke am Rand erweitern

Um Netzwerke nicht nur zwischen Ländern und Disziplinen zu knüpfen, sondern vor allem zwischen den einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, hat ERA-Chemistry die so genannten Flash Conferences ins Leben gerufen. Diese zweimal im Jahr stattfindenden Konferenzen bieten eine Plattform, auf der alle interessierten, erfahrenen und jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Europa über aktuelle Forschungsthemen diskutieren können. Um die jeweils in unterschiedlichen Ländern Europas stattfindenden Konferenzen besonders für den Nachwuchs zu einem Forum für den Austausch zu aktuellen Forschungsthemen zu machen, erhebt ERA-Chemistry für sie keinen Teilnahmebeitrag. Die Themen werden jeweils sechs Monate vor der Konferenz von nominierten Mitgliedern des Scientific Advisory Boards von ERA-Chemistry vorgeschlagen. Die zwei 2007 veranstalteten und die für März 2008 angesetzte Flash Conferences geben dabei einen Überblick über aktuelle Forschungsgebiete. Vom 12. bis 14. März 2007 ging es im französischen Autrans um „Molecules at the interface: from single molecule to functional assemblies", vom 29. bis 31. Oktober 2007 in Évora (Portugal) um „Catalysis without Metals" und 2008 folgt vom 9. bis 13. März in Killarney (Irland) eine Konferenz zum Thema „Carbohydrates at the Interfaces of Biology, Medicine and Material Science".

Attraktiv für den Nachwuchs

Dass das besondere Augenmerk auf den wissenschaftlichen Nachwuchs auch funktioniert, bescheinigt Professor Antonietti dem Netzwerk: „Für den Nachwuchs bringt ERA-Chemistry am allermeisten. Der Großteil der Teilnehmer der Flash Conferences war unter 30 Jahre alt.“ Und besonders für diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sei die Netzwerkbildung wichtig, da die Etablierten ihre Kontakte oft schon hätten: „Die jungen Forscher lernen sich am liebsten untereinander selber kennen.“ Ein Konzept, das offenbar aufgegangen ist. So berichtet Barbara Kirchner: „Der Nachwuchs kann sehr von Netzwerken profitieren, wie damals in meinem Fall und dem von Professor Andreas Taubert, der jetzt in Potsdam ist. Wir haben beide eine Professur erlangt, auch, weil wir mittels eines europäischen Programms eine Art kleines europäisches Netzwerk aufgebaut haben. Aber auch nach der Förderung besteht weiterhin eine intensive Zusammenarbeit zwischen uns, und wir haben unseren Kreis auf mehrere Personen erweitert“.

Chemie, Energie und neue Rohstoffe

Dass ERA-Chemistry sich nicht nur auf administrative Vernetzung beschränkt, zeigen nicht nur die Flash-Conferences, denn letzten Endes geht es darum, der Chemie in Europa die bestmöglichen Rahmenbedingungen für hochaktuelle und kompetitive Forschung zu bieten. Dass dazu auch ein kontinuierlicher Austausch über die brennenden Fragen der Wissenschaft und den Beitrag, den die Chemie zu ihrer Lösung liefern kann, gehört, versteht sich von selbst. Professor Markus Antonietti: „Was die Mathematik mit der Benennung ihrer zehn großen Forschungsfragen schon geschafft hat, brauchen wir in der Chemie auch: Eine Vereinheitlichung der Forschungskultur und eine Formulierung der Leitthemen. Dazu ist ERA-Chemistry ein erster Schritt. Denn nur zusammen kann die europäische Wissenschaft ein anerkannter Partner für Japan und die USA sein und nur zusammen können die großen globalen Fragen angegangen werden.“ Dabei sind viele der Fragen, die auf der Agenda stehen, nur mit gesammelten Kräften und gemeinsamer Expertise zu beantworten: Es geht beispielsweise um die Aktivierung inerter Gase – wie zum Beispiel Stickstoff, Kohlendioxid und Methan. Die letzten beiden könnten der Schlüssel zu neuen Energien und Rohstoffen sein. „Methan wird im Moment auf Ölfeldern einfach verbrannt, wenn man es mittels eines Katalysators aktivieren könnte, wäre die Lagerung und damit die Nutzung möglich - ein Wendepunkt in der Energiepolitik“, sagt Antonietti. Und ein Verständnis dieser Prozesse könnte schließlich zum „heiligen Gral“ der Chemie führen, der katalytische Aktivierung des Kohlendioxids. Diese beiden Themen reißen nur an, welche Rolle Grundlagenforschung in der Chemie im Rohstoffwandel spielen könnte, denn auch die Katalyse von Biomasse, die in der EU in viel größeren Mengen existiert als etwa Öl, könnte für die Zukunft der Menschheit von größter Bedeutung sein. Dabei spielen funktionstolerante Katalysatoren und die Nutzung funktioneller Gruppen der Ausgangsstoffe eine große Rolle. Nicht umsonst hat die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) 2007 zum Jahr der „Chemie der Energie“ ausgerufen. Ein weiteres Thema aus diesem Feld ist die chemische Photosynthese, in der das Verständnis der Energiegewinnung in Pflanzen im Mittelpunkt steht. Und auch ein Themenfeld, bei dem die Chemie helfen kann, die Natur und die Prozesse in Zellen zu verstehen, sind Medikamente - nicht zuletzt erschwingliche Produkte für die Dritte Welt. „Und gerade hier erhoffe ich mir aus der Zusammenarbeit in ERA-Chemistry frische Ideen!“, sagt Antonietti. Die Erfahrung zeige auch, dass die gewonnenen Ergebnisse in solchen Netzwerke schneller den Weg in Richtung möglicher Anwendung weise und Antonietti weiter: „Wir in Deutschland leisten uns sehr viel Grundlagenforschung, in anderen Ländern wie Spanien oder Großbritannien sind die Fragen schon so formuliert, dass die Umsetzung anschließen kann“.

Die Zukunft hat begonnen

Wer sich mit Forschungsförderung in der Chemie beschäftigt, wird unweigerlich auf den Namen von Dr. Karlheinz Schmidt stoßen. Seit Jahren ist der Gruppenleiter für Chemie und Verfahrenstechnik der DFG einer der herausragenden Akteure in der europäischen Forschungsförderungslandschaft. Nicht zuletzt war er es, der ERA-Chemistry mit der Antragstellung auf Kommissions-Fördergelder aus der Taufe gehoben hat und der bereits zuvor als Mitbegründer und langjähriger Co-Sekretär von CERC3 den Grundstein für gemeinsame europäische Aktivitäten in der Chemie gelegt hat. Für seine Verdienste erhielt Dr. Schmidt im Jahre 2005 zusammen mit seiner Kollegin Annie Dalbéra vom französischen CNRS die renommierte Carl Duisberg Plakette der GDCh. Er ist es auch, der mit seiner beharrlichen und zugleich einfühlsamen Art weiß, wie man die oft so verschiedenen Partner aus allen Teilen Europas an den Tisch holt. Der Erfolg kommt dann wie von selbst. Eine themenoffene Ausschreibung, die den zwei thematischen Ausschreibungen folgt und langfristig, über die Projektförderphase hinaus implementiert werden soll, ist derzeit in Vorbereitung. Unter der Prämisse eines möglichst geringen administrativen Aufwands sollen sowohl der Wissenschaft als auch den Forschungsförderern einfache Verfahren an die Hand gegeben werden, die dem Zweck dienen, den europäischen Forschungsraum in der Chemie zu stärken. Zum Einsatz kommen hierbei zweistufige Verfahren mit kurzen Konzept-Anträgen und Vollanträgen, die den Antragstellern eine realistische Abschätzung von Aufwand und Nutzen gestatten und zugleich die Akzeptanz harter Auswahlkriterien der Begutachtung erhöhen. Besonders für kleinere Länder bedeutet die Open Initiative eine wertvolle Chance, aus der Kooperation in Form von Zugang zu Infrastrukturen und der Setzung eigener Schwerpunkte wissenschaftlichen Mehrwert zu ziehen.

Ende 2008 läuft die Förderung von ERA-Chemistry durch die Europäische Kommission aus. Schon jetzt haben sich die Partner für eine Fortsetzung und einen weiteren Ausbau der Netzwerkaktivitäten ausgesprochen. Die Finanzierung wird dabei aus den nationalen Töpfen der Partner erfolgen. Und es zeichnet sich ab, dass dem Netzwerk ein langes Leben beschieden sein wird, wobei auch in Zukunft die Vermeidung unnötiger Bürokratie und zusätzlichen supranationalen Strukturen zentrales Ziel sein wird.

 

 

 

 

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