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Interview zum DFG-Jahresbericht 2007
- Was ist Ihrer Ansicht nach das Besondere am Instrument ERA-Chemistry?
Es ermöglichst Forschung über Ländergrenzen hinweg. Was meine ich damit? Z.B. werde ich auch in anderen Programmen, die mehr als einzelne Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler vorsehen, gefördert. In diesen Programmen besteht aber kaum die Möglichkeit, ausländische Forschende zu integrieren. Es wurde besonders am Schwerpunktprogramm, bei dem ich mitwirke, von den ausländischen Gutachtern bemängelt, dass die Zusammenstellung der Geförderten auf ein Land begrenzt ist. Bei den Sonderforschungsbereichen oder den Eliteuniversitäten ist das ja noch extremer. Was geschichtlich, politisch oder sprachlich sinnvoll sein mag, nämlich Ländergrenzen, hilft der Wissenschaft nicht. Schon gar nicht der Naturwissenschaft. Ein Forschungsgebiet ist nur insofern auf ein Land beschränkt, als es dort besonders gefördert wird oder nicht, das sind politische Angelegenheiten, der Forschung rein äußerlich. Was, wenn es nötig ist, die Technik aus Finnland mit einer Methode aus Deutschland zu kombinieren? Dann kann das ERA-Programm helfen - abgesehen von der Einschränkung auf ein spezielles Themengebiet, zu dem man eben gerade forschen sollte.
- Was hat besonders gut geklappt, was vorher nicht möglich gewesen wäre?
Wie bereits bei der ersten Frage erwähnt, war besonders erfreulich, dass ich mit Kooperationspartnern aus anderen europäischen Ländern kooperieren konnte; nämlich mit einem Kollegen aus Belgien (K. Binnemans) und mit einem weiteren Kollegen aus der Schweiz (A. Taubert) und jetzt mit einem Kollegen aus Frankreich(K. Muñiz). Leider sind nun die beiden ersten Länder nicht mehr im Länderspektrum des ERA-Programms enthalten. Das ist schade, weil es den Vorteil preisgibt, der darin bestand, dass es mit einem anderen Förderungsprogramm für uns gar nicht erst möglich gewesen wäre, mit Kollegen aus den Nachbarländern ein gemeinsames Forschungsprogramm aufzubauen. Schön dabei war, dass die Förderung nicht auf unsere Expertise beschränkt war, (wir sind z.B. nicht alle theoretische Chemikerinnen) sondern dass wir aus unterschiedlichen Richtungen (Anorganische Chemie, Organische Chemie, Physikalische Chemie und Theoretische Chemie) zu einem „Phänomen“ forschen konnten. Manch einer mag gerne aus einer Richtung verschiedene Spezialisierungen/Methodiken/Techniken austauschen. Ich finde aber, dass es sehr wichtig ist, richtungsübergreifend zu arbeiten. Dabei kommt sehr viel mehr Erkenntnisgewinn heraus. Jemand, der wirklich mit der Materie in Berührung ist, hat ein anderes Wissen als jemand, der Gleichungen zu einem Problem löst. Kombiniert man all diese Expertisen, dann ergibt sich ein kooperativer Effekt, der auch die Einzelkenntnisse optimiert und anders fruchtbar macht. Beispielsweise kann es für mich interessant sein, ob ein Stoff sich in einem anderen löst. So etwas kann ich als Theoretikerin nur nachlesen, der Physikochemiker sieht bei der Messung dagegen sehr schnell, wie die Sachlage ist. Das spart unnötige Rechnungen. Umgekehrt kann ich durch einige Rechnungen schon Hinweise geben, ob sich ein Syntheseweg lohnt oder überhaupt nicht.
- An welchen Stellen gibt es noch Verbesserungsbedarf, was sind Ihrer Meinung nach die To Dos für die Zukunft?
Eigentlich möchte ich ein Programm, das derart konsequent im Dienste der Wissenschaft steht, nicht kritisieren. Verbesserungsbedarf bestünde allerdings einerseits darin, dass die Administration vereinfacht werden sollte. Wir haben im ersten Programm, an dem ich teilnehme, große Schwierigkeiten, weil es bei uns in Deutschland Regeln gibt, die so in den anderen Ländern nicht gelten. Eine englische Übersetzung der Richtlinien für die Kooperationspartner, die immerhin existiert, ist da unglaublich wichtig. Dennoch gab es administrative Schwierigkeiten. Es wäre zudem sehr fruchtbar (auch wenn das wahrscheinlich nur schwer zu realisieren ist), wenn mehr Länder (nicht nur europäische) in so ein Programm eingegliedert werden könnten.
- Fachlich betrachtet - wo bringt die europäische Kooperation besondere neue Zugänge?
Auch auf diesen Punkt bin ich schon unter Frage 2 eingegangen. Ich möchte ihn aber dennoch hier noch etwas vertiefen. Durch die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern zu einem gemeinsamen Thema mit unterschiedlicher Expertise ist es mir möglich gewesen, die Materie aus den Augen z.B. eines Synthetikers zu sehen. Da man nur eine Expertise pflegt (z.B. Theorie), eigentlich aber die Notwendigkeit verspürt ein gemeinsames Thema auch mit den eigenen, durch mangelden Gebrauch aber nicht länger geübten Augen der Synthetikerin, die man einmal war, zu sehen, ist es gut, dies von den Kollegen besorgen zu lassen. Die Kollegen aus der Schweiz, Belgien und aus Frankreich interessieren sich ja für die gleiche Chemie, haben aber einen anderen Zugang zu ihr. Wie stark ich die Liganden der Übergangsmetalle abschneiden darf, kann mir mein Kollege Kilian Muñiz aus Straßburg sehr genau sagen. Dafür kann ich ihm mittels meiner Rechnungen sagen, ob ein bestimmter Ligand überhaupt für eine Reaktion geeignet ist. In einem ganz ähnlichen Sinn war es interessant für die Experimentatoren aus dem ersten Programm, dass ich einen bestimmten Weg zum Aufbau neuer Materialien komplett ausschließen konnte. So etwas führt nicht unbedingt zu einer Publikation, ist aber für uns Forscher sehr wichtig; nicht allein, weil wir dadurch Zeit sparen, sondern weil wir dadurch etwas über die Materialien lernen.
- Wiederum fachlich - haben sich für Sie und Ihr Institut neue Partner aufgetan, und wenn ja, wo mit welchen Zielen?
Die Frage bezüglich des Institutes ist ein bisschen schwierig zu beantworten, weil wir im ersten Programm zwei Umzüge hinter uns bringen mußten. Herr Taubert ist von der Schweiz nach Deutschland umgezogen und ich bin von Bonn nach Leipzig berufen worden. Das neue Projekt mit Herrn Muñiz aus Straßburg läuft eben erst an, so dass sich hier vorerst weniger die Gelegenheit bot, das Institut zu involvieren. Dennoch war und ist es für alle beteiligten Institute interessant, dass wir im Rahmen des ERA-Programms zusammenarbeiten. Z.B. hat Herr Taubert in Potsdam eine Graduiertenschule mit aufgebaut und hat zu deren Eröffnung eine Konferenz organisiert, mit unter anderem uns ERA-Partnern als Vortragenden. Dies war deswegen gut, weil sich auf dieser Konferenz neue Ansätze zur Forschung für mich ergeben haben, neben direkten Anfragen zur Kooperation; es wurde aber auch überlegt, wie man beide Institute (Leipzig-Potsdam) zusammenbringt, weil zum Beispiel in Leipzig Techniken/Geräte vorhanden sind, die in Potsdam nicht stehen und umgekehrt. Wie bereits erwähnt: Mein Umzug hat solche Initiativen sicher verlangsamt oder erst einmal gebremst, sie sind aber schon vorhanden, und werden in Zukunft wohl stärker betont werden. Im Übrigen wird Herr Muñiz bei uns in Leipzig im Kolloquium der Organischen Chemie vortragen. Da Leipzig viele Interessenten zur Katalyse hat, bin ich mir sicher, dass der Vortrag von Herrn Muñiz auf großes Interesse stoßen wird. Auch die Besuche bei Herrn Binnemans waren sehr fruchtbar, denn ich hatte die Gelegenheit, einige seiner Kooperationspartner vor Ort kennenzulernen. Herr Binnemans unterhält auch eine Internetseite, auf der er alle möglichen Gruppen, die zum Thema arbeiten, aufführt. Das mag ein kleiner Baustein sein, aber aufgrund dieser Internetseite hat sich zum Beispiel jemand aus der Industrie bei mir gemeldet. Diese Art von Austausch hat dazu geführt, dass sich der Personenkreis des Netzwerkes nicht mehr nur auf uns drei beschränkt, sondern sich deutlich erweitert hat.
- Wie profitiert der Nachwuchs von dem Instrument?
Diese Art von Nachwuchsförderung erscheint mir genauso sinnvoll wie Einzelförderung. Wie Sie an zwei der Beteiligten sehen (nämlich an Herrn Taubert und mir), die beide eine Professur erlangt haben, haben wir neben den anderen Förderungen auch stark vom ERA-Programm profitiert. Denn es war uns möglich, mittels des ERA-Programmes eine Art kleines europäisches Netzwerk aufzubauen. D.h. auch nach der Förderung wird eine intensive Zusammenarbeit zwischen uns bestehen bleiben, und wir haben unseren Kreis auf mehrere Personen erweitert. Wir müssen uns also nicht lange nach Kooperationspartnern umsehen, das, was jetzt da ist, hat sich nun auf natürliche Weise ergeben. Damit will ich sagen, dass die ERA-Förderung nicht nur eine finanzielle Förderung ist, die Wissenschaftler absichern kann, sondern auch eine Förderung der wissenschaftlichen Entwicklung und Bildung.
- Welche Rolle spielt die DFG (es ist ja schließlich der Jahresbericht J) in ERA-Chemistry?
Die DFG hat mit der Eingliederung in dieses Programm auf die richtige Karte gesetzt. Wenn ich es richtig verstehe - so wirkte es sich zumindest auf unser Programm aus - war mit Hilfe der DFG diese Zusammenarbeit überhaupt erst möglich, denn Herr Binnemans hätte ohne die Kulanz der DFG nicht an dem Projekt teilnehmen können. Ohne aber genau diese Kombination der
- Wie sollte Ihrer Meinung nach die Reise weitergehen?
Für das ERA-Programm: Es wäre schön, wenn als erster Schritt wirklich alle europäischen Länder in das Programm eingegliedert werden könnten und wenn die Beschränkung auf Themengebiete etwas gelockert werden könnte, damit auch andere Forschende, die zu wichtigen Themen arbeiten, die Möglichkeit dieser Förderung in Anspruch nehmen können. Zudem fände ich es gut, wenn ein Schwesterprogramm entstehen würde, welche die z.B die USA oder Australien und asiatische Ländern beinhaltet. Davon würde die europäische Union bzw. Deutschland auch profitieren, gerade so, wie Deutschland nun davon profitiert, dass sich mit finanzieller Unterstützung deutsche Forschende mit Forschenden aus anderen europäischen Ländern austauschen.
Für mich: Ich werde natürlich weiterhin mit Herrn Taubert und Herrn Binnemans forschen. Von Herrn Taubert wollen wir demnächst für längere Zeit einen Mitarbeiter aufnehmen, der soll bei uns zusätzliche Rechnungen durchführen und entstandene Fragen beantworten. Herr Binnemans wird uns im Januar besuchen, wo wir weitere neue Materialien anhand der Erkenntnisse angehen wollen, die wir an denen gewinnen konnten, die wir nun schon ausgetestet und entwickelt haben. Dabei geht es hauptsächlich um nichttoxische, aber funktionale Stoffe. Eine Frage dabei lautet: Wie weit kann man die eine Eigenschaft verstärken, ohne die andere zu zerstören? Eine andere, verwandte: Welche Rolle spielt eine Seitengruppe, ändert diese das Verhalten drastisch oder hat sie überhaupt keine Auswirkungen? Dabei lernen wir wiederum Grundsätzliches über die Materialien. Bei der Zusammenarbeit mit Herrn Muñiz, die ja noch sehr neu ist, wollen wir die ersten Rechnungen und Syntheseplanungen durchführen. Den Reaktionszyklus mit verschiedenen Liganden zu berechnen und dadurch Hinweise für das Experiment zu liefern, das wird unser erster Schritt werden. Hierfür werden wir unseren Leipziger Rechencluster stark in Anspruch nehmen müssen. Als nächstes wollen wir bisher ungeklärte mechanistische Fragen zu unserem Problem angehen. Sie sehen: 2008 wird für uns sehr arbeitsintensiv und damit sehr spannend werden.
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