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Graphik und Bild: Ein Institut mit Geschichte
 
Religionswissenschaft in Leipzig - Grundlinien

Von Holger Preissler, ergänzt von Heinz Mürmel
 

Die Religionswissenschaft ist eine relativ junge Wissenschaft. Doch das akademische Interesse an Religionen außerhalb des Christentums und des Judentums lässt sich weiter zurückverfolgen und erhielt im 19. Jh. durch den Ausbau der Altertums-, Bibel- und Orientwissenschaften und dann auch der Ethnologie eine bis dahin unbekannte Erweiterung und Vertiefung.

Bild: Nathan Söderblom
Nathan Söderblom
(1866-1931)

Mit der Berufung des schwedischen Gelehrten Nathan Söderblom (1866 - 1931),[1] der als evangelischer Theologe, als Religionswissenschaftler und Kenner des Zoroastrismus hervortrat, und mit der Gründung des Religionsgeschichtlichen Seminars im Jahre 1912 wurde die Religionswissenschaft in Leipzig – erstmals in Deutschland - institutionalisiert und von da an kontinuierlich betrieben. Diese vielversprechenden Anfänge wurden allerdings durch den Ausbruch des I. Weltkriegs unterbrochen. Seit 1915 wirkte hier Hans Haas (1868 - 1934),[2] nachdem er elf Jahre als Pfarrer und Missionar in Japan tätig gewesen war und sich umfassende Kenntnisse über ostasiatische Religionen angeeignet hatte. Mit Joachim Wach (1898 - 1955),[3] der sich 1924 in Leipzig mit seinen “Prolegomena zur Grundlegung der Religionswissenschaft” für Religionswissenschaft habilitierte und zu den Begründern der Religionssoziologie gezählt wird, fand die Religionswissenschaft ihre Vertretung an der Philosophischen Fakultät. Bereits 1935 wurde ihm auf Grund der nationalsozialistischen Rassegesetzgebung die Lehrbefugnis entzogen. Wach lehrte dann bis zu seinem frühen Tod 1955 in den USA. Nach dem II. Weltkrieg wurde die Leipziger religionswissenschaftliche Tradition durch Walter Baetke (1884-1978),[4] der auch als Nordist einen Namen besaß und sich vor allem mit den germanischen Religionen befasste, und seinem Schüler Kurt Rudolph (geb. 1929),[5] der besonders als Kenner der Gnosis und vor allem der Religion der Mandäer hervortrat, fortgesetzt und erhalten.[6]

Buchcover: Festschrift Rudolph
Die Festschrift für Prof. Rudolph (Marburg 1994) vereinigt historische und systematische Beiträge und spiegelt so auch das Progrqamm der Leipziger Religionswissenschaft

Charakteristisch für das Leipziger Profil der Religionswissenschaft ist die enge Verbindung des systematischen und vergleichenden Studiums von Religionen und Forschungen zur Geschichte ausgewählter einzelner Religionen, ohne zeitgenössische Erscheinungen zu vernachlässigen, verbunden mit dem Bemühen, generelle Entwicklungen in den Geisteswissenschaften religionswissenschaftlich zu erschließen, in besonderen Maße auf religionssoziologischem Gebiet. Gleichzeitig hat sich die Leipziger Religionswissenschaft durch ihre enge Kooperation mit anderen historischen, philologischen, orientalistischen, theologischen und ethnologischenFächern ausgezeichnet. Diese Grundpositionen wurden auch in der Zeit der DDR bewahrt, auch wenn die damaligen Wirkungsmöglichkeiten beträchtlich eingeschränkt waren und das Religionswissenschaftliche Institut in andere Institutionen aufging als Rudolph 1984 Leipzig verließ.

Seit 1990 wurden an der Universität Leipzig Bemühungen unternommen, die Religionswissenschaft wieder vollberechtigt in das Ensemble der hier vertretenen Wissenschaften aufzunehmen. Seit 1991 wurden Lehrveranstaltungen für Religionsgeschichte und Islamwissenschaft im Nebenfach angeboten, an denen vor allem Studierende orientalistischer Fächer und der Geschichtswissenschaft teilnahmen, und gleichzeitig die vorgesehene Konsolidierung und Erweiterung der Leipziger Religionswissenschaft vorbereitet. Mit der Berufung von Holger Preißler (1943-2006)[7], seit 1985 Professor für Religionsgeschichte, zum Professor neuen Rechts für Vorderorientalische Religionsgeschichte und Islamwissenschaft im Jahre 1992 begann dann die institutionelle Neugründung. Die Leitung der Universität sowie Kollegen westdeutscher Universitäten und nicht zuletzt der Vorstand der damaligen Deutschen Vereinigung für Religionsgeschichte (DVRG unterstützten), u. a. durch Gastvorträge und Lehrveranstaltungen, diesen Prozess großzügig. Vor allem mit Hilfe der Volkswagenstiftung wurde der reichhaltige Handapparat des Instituts aktualisiert und erweitert.

Bild: Prof. Dr. Hubert Seiwert
Prof. Dr. Hubert Seiwert wurde 1994 nach Leipzig berufen.

Am 2. Dezember 1993 wurde neben anderen Instituten das Religionswissenschaftliche Institut in der Philosophischen Fakultät, der späteren Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften, gegründet. Wenige Monate später erfolgte am 1. April 1994 die Berufung von Hubert Seiwert (geb. 1949) zum Professor für Allgemeine und vergleichende Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt ostasiatische Religionsgeschichte. Die vorgesehene Besetzung einer Professur für jüdische Religionsgeschichte konnte leider nicht erreicht werden.

Der gegenwärtige Personalbestand garantiert in Forschung und Lehre einerseits die Repräsentation der systematischen Religionswissenschaft sowie andererseits, im Bereich der Religionsgeschichte, die Beschäftigung mit ostasiatischen Religionen, dem (Theravada-) Buddhismus; dem Islam, insbesondere im arabischen Nahen Osten, wobei diese Religionen sowohl in der Moderne als in der Vergangenheit behandelt werden. Weitere Schwerpunkte bilden die europäische (lokale)[8] und amerikanische Religionsgeschichte mit einer Dokumentationsstelle für aktuelle religiöse Gruppen sowie die Geschichte französischer religionssoziologischer Theorien. Durch die Zusammenarbeit mit Ethnologen, Indologen, Zentralasienwissenschaftlern, Altorientalisten und Vertretern vor allem der historischen Fächer an der Theologischen Fakultät sowie Gastlehrkräften konnte das Lehrangebot zudem erweitert und gleichzeitig Ansätze zu einer Forschungskooperation geschaffen werden, die über den Universitätsverbund mit Halle und Jena z.B. auch Hallenser Orientalisten und Religionshistoriker einbezieht.

Bild: Tür Schillerstraße 6 // © Anja Sattler
Der Eingang zur Schillerstraße 6, in der das Religionswissesnchaftliche Institut seit 2006 beheimatet ist.

Am 13.12.1996 erfolgte die Bestätigung der Studienordnung für den Magisterstudiengang Religionswissenschaft im Haupt- und Nebenfach und seit Wintersemester 2006/07 wird im Masterstudiengang immatrikuliert. Die Gesamtzahl der Studierenden wuchs von 73 im Sommersemester 1995 auf 300 im Sommersemester 2006. Das Masterstudium umfasst die beiden Einheiten Systematische Religionswissenschaft und Religionsgeschichte und verlangt von den Studierenden solide Fremdsprachenkenntnisse bzw. einen relevanten BA-Abschluß (weitere Hinweise siehe: http://www.uni-leipzig.de/~religion).

Unter den religionswissenschaftlichen Einrichtungen in den deutschsprachigen Ländern nimmt das Leipziger Religionswissenschaftliche Institut inzwischen wieder einen geachteten Platz ein.

Anmerkungen

(1) Vgl. B. Sundkler, Nathan Söderblom: His Life and Work, Lund 1968. N. Söderblom verließ Leipzig bereits 1914, um das Amt des Erzbischofs der schwedischen Kirche in Uppsala zu übernehmen. Er wurde dann zu einem führenden Vertreter der ökumenischen Bewegung und erhielt 1930 den Friedensnobelpreis. Nach dem 1. Weltkrieg setzte er sich u. a. für die Unterstützung der deutschen Wissenschaften und die Wiederherstellung der Beziehungen zu ihren Vertretern ein.Symbol: Pfeil nach oben

(2) Vgl. K. Rudolph, “Die Bedeutung von Hans Haas für die Religionswissenschaft”, in: ZRGG 21, 1969, 238-52.Symbol: Pfeil nach oben

(3) Vgl. K. Rudolph, “Joachim Wach (1989-1955)”, in: Bedeutende Gelehrte in Leipzig, Bd. 1, Leipzig 1965, 229-237.Symbol: Pfeil nach oben

(4) Vgl. K. Rudolph, “Walter Baetke (1884 - 1978)”, in: G. Handel u. a. (Hg.), Namhafte Hochschullehrer der Karl-Marx-Universität Leipzig, Leipzig 1982, 23-32.Symbol: Pfeil nach oben

(5) Vgl. H. Preißler; H. Seiwert (Hg.), Gnosisforschung und Religionsgeschichte, Festschrift für Kurt Rudolph zum 65. Geburtstag, Marburg 1994, K. Rudolph wurde am 28. 5. 1995 von der Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften der Universität Leipzig zum Dr. phil. h.c. promoviert.Symbol: Pfeil nach oben

(6) Vgl. K. Rudolph, Die Religionsgeschichte an der Leipziger Universität und die Entwicklung der Religionswissenschaft. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte und zum Problem der Religionswissenschaft, Berlin 1962; K. Rudolph, „The Leipzig Tradition of Religionswissenschaft“. In: K. Rudolph:, Historical Fundamentals and the Study of Religions, New York 1985; Vgl. H. Preißler, “Religionsgeschichte in Leipzig”. In: Mitteilungsblatt der Deutschen Vereinigung für Religionsgeschichte 23, Hannover, Juli 1991, 33-39; H. Preißler; H. Seiwert (Hg.), Gnosisforschung und Religionsgeschichte. Festschrift für Kurt Rudolph zum 65. Geburtstag, Marburg 1994. Ansonsten ist die Geschichte der Leipziger Religionswissenschaft ist ausgehend von den Bemühungen von K. Rudolph relativ gut erfasst und ständig weiter erforscht worden.Symbol: Pfeil nach oben

(7) Vgl. H. Mürmel, „Vieles bleibt unveröffentlicht. Trauer um ... Professor Holger Preißler“. In: Universität Leipzig journal 2007, 1, 36.Symbol: Pfeil nach oben

(8) Vgl. re.form leipzig (Hg.), Religionen in Leipzig, Leipzig 2003.Symbol: Pfeil nach oben

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Symbol: PDFAusgangGeschichte des Instituts (PDF, 2 Seiten)

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