von Anja
Richter
veröffentlicht in
"Universitätsjournal"
April 2000
Die wissenschaftlichen Kolloquien des Sonderforschungsbereichs 417 „Regionenbezogene Identifikationsprozesse. Das Beispiel Sachsen“ wurden im neuen Jahr durch eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Institut für Praktische Theologie, Abteilung Religions- und Kirchensoziologie an der Theologischen Fakultät fortgesetzt. Als unseren Gastreferenten begrüßten wir am 20. Januar den Soziologen Prof. Dr. Thomas Luckmann von der Universität Konstanz. Es ist der interdisziplinären Forschung und Anerkennung des Referenten zu verdanken, daß sein vielbeachteter Vortrag zum Thema Moral und moralische Kommunikation in der Gegenwart am Beispiel einer weltlichen Moralpredigt auf großes Interesse stieß und eine große Hörerschaft aus verschiedenen Fakultäten, darunter Soziologen, Historiker, Theologen, Erziehungswissenschaftler, Philosophen und Politikwissenschaftler, angezogen hat.
Luckmann interessiert die Bedeutung von Moral in der öffentlichen Kommunikation moderner Gesellschaften. Sein Ansatzpunkt ist die Feststellung, daß mit dem Rückgang des Einflusses religiöser Institutionen auf die Lebensführung der Menschen auch der traditionellen Moral der feste Boden einer mächtigen institutionellen Absicherung entzogen wurde. Das führt ihn zu der Frage: Wo wird in modernen Gesellschaften, nachdem sich Religion zum subjektiven Glauben und Moral zum individuellen Gewissen wandelten, Moral öffentlich kommuniziert und nach welchem Muster? Sein Thema sei, wie er einleitend zugab, wissenschaftlich schwerer als viele andere gesellschaftliche Erscheinungen in den Griff zu bekommen, weil unser tägliches Handeln unmittelbar in diesen Erscheinungen verfangen sei. Das erschwere den theoretischen Abstand zu unserer selbstverständlichen Praxis.
In seinem Vortrag bezog er sich auf ein Forschungsprojekt an der Universität Konstanz, in dem öffentliche politische Reden zu staatsmoralisch und staatssymbolisch bedeutenden historischen wie zu kalendarischen kommemorativen Anlässen auf ihren moralischen Gehalt ausgewertet wurden. Die Analyse hatte ergeben, daß die öffentlichen Reden in der Mehrzahl einen „moralpredigthaften Kern“ enthielten, als dessen Herkunft die kirchlichen Predigten, die lange Zeit als das wichtigste kommunikative Medium in der Ausbildung einer in ihren Grundzügen einheitlichen moralischen Ordnung galten, anzusehen seien. Allerdings war sich Luckmann nicht sicher, ob die Grundstruktur der weltlichen Moralpredigt als Säkularisat der kirchlichen Moralpredigt zu deuten sei oder ob die Moralpredigt schon früher aus dem kirchlichen Raum in die öffentliche Rede eingewandert sei.
Am Beispiel einer Weihnachtsansprache eines deutschen Bundespräsidenten (Richard von Weizsäcker) konnte Luckmann überzeugend die Grundstruktur einer kirchlichen Moralpredigt an den Elementen Unheilsprophetie, Mahnrede, Aufforderung zur Umkehr, moralischer Appell nachweisen und kam zu folgendem Ergebnis: In modernen Gesellschaften gehören weltliche Moralpredigten zum kommunikativen Haushalt und damit zum Kernbestand der Formen, die in die öffentliche Rede zur Propagierung einer staatlichen Toleranzmoral eingefügt werden.
Eindrucksvoll hat Luckmann aufgezeigt, daß und nach welchen Muster in öffentlichen Reden moderner Gesellschaften Moral kommuniziert wird. Die Untersuchung öffentlicher Reden hat sich auch der SFB 417 zur Aufgabe gestellt. Im Zentrum der Forschungen einiger Teilprojekte stehen hier vor allem politische Reden, deren Bedeutung für regionenbezogene Identifikationsprozesse erfaßt werden soll.