Geschichte

Slawistische Forschung und Lehre wird an der Alma mater Lipsiensis bereits seit 1870 betrieben, als mit Johann Heinrich August Leskien der erste deutsche Ordinarius für slawische Sprachen, ab 1876 ordentlicher Professor für slawische Philologie, berufen wurde. Seine vielfältigen Studien und Lehrbücher zum Altbulgarischen wie auch seine Forschungen zum Serbischen, Kroatischen und Litauischen haben seitdem Generationen von Slawisten mit sprachhistorischem Rüstzeug versorgt. Zusammen mit den Indogermanisten Karl Brugmann und Hermann Osthoff war Leskien einer der maßgeblichen Begründer der "Schule der Junggrammatiker", die Leipzig zu einem Mekka der Sprachwissenschaft werden ließ, das so bekannte Linguisten wie Baudouin de Courtenay und Ferdinand de Saussure anzog. Auch nach Leskien haben in Leipzig eine Reihe bedeutender Slawisten gelehrt: der Slowene Matija Murko (1917-20), Max Vasmer (1921-25), gefolgt von Reinhold Trautmann (1926-48). Vasmers Interesse galt vor allem der Etymologie und der Erforschung von Lehnwörtern als Ausdruck der Beziehungen zwischen den slawischen Völkern und ihren nichtslawischen Nachbarn sowie von Personen-, Völker-, Orts- und Gewässernamen. Trautmann befasste sich in stärkerem Maße als seine Vorgänger mit den westslawischen Sprachen. In Leipzig widmete er sich bald dem Sorbischen und der Erforschung der Ortsnamen slawischer Herkunft in verschiedenen Regionen Deutschlands, übertrug die altrussische Nestorchronik ins Deutsche, beschäftigte sich mit den altrussischen Bylinen und mit dem Werk der russischen Dichter Turgenew und Tschechow. Trautmann war einer der letzten slawistischen Universalisten, denen es gelungen ist, Sprach- und Literaturwissenschaft, die Volksdichtung inbegriffen, in Forschung und Lehre zu repräsentieren.

Prof. Dr. A. Leskien
1840 - 1916
Begründer der Slavistik
an der Universität Leipzig

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es an der Universität Leipzig zunächst ein Slawisches Institut. Mit dessen Auflösung und Eingliederung in die Sektionen Theoretische und Angewandte Sprachwissenschaft (TAS) und Germanistik und Literaturwissenschaft kam es von 1968 bis zu Beginn der 90er Jahre auch zur institutionellen Entzweiung der slawischen Philologie. Davon ausgenommen blieb lediglich die Sorabistik , die aufgrund der besonderen Stellung der sorbischen Sprache und Kultur im Osten Deutschlands in einem eigenständigen Institut betrieben wurde. Im Ergebnis der Erneuerung der Universität in den Jahren nach 1989 wurde 1993 schließlich das heutige Institut für Slavistik gegründet, das die lange Tradition von Forschung und Lehre in allen slawischen Sprachen, Literaturen und Kulturen unter besonderer Berücksichtigung der deutsch-slawischen Namenforschung und Sprachkontaktforschung aufgegriffen hat und fortführt. Dabei sind heute die Sprach- und die Literaturwissenschaft zusammen mit der Kulturgeschichte/ Kulturstudien und der Sprachpraxis vier weitestgehend gleichwertige Komponenten. Hinzu kommt die Fachdidaktik für die Ausbildung in den Lehramtsstudiengängen.
Heute gehört das Institut für Slavistik mit insgesamt ca. 800 Studierenden zu den großen slawistischen Lehr- und Forschungseinrichtungen an deutschen Hochschulen.