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PROJEKTE
PROJEKTE / DETAIL
 

 






>> Thema: Lebens- und Arbeitswelten in Deutschland (Studie II)
   
Involvierte: Dr. Mark Trappmann (IAB), Dr. Ivar Krumpal (Universität Leipzig), Antje Kirchner (IAB)
   
Zeitraum: 2010 - 2011
  Projektstatus: laufend
  Finanzierung:
     
  Beschreibung:  
 





1. Die Studie

Gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) führt die Universität Leipzig eine Studie im Bereich der „Survey Methodology“ (Methode der Umfrageforschung) durch. Dieser im deutschsprachigen Raum noch relativ junge Zweig der soziologischen Forschung erlebt derzeit einen Aufschwung. Wie entstehen Daten, wo kommen sie her – das sind die zentralen Fragen. Unter dem Titel „Lebens- und Arbeitswelten in Deutschland“ werden durch das ForschungsWerk Umfrageinstitut (Nürnberg) 3.400 deutsche Privathaushalte in einer repräsentativen Umfrage telefonisch befragt.



2. Forschungsziele

Die Ziele der Studie lassen sich inhaltlich und methodisch voneinander abgrenzen. Zum einen soll untersucht werden, inwiefern Veränderungen am Arbeitsmarkt Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse der deutschen Wohnbevölkerung haben, zum anderen wird eine neuartige Befragungsmethode erprobt.



2.1 Inhaltliche Ziele

Der Arbeitsmarkt in der BRD unterliegt seit Jahren, inzwischen Jahrzehnten, starken Veränderungen. Kennzeichen sind die ständige Zunahme an Teilzeit-, geringfügig und häufig befristeten Beschäftigungsverhältnissen, die zu Lasten des klassischen „Normalarbeitsverhältnisses“ (unbefristete Vollzeitstellen) gehen. Politische Entscheidungen, wie z.B. die Reform der Leiharbeit, haben dabei direkten Einfluss auf die Lebenssituation von Beschäftigten und deren Angehörigen. Inhaltliches Ziel dieser Untersuchung soll sein herauszufinden, inwieweit diese Veränderungen die individuellen Einstellungen und Verhaltensweisen von Personen beeinflussen und ob beziehungsweise wie durch die neuen Einkommensmöglichkeiten  eine Anpassung an die neue Arbeitsmarktrealität stattgefunden hat.


Jedoch verweigern viele Befragte die Beantwortung solcher unangenehmen, auf ihre persönliche Meinung und Verhältnisse abzielenden Fragen. Vielfach machen sie falsche Angaben und geben eine sozial erwünschte Antwort. Daraus resultierende Schätzungen sind fast immer verzerrt und leiden zudem unter einer hohen Verweigerungsrate. Sie spiegeln demzufolge nicht die wahre Verteilung der Antworten zu den Fragen in einer Gesellschaft wieder und können nicht als gültige Resultate herangezogen werden. Vor diesem Hintergrund ergibt sich nun das zweite Forschungsziel der Studie:


2.2 Methodische Ziele

In den letzten Jahrzehnten der empirischen Sozialforschung wurden verschiedene Befragungstechniken entwickelt, die den oben erläuterten Verzerrungen entgegenwirken sollen. Sie beruhen auf dem Prinzip, dem Befragten Anonymität bei der Beantwortung ihm möglicherweise unangenehmer Fragen zuzusichern. Diese Techniken erlauben es nicht mehr, Aussagen über den einzelnen Befragten, sondern nur noch über die Gesamtheit aller Befragten, zu treffen. Somit können Antworten nicht mehr einzelnen Personen zugerechnet werden. Dadurch steigt der Schutz des einzelnen Befragten.


In der aktuellen Studie zu Lebens- und Arbeitswelten kommt eine innovative Befragungsmethode zur Anwendung: die Randomized Response Technik (RRT). Das Grundprinzip dieser Technik besteht darin, die Antworten des Befragten durch Zufall zu verschlüsseln, d.h. es wird mithilfe des Zufalls festgelegt, wie der Befragte die entsprechende Frage zu beantworten hat. Das Zufallsexperiment bildet hier ein Münzwurf: Vor jeder Frage werden vom Befragten drei Münzen geworfen, das Ergebnis teilt er dem Interviewer jedoch nie mit, sodass dieser den Ausgang des Münzwurfes nicht kennt. Dieses Ergebnis legt nun das Antwortverhalten des Befragten fest. In der folgenden Grafik ist ersichtlich, welche Ausgänge des Münzwurfes eintreten können und wie dementsprechend auf die Fragen zu antworten ist:

 

Grafik (hier klicken)

Angenommen ein Befragter erhält beim dreifachen Münzwurf dreimal ‚Zahl’ und ihm wird nun eine Frage gestellt (beispielsweise: „Haben Sie schon einmal falsche Angaben bei der Steuererklärung gemacht um weniger Steuern bezahlen zu müssen?“). In diesem Fall soll der Befragte automatisch mit „Ja“ antworten. Hätte er eine Kombination aus Zahl und Wappen geworfen, so hätte er dagegen eine wahrheitsgemäße Antwort gegeben. Somit entscheidet der Zufall, ob ein Befragter eine vorgegebene Antwort gibt oder ob er die Frage wahrheitsgemäß beantwortet. Mithilfe dieser Methode wird dem Befragten bei jeder Frage absolute Anonymität garantiert, da der Interviewer das Ergebnis des Münzwurfs nicht kennt. Dadurch ist es nicht möglich von einer Antwort auf eine bestimmte Meinung bzw. ein bestimmtes Verhalten zu schließen - ein „Ja“ kann sowohl die individuelle Antwort des Befragten widerspiegeln, als auch Resultat des Münzwurfs sein. Der Interviewer weiß somit nie, warum jemand „Ja“ sagt.

 
Um mit der RRT valide Ergebnisse zu gewinnen, genügt es nicht, den einfachen Anteil der „Ja“- bzw. „Nein“-Antworten zu nehmen, da ein „Ja“ sowohl die wahrheitsgemäße Antwort des Befragten bedeuten, als auch auf Grundlage des Münzwurfes (dreimal Zahl) resultieren kann. Somit muss der Anteil der „Ja“-Antworten die erwartungsgemäß aus dem Münzwurf resultieren herausgerechnet werden. Dafür steht eine sehr einfache und zugleich effektive Formel zur Verfügung:


Schätzwert
= [P("Ja") - 0.125] / [0.75]


Dabei bedeuten:

 P(„Ja“)

 Beobachtete Anzahl der Befragten, die mit „Ja“ geantwortet haben (geteilt durch die Anzahl aller Befragten)

 0,125

 Die Wahrscheinlichkeit einer automatischen „Ja“-Antwort durch den Münzwurf („dreimal Zahl“), siehe Grafik

 0,75

 Die Wahrscheinlichkeit, dass die Frage wahrheitsgemäß beantwortet werden soll (Kombination Wappen – Zahl), siehe Grafik

 

Beispiel: Angenommen bei einer Frage haben 670 von 2000 Befragten mit „Ja“ geantwortet, d.h. P(„Ja“) nimmt einen Wert von 670/2000=0.335 (33.5%) an. Rechnet man nun den Anteil der durch den Münzwurf erwarteten Antworten heraus, erhält man eine Schätzung von:

 

[0.335 - 0.125] / [0.75] = 0.28

 

Dieses Ergebnis lässt sich nun wie folgt interpretieren: Schätzungsweise 28 Prozent der Befragten haben die Frage wahrheitsgemäß mit „Ja“ beantwortet.
Mithilfe dieser Methode wird bei unangenehmen Fragen die Privatsphäre des einzelnen Befragten geschützt, es sind lediglich Aussagen über die gesamte Gruppe möglich.

 

 

3. Projektteam

Dr. Mark Trappmann

Dr. Ivar Krumpal

Antje Kirchner

Hagen von Hermanni (studentische Hilfskraft)



 

 

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