Komplexe Forschungsfragen zu beantworten, verlangt immer mehr eine dynamische Vernetzung der wissenschaftlichen Disziplinen. Die Universität Leipzig gründet als Reaktion auf diese Herausforderung mit Mitteln des Freistaates Sachsen ihre ersten drei „Leipzig Labs“ zu den Themen Global Health, Kindheitsforschung sowie Immateriellen Werten.

Die Arbeitsgruppe „Kinder und Natur“ erforscht die Beziehungen von Kindern zu ihrer Umwelt in unterschiedlichen kulturellen Kontexten und diskutiert hier im Eröffnungsworkshop über die Forschung. Foto: Christian Hüller

Ein innovatives Förderprogramm für exzellente Forschungsfelder

Die Leipzig Labs ermöglichen den Beteiligten, in interdisziplinären Projektteams neue Formen der Zusammenarbeit auszuprobieren, die sonst eher an Advanced Study Instituten üblich sind. In der historischen Villa Tillmanns erhalten die Mitglieder der Leipzig Labs einen eigenen Ort für ihre Arbeit und die Begegnung mit internationalen Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern.

Thematisch sollen vor allem die an unserer Universität bereits verfolgten Fragestellungen größerer Verbünde und Zentren gezielt aufgenommen, weiterentwickelt oder hinterfragt werden. Die Universität verspricht sich hiervon sowohl neue Impulse für ihre strategischen Forschungsfelder als auch Ideen, wie sie sich als Forschungsuniversität weiterentwickeln kann.

Die Arbeitsgruppen der Leipzig Labs

In den ersten drei interdisziplinären Arbeitsgruppen der Leipzig Labs forschen Teams aus Leipziger Professorinnen und Professoren und Nachwuchsforschenden gemeinsam mit internationalen Gästen zu den Themen „Global Health“, „Intangibles“, und „Kinder und Natur”:

Das Leipzig Lab Intangibles untersucht Bruchstellen derjenigen rechtlichen und ökonomischen Ordnung, die durch den Begriff des Eigentums eröffnet und bestimmt wird. Solche Bruchstellen liegen dort, wo sich der Begriff des Eigentums in neue, ihm ursprünglich nicht zugehörige Bereiche ausdehnt und ausdehnen muss.

Dazu gehören zum Beispiel der Bereich der geistigen und künstlerischen Tätigkeit und ihrer Resultate (etwa als Gegenstand des Urheberrechts), der Bereich im weiten Sinn ethischer Orientierungen und Haltungen und ihrer Folgen (etwa als weiche Produk­tions­faktoren) und der Bereich der natürlichen Lebensgrundlagen (etwa als handelbares Recht, giftige Stoffe auszustoßen, oder als handelbare Pflicht, sie zu entsorgen oder unschädlich zu machen).

Die in diesen Feldern anzutreffenden Werte müssen einerseits, um innerhalb der rechtlichen und ökonomischen Ordnung behandelt werden zu können, als Eigentum und Kapital bestimmt werden, andererseits widersetzen sie sich ihrer eigenen inneren Tendenz nach der Unterordnung unter den Begriff des Eigentums. Ein Merkzeichen dieser Tendenz ist es, daß sich die fraglichen Werte als etwas darstellen, das sich nicht anfassen lässt – sie sind intangibel – und das sich also nicht in einen beherrschten Raum, von dem andere ausgeschlossen sind, einfangen läßt. Was hier als Ungreifbarkeit und Flüchtigkeit dieser Werte erscheint – sie sind ungreifbar wie die schöne Melodie und flüchtig wie die frische Luft – steht ihrer konkreten und durchdringenden Wirkung in allen Lebensbereichen gegenüber.

Die leitende Idee des Lab ist, dass in den Spannungen, die in der ökonomischen und juridischen Bearbeitung intangibler Werte auftreten, die soziale und ethische Grundlage der Ordnung des Eigentums konkret wird, die innerhalb dieser nicht reflektiert werden kann. Die technischen und begrifflichen Schwierigkeiten, welche die dynamische Entwicklung des Eigentumsbegriffs in Disziplinen wie der Ökonomie und der Rechtswissenschaft aufwirft, weisen deshalb über sich hinaus. In ihnen wird eine in sich agonale Einheit von ökonomisch-rechtlicher Ordnung einerseits und ethischen Formen menschlicher Gemeinschaft andererseits zum Gegenstand. Ihre Bearbeitung in den jeweiligen Disziplinen muß daher hineinführen in den umfassenden Zusammenhang des wertsetzenden und wertschätzenden gemeinsamen menschlichen Lebens, den auf verschiedene Weise Philosophie und Theologie in seiner Ganzheit zu begreifen suchen. Umgekehrt streifen philosophische und theologische Überlegungen zur Quelle intangibler Werte nur die Oberfläche ihres Gegenstands, wenn sie nicht die Tiefe seiner ökonomischen und rechtlichen Wirklichkeit, die heute einen globalen Maßstab hat, ausloten. Das Leipzig Lab Intangibles untersucht deshalb interdisziplinär die gegenwärtige Tendenz der Ausdehnung rechtlicher und ökonomischer Begriffe in Bereiche, die in diesen Begriffen als schwer fixierbar erscheinen, um darin die inneren Brüche und Spannungen des gegenwärtigen Ganzen des gemeinsamen menschlichen wertbezogenen Lebens zu durchdenken.

 

Mitglieder

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Prof. Dr. Christian Berger

Universitätsprofessor

Bürgerliches Recht/Zivilprozessrecht/Urheberrecht
Juridicum
Burgstr. 27, Raum 5.04
04109 Leipzig

Telefon: +49 341 97-35311
Telefax: +49 341 97-35319

Prof. Dr. Rochus Leonhardt

Prof. Dr. Rochus Leonhardt

Universitätsprofessor

Systematische Theologie/Ethik
Institutsgebäude Theologie
Martin-Luther-Ring 3-5, Raum 301
04109 Leipzig

Telefon: +49 341 97-35452

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Prof. Dr. Sebastian Rödl

Universitätsprofessor

Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie
Geisteswiss. Zentrum
Beethovenstr. 15, Raum 1105
04107 Leipzig

Telefon: +49 341 97-35800
Telefax: +49 341 97-35819

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Dr. Rebekka Gersbach

Institut für Philosophie
Beethovenstraße 15
04107 Leipzig

Tel.: +49 341 97-35814

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Florian Priesemuth

Wiss. Mitarbeiter

Systematische Theologie/Ethik
Institutsgebäude Theologie
Martin-Luther-Ring 3-5
04109 Leipzig

„Global Health“ (globale Gesundheit) ist gegenwärtig zu einem Leitbegriff politischer Debatten und gesundheitspolitischer Interventionen geworden. Krankheiten haben noch nie vor Ländergrenzen Halt gemacht; Epidemien werden oft in konzertierten Aktionen bekämpft. Doch nicht nur Viren überschreiten Grenzen, sondern auch ganz unterschiedliche Gesundheitskonzepte und – damit eng verknüpft – unterschiedliche Vorstellungen vom Körper (und Geist). Das Leipzig Lab „Global Health“ untersucht aus soziologisch-anthropologischer und geschichtswissenschaftlicher Perspektive, wie sich Konzepte von Gesundheit historisch verändert haben, auf welche Weise diese Vorstellungen global zirkulieren und sich verändern.

Es geht dem Lab „Global Health“ also darum, die Wandelbarkeit von Gesundheitsvorstellungen deutlich zu machen und aktuelle Entgrenzungsdynamiken des Gesundheitsbegriffs nachzuzeichnen. In letzter Zeit sind zunehmend Praktiken zentral geworden, die auf Wohlbefinden, wellness sowie auf eine Selbstoptimierung des Körpers abzielen. Krankheit erscheint in auf Prävention und selbstverantwortliche Lebensführung abzielenden Gesellschaften geradezu als individuelles Scheitern. Der Verletzlichkeit und Verwundbarkeit von Individuen, aber auch von bestimmten sozialen Gruppen wird u.E. dabei nicht ausreichend Rechnung getragen. Außerdem ist ein Abweichen von Gesundheitsidealen dann oft mit großen sozialen Kosten und gesellschaftlichem Ausschluss verbunden – man denke da etwa an das Beispiel Dicksein.

Die Untersuchung von Verschiebungen im Gesundheitsverständnis und regional unterschiedlichen Vorstellungen von Gesundheit macht deutlich, dass wir es nie mit nur einer Gesundheit, sondern mit ganz unterschiedlichen Gesundheits- und Körperprojekten zu tun haben. Diese gilt es, besser zu verstehen, um zum einen gesundheitspolitische Interventionen kontextsensibel reflektieren zu können und zum anderen soziale Ungleichheiten (nicht nur) auf dem Gebiet der Gesundheitsversorgung adressieren zu können. Wie nehmen ganz unterschiedlich situierte Menschen in verschiedenen Regionen die global zirkulierenden Diskurse über Gesundheit und Körperlichkeit wahr? Wie eignen sie sich diese an, um sie für ihr spezifisches Lebensumfeld passfähig zu machen? Und welche Bewertungen erfahren vor diesem Hintergrund unterschiedliche Verhaltensweisen und Körper?

Auf der Basis dieser Forschungsagenda wird das Leipzig Lab „Global Health“ zum einen die gesundheitsbezogene Forschung an der Universität Leipzig durch eine transregionale und globale Perspektive entscheidend erweitern. Zum anderen soll mit dem Thema „Global Health“ auch ein neuer und zukunftsträchtiger Akzent im Profilbereich „Globale Verflechtungen und Vergleiche“ gesetzt werden.

 

Mitglieder

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Dr. Nina Mackert

Wiss. Mitarbeiterin

Vgl. Kultur- /Gesellschaftsgeschichte d. modernen Europas (18.-21.Jhd)
Geisteswiss. Zentrum
Beethovenstr. 15
04107 Leipzig

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Prof. Dr. Maren Möhring

Universitätsprofessorin

Vgl. Kultur- /Gesellschaftsgeschichte d. modernen Europas (18.-21.Jhd)
Geisteswiss. Zentrum
Beethovenstr. 15, Raum 5-107
04107 Leipzig

Telefon: +49 341 97-35680
Telefax: +49 341 97-35698

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Prof. Dr. Marian Burchardt

Universitätsprofessor

Soziologie mit Schwerpunkt Transregionalisierungsprozesse
Geisteswiss. Zentrum
Beethovenstr. 15, Raum 4107
04107 Leipzig

Telefon: +49 341 97-35661
Telefax: +49 341 97-35669

Entwicklung nachhaltiger Beziehungen zur natürlichen Umwelt

Warum teilen wir unser Bett mit Hunden und Katzen, aber essen Schweine und Hühner? Warum spenden wir für den Erhalt des Lebensraumes von Orang-Utans, aber ignorieren das Insektensterben? Warum töten wir Fliegen, Wespen oder Mücken, aber zögern bei Schmetterlingen? Warum interessiert uns das Schicksal getöteter Küken, aber nicht das lebenslange Leid von Hühnern in der Massentierhaltung?

Die Beziehungen des Menschen zu anderen Lebewesen ist vielfältig und komplex. Doch sie variieren nicht nur in Abhängigkeit von der Spezies und ob es sich bei dieser um ein Haustier, Nutztier, Schädling, Krankheitsüberträger oder Fressfeind handelt. Die Einstellungen zu ein und derselben Art variieren ebenfalls in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext und der kulturspezifischen Rolle einer Art in einer bestimmten Gesellschaft. So werden beispielsweise in Deutschland etwa 3,5 Millionen Rinder pro Jahr geschlachtet, während sie in vielen Teilen Indiens als heilig und damit unantastbar gelten. Während der Hund hier oft Teil der Familie oder gar Sozialpartner ist, lebt der Großteil der Hunde weltweit als ungebundene „Streuner“, werden als unreine Tiere vermieden oder als Delikatesse gegessen. Schimpansen in europäischen Zoos faszinieren Menschen aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu uns selbst, während sie in Uganda als Nahrungskonkurrenten oder sogar Todfeinde gefürchtet und gehasst werden.

Wie entsteht diese Vielfalt an unterschiedlichen Beziehungen? Wie entwickeln sich unsere Einstellungen zu anderen Arten im Laufe unseres Lebens? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Labs‘ „Kinder und Natur“. Ziel ist es, die Vielfalt der Beziehungen von Kindern zu ihrer belebten, und auch unbelebten Umwelt, wie zum Beispiel Wasser oder andere Ressourcen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu erforschen. Das Lab untersucht, wie sich die kognitiven und emotionalen Einstellungen von Kindern zu anderen Lebewesen vom Vorschulalter bis in die Jugend entwickeln, ob sich diese von den Einstellungen Erwachsener unterscheiden und welche individuellen Faktoren, wie zum Beispiel persönliche Eigenschaften wie Empathiefähigkeit und Temperament, aber auch soziale und religiöse Wertvorstellungen, diesen Entwicklungsprozess prägen. Hierfür werden anthropologisch informierte, kultur-sensitive experimentelle Methoden entwickelt, welche das jeweilige kulturelle Setting berücksichtigen und gleichzeitig den Vergleich kindlicher Beziehungen zu ihrer Umwelt in verschiedenen Orten der Welt ermöglichen. 

Langfristiges Ziel ist, aus den Erkenntnissen dieses Projektes kultursensitive Bildungsprogramme zu entwickeln, die respektvolle und nachhaltige Beziehungen von Kindern zu ihrer sozialen und ökologischen Umwelt fördern.
 

Mitglieder

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Prof. Dr. Katja Liebal

Professorin für Vergleichende Entwicklungspsychologie (FU Berlin), Leipzig Labs Gastwissenschaftlerin

Leipzig Labs
Villa Tillmanns
Wächterstraße 30
04107 Leipzig

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Prof. Ph. D. Daniel Benjamin Moritz Haun

Vertretung der Professur

Frühkindliche Entwicklung und Kultur
Jahnallee 59
04109 Leipzig

Telefon: +49 341 97-31871
Telefax: +49 341 97-31879

Aktuelle Veranstaltungen

Opening Workshop AG „Global Health“
2. – 3.12.2019

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