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Die von der Leipziger Universitätsprofessorin Carmen Bachmann ins Leben gerufene Initiative „Chance for Science“ hat jetzt Lehrvideos veröffentlicht, die geflüchteten Wissenschaftlern den beruflichen Neubeginn sowie die Vernetzung mit Kollegen erleichtern sollen. Die insgesamt elf Kurzfilme, die auch auf dem Youtube-Kanal der Universität Leipzig zu finden und mit Unterstützung des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft entstanden sind, informieren unter anderem über Spezifika der deutschen Hochschullandschaft, das Leben auf dem Campus sowie die Anerkennung von akademischen Titeln. Unter „Career Development“ wird Hilfestellung zu Bewerbungsanforderungen und prozessen gegeben.

Das Team bei der Sichtung und Vertonung der Lehrvideos, v.l.n.r. Florian Schlecht, Initiatorin Prof. Dr. Carmen Bachmann, Johannes Gebhardt, Anna Hanitzsch.

Das Team bei der Sichtung und Vertonung der Lehrvideos, v.l.n.r. Florian Schlecht, Initiatorin Prof. Dr. Carmen Bachmann, Johannes Gebhardt, Anna Hanitzsch. Foto: privat

Der Block „Teaching and Research“ befasst sich mit wissenschaftlichem Arbeiten und wie man einfacher einen Doktorvater findet. „Auch auf diesem Gebiet gibt es kulturelle Unterschiede, die den meisten Geflüchteten nicht bewusst sind“, erklärt Prof. Dr. Carmen Bachmann, die an der Universität Leipzig Lehrstuhlinhaberin für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät ist.
Die Videos wurden in englischer Sprache aufgenommen. Es besteht zudem die Möglichkeit, deutsche, arabische oder türkische Untertitel auszuwählen.

In Workshops mit geflüchteten Akademikern im Jahr 2017 in Leipzig habe sie gemerkt, dass teilweise ein enormes Informationsbedürfnis zu grundlegenden Themen bestehe, die in den einzelnen Herkunftsländern ganz anders angegangen werden, berichtet Bachmann. Zum Beispiel gebe es häufig deutliche Unterschiede in der akademischen oder wissenschaftlichen Laufbahn. Auch die akademische Landschaft in den Herkunftsländern sei oft anders strukturiert als in Deutschland.

„Wir haben auch bei der Arbeit mit Geflüchteten gemerkt, dass teilweise einfach schon der Lebenslauf – trotz guter fachlicher Qualifizierung – nicht den deutschen Konventionen entspricht. Dies macht es natürlich Geflüchteten auch nicht leichter, in dem hier doch sehr kompetitiven Umfeld zu bestehen“, sagt Bachmann. Die digitale Plattform kenne im Gegensatz zu Workshops keine Teilnehmerbegrenzung und kann beliebig skaliert werden. Zugleich fehlten die finanziellen Mittel für weitere Workshops.

Ehrenamtliche Initiative im Jahr 2015 ins Leben gerufen

Bachmann hat im September 2015 die Initiative „Chance for Science“ ehrenamtlich ins Leben gerufen. „Die Idee war, dass es zahlreiche Geflüchtete gibt, die nicht darauf warten können, bis wir Anträge stellen, Drittmittel einwerben und einen Projektplan entwerfen. Vielmehr wollten zwei Mitarbeiter und ich damals einfach sofort aktiv werden, um geflüchtete Akademiker mit deutschen Akademikern zu vernetzen mit dem Ziel, dass diese nicht untätig und ohne ihr Wissen einsetzen zu können in Flüchtlingsunterkünften sitzen“, sagt sie. Zu Beginn der Initiative hätten sich meist syrische Akademiker an sie gewandt. Seit etwa zwei Jahren gebe es deutlich mehr Anfragen von türkischen Geflüchteten. Während aus Syrien Geflüchtete aller Bildungsschichten nach Deutschland kamen, ist bei Geflüchteten aus der Türkei der Akademikeranteil deutlich höher, berichtet Bachmann. Im Austausch mit türkischen Geflüchteten seien auch Themen wie „akademische Freiheit“ deutlich präsenter. Derzeit sind 754 Personen, darunter 262 Geflüchtete, auf der Plattform angemeldet. Die Geflüchteten können sich eigenständig registrieren und dort nach Fachkollegen suchen. Regelmäßig kommen auf Bachmann per Telefon oder E-Mail geflüchtete Akademiker zu mit der Bitte, Kontakte zu deutschen Fachkollegen zu knüpfen. Auf diesem Weg wurden bereits einige geflüchtete Wissenschaftler vermittelt.
„Es ist ein spezielles Bedürfnis, wenn man sich auf einem Fachgebiet auskennt, dass man sich damit weiterbeschäftigt. Nicht genutztes Wissen, welches ja hart erarbeitet wurde, geht verloren“, warnt die Professorin. „Die Bereitschaft von Hochschullehrern, sich auf ihrem Fachgebiet mit Ihrer Expertise ehrenamtlich in die Gesellschaft einzubringen, könnte noch besser genutzt werden.“

Die Plattform

Auf dem Portal können geflüchtete Wissenschaftler und Forscher deutscher Universitäten und anderer Forschungsinstitutionen sowie auch Akademiker und Studierende entsprechend ihrer Fachrichtung Profile mit Angaben zur bisherigen Tätigkeit erstellen. Über eine integrierte Nachrichtenfunktion besteht die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme. Eine Einbindung in den wissenschaftlichen Diskurs kann beispielsweise erfolgen durch einen Zugang zur Bibliothek, die Einladung zu Veranstaltungen, Gastvorlesungen und Treffen der Forschungseinrichtung, das gemeinsame Verfassen wissenschaftlicher Publikationen oder gelegentliche Skype-Treffen zum wissenschaftlichen Austausch.                                                       

 

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