Pressemitteilung 2020/102 vom

"Home-Religion" und Gottesdienste im digitalen Raum: In Zeiten der Corona-Krise werden unterschiedlichste Formate zum Ausüben religiöser Praxis entwickelt - und das nicht nur von Anhängern des christlichen Glaubens. Virtuelle Angebote gibt es auch im Judentum und im Islam. Prof. Dr. Alexander Deeg (47) vom Institut für Praktische Theologie der Universität Leipzig bewundert die Kreativität, die Gläubige in diesen Zeiten hervorbringen.

Prof. Dr. Alexander Deeg

Prof. Dr. Alexander Deeg Foto: Theologische Fakultät/Universität Leipzig

Welche Möglichkeiten gibt es in Zeiten der Corona-Krise für Christen und Gläubige anderer Religionen in Deutschland und im Ausland, ihre Religion auszuüben?

Religiöse Praxis verlagert sich derzeit aus den Sakralräumen in die eigenen vier Wände – und wird dort vielfach mit Hilfe des Internets am Laufen gehalten. Es gibt also Home-Religion und eine immens gesteigerte religiöse Praxis im digitalen Raum. Die Kreativität, die sich zeigt, ist bewundernswert: Gottesdienste in ganz unterschiedlichen Formaten werden entwickelt – als You-Tube-Videos, Live-Streams, Audio-Podcasts, Chat-Rooms. Gemeinsame Gebete im Netz, religiöse Chat- und Online-Seelsorge-Formate, die es auch bisher schon gab, werden weit intensiver nachgefragt.

Meiner Wahrnehmung nach war es bisher eher ein kleiner Teil der jüngeren Pfarrer- oder Priesterschaft, die sich an der Entwicklung solcher Angebote beteiligten. Nun werden viele aktiv. So soll es zum Beispiel auch den Universitätsgottesdienst am Karfreitag und die Universitätsgottesdienste am Ostersonntag und Ostermontag aus der Leipziger Universitätskirche ebenfalls online geben – und wir erarbeiten gerade ein Format dafür.

Virtuelle Formen von religiöser Praxis begegnen uns auch im Judentum und Islam – beides Religionen, für die das gemeinsame Gebet in der Synagoge bezeihungsweise der Moschee eigentlich eine große Rolle spielt. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland und der Koordinationsrat der Muslime haben bereits am 13. März 2020 die Freitagsgebete in den Moscheen ausgesetzt, am 16. März 2020 auch das fünfmal tägliche Gebet. In den Synagogen gibt es derzeit keine gemeinsamen Gebete und Gottesdienste. Stattdessen finden sich aber auch hier Freitagspredigten, Predigten und Bibelauslegungen zum Shabbat im Internet.

All diese Angebote bieten eine große Chance: Sie ermöglichen einen niederschwelligen Zugang für Interessierte. Jede und jeder kann via Internet sehen, was verschiedene Religionen und Konfessionen derzeit sagen und anbieten. Gleichzeitig werden viele aktiv, die bislang in den kirchlichen Kontexten mit ihren Erfahrungen weniger zum Zug kamen – vor allem junge Menschen und all die sogenannten "Laien". Aber viele neue Formate zeigen auch, dass es theoretisch und praktisch noch einiges zu entwickeln gibt. Ich denke, wir werden nach der Krise viel Material für weiterführende praktisch-theologische Forschungsarbeiten haben.

In diesen Tagen gibt es eine engagierte Diskussion in den evangelischen Kirchen, ob das Abendmahl online gefeiert werden kann oder nicht. Menschen sitzen zuhause und hören sich die Einsetzung des Abendmahls über das Internet an, essen dann ein Stück Brot und trinken Wein oder Saft. Ich selbst positioniere mich dagegen – und meine, dass es Zeiten gibt, in denen wir es als Christenmenschen aushalten müssen, dass nicht alles geht, Zeiten des Fastens. Andere argumentieren, dass gerade in Notzeiten das sinnliche Zeichen des Abendmahls ganz besonders nötig ist – und es auch durchaus eine virtuelle Abendmahlsgemeinschaft geben könne. Das sind akademisch spannende und zugleich sehr existentielle Fragen.

Übrigens: Auch jenseits des Internets kann Religion leben – und viele entdecken auch dies gerade wieder. Die Bibel als Lesebuch, das Gesangbuch als spiritueller Begleiter, die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine und viele andere Medien ermöglichen alltägliche spirituelle Praxis im familiären Kreis oder ganz allein. Im Judentum und im Islam ist es ohnehin so, dass das alltägliche Gebet auch zu Hause praktiziert werden kann.

Was ist Ihrer Ansicht nach aktuell dabei die größte Herausforderung?

Ein Problem ist natürlich, dass digitale Formate an manchen vorbeigehen, die uns am dringendsten bräuchten: die älteren Menschen, die kaum oder gar nicht im digitalen Raum unterwegs sind. Aber auch darüber hinaus gibt es große Herausforderungen – etwa wenn es darum geht, Sterbende zu begleiten oder Beerdigungen zu organisieren. Die Gemeinschaft und die face-to-face-Kommunikation spielen für den Abschied und die Trauer eine immense Rolle. Dass Vieles jetzt nur noch telefonisch möglich ist und Beerdigungen in kleinstem Kreis gefeiert werden müssen, ist belastend. Im Islam und Judentum sind die Herausforderungen noch größer, da normalerweise nicht in einem Sarg bestattet wird und das Kremieren von Leichen verboten ist. Der Umgang mit den Toten ist im Kontext einer Pandemie daher besonders schwierig.

Hinzu kommt, dass Religionsgemeinschaften für die Ärmsten in der Gesellschaft da sein wollen und müssen. Etwa im Bereich der Obdachlosenarbeit ist dies im Moment durch das weitgehende Kontaktverbot schwierig. Viele Gemeinden organisieren Lebensmittelspenden, die kontaktlos weitergegeben werden können. Aber generell geht den Kirchen und Religionsgemeinschaften durch fehlende Kollekten und voraussichtlich ausfallende Steuern viel Geld verloren, das unter anderem bei Hilfsprojekten fehlen könnte. Manche sprechen von 30 Prozent weniger Finanzmitteln im laufenden Jahr. Eine Aufgabe, die Kirchen und Religionen derzeit wahrnehmen, ist es auch, den Blick dorthin zu wenden, wo sich die mediale Aufmerksamkeit gerade nicht konzentriert, etwa auf die Flüchtlingslager im Libanon, in Nordsyrien, in der Türkei oder auf Lesbos.

Gebraucht werden Kirchen und Religionen auch in der Seelsorge für jene, die in diesen Tagen besonders belastet sind: Ärztinnen, Pfleger, Verkäuferinnen, Taxifahrer und viele andere. Es geht meines Erachtens darum, nicht vorschnell religiöse Antworten zu geben und Deutungen zu liefern, sondern auszuhalten, dass wir Fragen haben, dass wir in der Not sind – und unsere Not Gott gegenüber adressieren.

Ganz aktuell stehen übrigens in den drei monotheistischen Religionen die großen Feste bevor: Am 8. April beginnt das jüdische Passafest, das klassischerweise als fröhliches Familienfest gefeiert wird; kurz darauf ist Ostern, und um den 23. April beginnt der Ramadan, zu dem eigentlich das gemeinsame und ausgelassene Fastenbrechen am Abend nach Sonnenuntergang gehört. Hier wird es darum gehen, neue und andere Feierformen zu entwickeln.

Inwieweit erreicht man Gläubige, zu denen gerade auch Deutschland viele ältere Menschen gehören, mit Angeboten wie beispielsweise virtuellen Gottesdiensten?

Die Internet-Nutzung der über 60-Jährigen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Sie liegt allerdings in der Tat noch immer weit unter der der anderen Altersgruppen. Damit ergibt sich in das Problem, dass diejenigen, die sonst besonders treue Gottesdienstbesucher sind oder sehr regelmäßig am Gebet in Synagogen oder Moscheen teilnehmen, durch virtuelle Angebote nicht erreicht werden. Hier bleiben traditionelle Angebote wie Fernsehgottesdienste eine gute Möglichkeit, deren Einschaltquoten in den vergangenen Wochen stark gestiegen sind. Manche Gemeinden werden auch anders kreativ – und hängen ein frisch gedrucktes „Wort zum Sonntag“ an den Kirchenzaun oder organisieren Telefonketten, durch die sich Menschen vernetzten können.

Pfarrer können jetzt nicht mehr in Seniorenheime und andere Einrichtungen gehen. Gibt es andere Möglichkeiten, den Betroffenen kirchlichen Beistand zu geben? Wie sieht hier die Praxis gerade aus?

In dringenden Notfällen ist ein Besuch durch Seelsorgerinnen und Seelsorger von außen unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen noch möglich, etwa um katholischen Christinnen und Christen das Sterbesakrament zu gewähren, in der Regel aber nicht. Das bedeutet, dass auf die Mitarbeitenden in den Einrichtungen noch mehr Aufgaben und noch mehr Verantwortung zukommt. Faktisch müssen sie nicht nur als Pflegerinnen und Pfleger unter erschwerten Bedingungen fungieren, sondern verstärkt auch als Seelsorgerinnen und Seelsorger. Ein Ziel vieler Seelsorgeeinrichtungen ist es daher, sich derzeit verstärkt um die Pflegerinnen und Pfleger sowie die Ärztinnen und Ärzte zu kümmern und sie zu unterstützen. Aber auch hier wächst derzeit viel Kreativität. Es entstehen neue Publikationen, die an Menschen in Einrichtungen und Heime gegeben werden, Telefonkontakte werden ausgebaut, und spontane Konzerte vor den Balkonen von Seniorenheimen finden statt.

Hinweis:
Prof. Dr. Alexander Deeg ist einer von mehr als 150 Experten der Universität Leipzig, auf deren Fachwissen Sie mithilfe unseres Expertendienstes zurückgreifen können.