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Der Leipziger Auwald gehört zu den größten erhaltenen Auwaldbeständen in Mitteleuropa. Doch die Aue ist gefährdet – nicht nur Trockenheit und Klimawandel, sondern auch menschliche Eingriffe machen ihr zu schaffen. Diese Belastungen sowie Möglichkeiten zur Revitalisierung dieses Waldgebiets waren am Donnerstag (27. August) die Themen eines gemeinsamen Besuches am Leipziger Auwaldkran, an dem Prof. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), Wolfram Günther vom Sächsischen Umweltministerium, Rüdiger Dittmar vom Amt für Stadtgrün und Gewässer der Stadt Leipzig und Prof. Dr. Christian Wirth vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Universität Leipzig teilnahmen.

Intakte Flussauen und Auwälder sind Hotspots der biologischen Vielfalt und ein Garant wichtiger Ökosystemleistungen: Sie bieten Lebensraum für zahlreiche Tier und Pflanzen, sind Naherholungsgebiet und regulieren das Klima. Das macht sie auch für den Menschen extrem wertvoll und schützenswert. Doch keine Aue ohne Wasser – regelmäßige Überschwemmungen verbinden die verschiedenen Lebensräume des Ökosystems und machen seinen besonderen Charakter aus. Der Leipziger Auwald, einer der größten seiner Art in Mitteleuropa, leidet unter Trockenheit, Klimawandel und vor allem den menschengemachten Eingriffen in den Wasserhaushalt.

„Die Leipziger Aue ist ein chronisch kranker Patient – und diese chronische Krankheit heißt ‚Neue Luppe‘“, erklärte Prof. Dr. Christian Wirth von iDiv und der Universität Leipzig auf der gemeinsamen Pressekonferenz des Sächsischen Umweltministeriums und der Stadt Leipzig. Der künstlich angelegte Kanal soll dem Hochwasserschutz dienen, lege aber auch viele Fließgewässerrinnen trocken. „Die Neue Luppe trocknet die Aue aus, sie verhindert Überschwemmungen und trennt die Lebensräume voneinander,“ so Christian Wirth weiter. „Viele Fließgewässerrinnen sind mittlerweile trocken, Wiesen sind in Äcker umgewandelt, Feuchtgebiete entwässert.“

Leipziger Auwald leidet unter Trockenstress

Die Hartholzaue, besser bekannt als der Leipziger Auwald, ist schon lange und sichtbar stark degeneriert. Dazu zählt auch die Ausbreitung des Ahorns, der im Unterholz einen dichten Teppich bildet. Dem wirken normalerweise Überflutungen entgegen, denn der Ahorn verträgt keine nassen Füße – doch Überflutungen gibt es schon lange nicht mehr. Da somit weniger Licht in die bodennahen Schichten gelangt, kann sich die für die Aue wichtige Eiche nicht mehr verjüngen. „Wenn wir den Auwald mit seinen Eichen anschauen, blicken wir also in die Vergangenheit“, sagte Christian Wirth. „Wenn wir in die Zukunft blicken könnten, würden wir einen Ahornwald sehen.“

Wie sich dies in Kombination mit dem akuten Trockenstress der vergangenen Jahre auswirkt, wird unter anderem vom Auwaldkran von iDiv und im Projekt ‚Lebendige Luppe‘ untersucht. So zeigten die Beobachtungen und Messungen der vergangenen Jahre einen deutlichen Einbruch beim Wachstum der drei Hauptbaumarten Eiche, Esche und Ahorn. Im Jahr 2018 lichtete sich bereits ab Juli die Krone auf, ein vorzeitiger Herbst brach ein. Ein alarmierendes Zeichen: „Das sollte in Auwäldern überhaupt nicht passieren, denn die Bäume sollten eigentlich Grundwasserkontakt haben. Das ist hier offensichtlich nicht der Fall“, erklärte Christian Wirth. Die Forscher fanden zudem Hinweise auf eine deutlich geringere Verdunstung über die Baumkronen. Das hat für die Leipziger ganz praktische Folgen: Der Auwald fällt als Klimaanlage aus. Unter den gegebenen Umständen können sich die Bäume nicht mehr gegen Krankheiten und Fraßfeinde zur Wehr setzen – darunter leiden insbesondere Ahorn und Esche.

Ökologischer statt technischer Hochwasserschutz

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, ist eine Revitalisierung der Aue notwendig. „Die Aue braucht Wasser – und vor allem braucht sie dynamisches Wasser und sie braucht das in der ganzen Fläche“, erklärte Christian Wirth. Dafür müssten alte Fließgewässerrinnen angeschlossen und dynamisiert werden, die Neue Luppe hingegen könnte in ein Hochflutbett umgewandelt werden; Ackerflächen sollten zu Wiesen werden.

Der Ernst der Lage ist auch dem Sächsischen Umweltminister Wolfram Günther bewusst: „Für die Revitalisierung des Auwalds braucht es die Integration verschiedener Ansprüche und Notwendigkeiten in einer ökologisch ausgerichteten Gesamtkonzeption. Und es braucht die Kooperation der beteiligten Kommunen. Das gehen wir jetzt an.“ Neben einer Anbindung alter Flussläufe in der Nordwestaue seien weitere Renaturierungsmaßnahmen an der Unteren Weißen Elster geplant, um eine auentypische Überschwemmungs- und Grundwassersituation zu schaffen. 

Mittelfristig regt das Sächsischen Umweltministerium eine Integration laufender Projekte, darunter auch das Projekt ‚Lebendige Luppe‘, in ein Gesamtkonzept zur Entwicklung der Leipziger Auenlandschaft an, das die gesamte Elster-Luppe-Aue im Freistaat Sachsen einbezieht. Fest steht: Während jetzt schnelles Handeln gefragt ist, wird es Jahre dauern, bis sich die Natur erholt hat. „Wenn wir diese Aufgabe nicht lösen, werden wir Menschen darunter in vielfacher Hinsicht zu leiden haben“, so Christian Wirth.