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Die sogenannte „Leichte Sprache“ soll vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten helfen, Texte aus den verschiedensten Lebensbereichen zu verstehen. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Leichte Sprache im Arbeitsleben“ (LeiSA) der Universität Leipzig hat sich mehr als drei Jahre lang mit dieser Thematik befasst. Linguistinnen des Forschungsprojekts untersuchten, wie verständlich „Leichte Sprache“ wirklich ist, ob Texte durch die derzeitigen Regeln tatsächlich leichter lesbar und besser verständlich sind und ob sie die Teilhabechancen im Arbeitsleben verbessern. Im Ergebnis bewerteten sie die bisherigen Regeln Leichter Sprache insgesamt eher kritisch. Vor wenigen Tagen sind nun die Praxis-Empfehlungen „‘Leichte Sprache‘- Kein Regelwerk“ erschienen.

Cover der Broschüre "Leichte Sprache" - Kein Regelwerk

Cover der Broschüre "Leichte Sprache" - Kein Regelwerk Foto: Verlag Frank & Timme

Die am Projekt beteiligte Sprachwissenschaftlerin Bettina M. Bock ist Autorin des Ratgebers und hat versucht, ganz praktische Hinweise aus den LeiSA-Forschunsgergebnissen abzuleiten. Sie gibt Empfehlungen, um Texte in Leichter Sprache noch verständlicher zu formulieren. Zudem hat sie Angemessenheitskriterien für Formulierungen in Leichter Sprache formuliert. Die sogenannte „Leichte Sprache“, wie sie in Behörden und den Medien bereits vielfach umgesetzt wird, soll Menschen mit Lernschwierigkeiten, funktionalen Analphabeten, Deutschlernenden, Demenzkranken, Hörgeschädigten und anderen Zielgruppen helfen, Texte aller Art leichter zu verstehen. Sprachwissenschaftlerinnen der Universität Leipzig führten im Rahmen des Projekts LeiSa empirische Verständnis-Tests mit zwei Zielgruppen durch: Menschen mit Lernschwierigkeiten sowie Menschen mit geringen Lesekompetenzen/funktionale Analphabeten.
Einige Prinzipien konnten dabei bestätigt werden, andere wurden aber auch deutlich widerlegt. „Bisher geht man in der Praxis davon aus, dass die Regeln für jeden Text unabhängig vom Kontext Verständlichkeit sichern können, beispielsweise ‚Verwenden Sie keine Verneinungen‘ oder ‚Trennen Sie lange Wörter mit einem Bindestrich‘. Unsere Untersuchungen zeigten jedoch, wie vage und unsicher diese Annahmen oftmals sind. Es ist deutlich geworden, dass manche Regeln das Textverständnis unter Umständen sogar erschweren, zum Beispiel strikte Verbote im Bereich der Grammatik.“, berichtet Bock, die mittlerweile an der Universität Köln tätig ist.

Außerdem wurden in den Verstehensstudien Aspekte untersucht, die in der „Leichte Sprache“-Praxis bisher zu wenig beachtet werden: Zum Beispiel die Verständlichkeit von Textsorten. Bisher werden für alle Texte dieselben Regeln angewandt: Bibelpassagen sollen nach denselben sprachlichen Prinzipien vereinfacht werden wie Bedienungsanleitungen oder ein Arbeitsvertrag. „Adressaten Leichter Sprache haben oft eine klare Vorstellung von Textsorten – sowohl von ihrer sprachlichen Gestaltung, als auch ihrem grafischen Aussehen. Die Empfehlung müsste daher eher lauten: Textsorten sollten in Leichter Sprache auf möglichst typische Merkmale zurückgreifen“, sagt Bock. Viele Regeln Leichter Sprache seien deshalb neu zu bewerten. „Ergänzend zu den Regelwerken schlagen wir fünf Angemessenheits-Dimensionen und allgemeine Prinzipien der Verständlichmachung vor. In der Broschüre werden Fragen formuliert, die man im Prozess der Texterstellung als Orientierungsrahmen nutzen kann“, erklärt die Sprachwissenschaftlerin.

Der Titel der auch online verfügbaren Broschüre spielt bereits darauf an, dass Regeln für die Erstellung guter Leichte Sprache-Texte nicht ausreichen. Damit stellt sich die Frage: Was kann man stattdessen tun, wie kann man formulieren, um Texte zugänglich zu machen?  Die aus den Projektergebnissen abgeleiteten Empfehlungen sind praxisnah, aber trotzdem differenziert. Die empirischen Verständlichkeitsstudien zeigten beispielsweise, dass die in der Leichten Sprache oft vorkommende Bindestrichschreibung, zum Beispiel „Bundes-Gleichstellungs-Gesetz“, das Lesen langer Wörter erleichtert. Eine explorative Befragung zeigte aber auch, dass die Studienteilnehmer die Getrenntschreibung oft ablehnen. Mit solchen gegenläufigen Tendenzen muss sich die Praxis stärker auseinandersetzen. Um zu entscheiden, welche Formulierung im jeweiligen Fall besser oder schlechter ist, haben die Forscherinnen fünf Angemessenheitskriterien und Orientierungsfragen für das Schreiben von Texten formuliert: Ein Text muss zum Leser passen, er muss die Funktion des Textes, seinen Zweck, deutlich machen, dem Inhalt gerecht werden, zur Lesesituation und eventuell auch zum Sender des Textes passen.

Neu ist nicht nur der Umgang mit den Regeln Leichter Sprache. Die Publikation geht auch neue Wege der Aufbereitung von Forschungsergebnissen. „Das ‚Nicht-Regelwerk‘ richtet sich an alle, die sich für Leichte Sprache interessieren und damit arbeiten. Wer tiefer in die wissenschaftliche Diskussion eintauchen möchte, findet im Buch aber auch Hinweise zur weiterführenden Lektüre. Hervorzuheben ist neben der inhaltlichen Neuartigkeit – Ratgeber statt starrer Regeln – auch das Neue der grafischen Gestaltung. Hier wurden neue Wege beschritten, um dem Anspruch der Barrierefreiheit auch im gestalterischen Bereich gerecht zu werden“, erklärt Prof. Dr. Ulla Fix von der Universität Leipzig, die für das sprachwissenschaftliche Teilprojekt von LeiSA verantwortlich war. So gibt es unter anderem Kurzzusammenfassungen der wichtigsten Inhalte, die sich an Leser richten, die sonst vielleicht keine Forschungsberichte lesen oder die eine schnelle Übersicht über die Inhalte suchen.

Von November 2014 bis zum Januar 2018 evaluierten Wissenschaftler aus der Sonderpädagogik, der Sozialmedizin, der Soziologie und der Linguistik an der Universität Leipzig sowie Menschen mit Lernschwierigkeiten im Projekt „Leichte Sprache im Arbeitsleben“ die sogenannte Leichte Sprache. Das Projekt wurde gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

 

Originaltitel der Veröffentlichung:

Bock, Bettina M. (2019): „Leichte Sprache“ – Kein Regelwerk. Sprachwissenschaftliche Ergebnisse und Praxisempfehlungen aus dem LeiSA-Projekt. Frank &Timme.

 

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