Pressemitteilung 2020/007 vom

Die Diagnose Krebs ist ein Schock für die Betroffenen. Zwischen OP, Chemotherapie und der Angst vor dem Tod bietet das Forschungsprojekt „Peer2Me“ Halt: Es vermittelt einen Patienten mit bereits abgeschlossener Behandlung als Mentor an einen Patienten, der gerade akut betroffen ist. Dörthe und Alíz bilden eines dieser Tandems. In regelmäßigen Treffen besprechen sie die weitere Behandlung, lachen zusammen und machen sich Mut. „Wir hätten uns schon viel früher kennenlernen müssen“, sagt Alíz. Nun liegen erste Ergebnisse des Tandem-Projekts vor, an einem Folgeantrag wird bereits gearbeitet.

Dörthe und Alíz sind ein Tandempaar des Forschungsprojekts Peer2Me und treffen sich regelmäßig

Dörthe und Alíz sind ein Tandempaar des Forschungsprojekts Peer2Me und treffen sich regelmäßig Foto: Katarina Werneburg

Ein grauer Winternachmittag in Leipzig. Dörthe ist gerade von der Arbeit aus Borna zurück, Alíz kommt von zuhause. Die beiden treffen sich seit September etwa zweimal im Monat, um Befunde zu besprechen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam stark zu sein. Dörthe ist heute 40 Jahre alt. Sie hatte vor acht Jahren Brustkrebs, eine Operation mit Chemotherapie folgte. Alíz ist 38 Jahre und bekam die gleiche Diagnose zu Beginn des Jahres. Auch bei ihr wurde sofort operiert, es folgten Chemotherapie und bis vor kurzem Bestrahlung. Die beiden trifft die Erkrankung in einem besonderen Lebensabschnitt, sie zählen zu den AYAs, den „Adolescents and Young Adults“. Sie stehen vor vielfältigen Entwicklungsaufgaben, wollen eine Familie gründen, sich beruflich finden und Karriere machen. „Für mich war die Diagnose wie eine Vollbremsung. Ich stand mitten im Berufsleben, meine Freunde bekamen Kinder und bei mir standen plötzlich OP, Chemotherapie und Arztbesuche an“, erinnert sich Dörthe.

Gerade deshalb ist es für junge Krebspatienten wichtig, sich mit anderen Betroffenen in einem ähnlichen Alter auszutauschen. „Nach der Diagnose hatte ich niemanden, mit dem ich mich richtig darüber unterhalten konnte. Was kommt auf mich zu? Was soll ich jetzt machen? Im Nachhinein hätte ich Dörthe gern schon früher kennengelernt“, sagt Alíz. Da beide ähnliche Erfahrungen gemacht haben, können sie anders miteinander reden – auch über sehr intime Dinge, auch einmal Schwäche zeigen. Mit ihren Familien oder Freunden reden sie gar nicht oder nur selten über den Krebs. „Viele Menschen sagen, du bist doch jetzt wieder gesund, also mach einen Haken dran. Aber die Narben und Nachwehen der Chemo sehe und spüre ich noch heute. Erst Jahre später habe ich verstanden, was mir damals passiert ist. Da musste ich immer stark sein und jetzt ist es meine Therapie, darüber zu reden. Ich gehe aus einem Gespräch mit Alíz immer mit einem Lächeln heraus“, sagt Dörthe.

Bislang gibt es kaum geeignete sogenannte Peer-Support Interventionen. Das Forschungsprojekt „Peer2Me“, an dem Alíz und Dörthe teilnehmen, soll diese Versorgungslücke schließen. Die Interventionsstudie, finanziert aus dem Nachwuchswissenschaftlerprogramm der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig, bietet 24 jungen Krebspatienten im Alter zwischen 18 und 39 Jahren die Teilnahme am Mentorenprogramm an. Zu Beginn und am Ende der jeweils dreimonatigen Intervention werden alle Teilnehmer mittels Fragebögen und qualitativer Interviews befragt. Die Forscher wollen so Aussagen treffen können, ob dieses Programm auf Dauer umsetzbar wäre, wie es angenommen wird und wie es dem psychischen Befinden, der sozialen Unterstützung und der Krankheitsbewältigung hilft. „Unser Projekt Peer2Me wird von den Teilnehmern sehr gut bewertet. Erste Ergebnisse zeigen, dass besonders Männer dankbar für dieses Angebot sind. Wir sehen auch, dass sich das persönliche Setting, also der direkte Austausch zwischen zwei Betroffenen, sehr gut auf die psychische Verfassung auswirkt“, hält Dr. Diana Richter, Projektleiterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, in einem ersten Resümee fest. Ein Nachfolgeantrag bei der Deutschen Krebshilfe wurde bereits eingereicht. „Wir wollen die Effekte auf die Selbstwirksamkeit, also die Überzeugung der Patienten, ihre Krebserkrankung aufgrund eigener Kompetenzen bewältigen zu können, näher untersuchen. Durch den Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe mit einem ‚ehemaligen‘ Krebspatienten sozusagen als Vorbild kann sich dies durchaus positiv auf die Selbstwirksamkeit und damit einhergehend auf die Krankheitsbewältigung auswirken“, so Richter.

Zwei Anhänger dieser Form des Peer-Supports hat das Projekt schon gefunden. Dörthe und Alíz wollen die Erfahrung nicht missen. „Für mich brachte dieses unglaubliche Ding, meine Krebserkrankung, aus heutiger Sicht nur Positives. Ich bin jetzt glücklicher als vorher, denn ich habe erkannt, was Gesundheit und Leben bedeutet. Dieses Wissen und die daraus gewonnene Stärke möchte ich nun anderen Betroffenen weitergeben“, sagt Dörthe. Und das kommt bei Alíz auch an: „Sie ist so stark und gibt mir viel Kraft und Energie, um meine Erkrankung durchzustehen“, ergänzt Alíz. Die beiden wollen sich auch weiterhin regelmäßig treffen, auch nach dem Ende der dreimonatigen Mentorenbegleitung, die wissenschaftlich evaluiert wird.

 

Ansprechpartnerin für weitere Informationen:

Dr. rer. med. Diana Richter

Forschungsgruppe AYA Leipzig – Junge Erwachsene mit Krebs

Philipp-Rosenthal-Str. 55, 04103 Leipzig

Tel.: 0341 - 9715438

Fax: 0341 - 9718809

Mail: diana.richter(at)medizin.uni-leipzig.de

Web: http://medpsy.uniklinikum-leipzig.de