Nachricht vom

Man hätte Thomas Piesk in der Bauphase des Paulinums nachts wecken können, er hätte aus dem Stand eine Führung über die Baustelle anbieten können. Mehr als 100 kleinen und großen Gruppen hat der Mann mit der markanten Pferdeschwanz-Frisur zwischen 2008 und 2017 gezeigt, welch interessantes Gebäude da am Augustusplatz entsteht. Dafür hatte er einen großen Karton mit Helmen. Die waren für die damals recht exklusiven und begehrten Runden genauso Pflicht wie festes Schuhwerk. Piesk, der viel mehr als „nur“ der technische Angestellte für Raumplanung im D4 ist, geht am 31. Juli nach 24 Jahren an der Uni Leipzig in den Ruhestand. Mit ihm geht ein Stück der jüngeren Geschichte der Alma mater.

Mit Stolz berichtet der 64-Jährige, dass er als einziger „Ur-Leipziger“ den Bau des Paulinums – Aula und Universitätskirche St. Pauli von Anfang an begleitet hat und das – etwas pathetisch ausgedrückt – auch sein „Lebenswerk“ ist. „Ich bin mit dem Ergebnis zufrieden. Es macht mich stolz“, sagt er heute.

Damals wechselte die Besetzung der Rektorate. Nur Thomas Piesk war all die Jahre der Bauzeit zur Stelle. Sein wichtigstes Anliegen sei immer gewesen, den interessierten Menschen da draußen in seinen Führungen zu erzählen, was die Uni wirklich will und warum die Glaswand im Paulinum eigentlich überhaupt kein Streitobjekt sein müsste, was sie damals aber war. „Das hat mich viele Nerven gekostet“, gesteht der studierte Bauingenieur, der zunächst als Beauftragter für den Neubau am Augustusplatz befristet eingestellt wurde. Später wurde seine Stelle mit erweitertem Aufgabenspektrum versehen und entfristet. 

Nach den Führungen hätten die meisten Teilnehmenden sehr viel mehr Verständnis für die Belange der Uni Leipzig gezeigt, sagt er. Kein Verständnis hatte Piesk dagegen für eine Studentin der Kunstgeschichte, die mit Flipflops an den Füßen ins Gewölbe des Paulinums klettern wollte. „Sie habe ich wieder weggeschickt“, erinnert sich der Mann mit den vielen Anekdoten im Kopf, die er gar nicht alle erzählen kann. 

Feucht-fröhlicher Abend in der Moritzbastei

Einige gibt er dennoch zum Besten: Einmal habe er an einem Samstagnachmittag auf eine Gruppe gewartet, als ein Mann mit einem Taxi vor der Baustelle vorfuhr und Piesk fragte, wo denn nun die neue Kirche in Leipzig sei. Er habe eine Einladung zur Eröffnung bekommen und der Taxifahrer habe ihn zum Paulinum gefahren. Da dämmerte es Piesk: Er schickte den Mann zur damals neuen Trinitatiskirche am Leuschnerplatz, die an dem Tag eingeweiht wurde. Und da war die lange Nacht in der Moritzbastei, als er nach dem für ihn sehr beeindruckenden Baustellenkonzert des Universitätschors zur 600-Jahr-Feier der Universität am 2. Dezember 2009 mit damaligen Mitgliedern des StuRa feucht-fröhlich feierte und mit ihnen diskutierte, wo das studentische Gremium auf dem Campusneubau am besten mit seinem Büro einziehen könnte. Gern erinnert sich Piesk auch an eine ARD-„Tagesschau“ im Jahr 2015, als darin über das Paulinum berichtet wurde und er zu sehen war. Danach bekam er unzählige Anrufe, auch aus seiner Verwandtschaft, alle freuten sich mit ihm.

Raumplanung im Sinne der Universität

„Es geht mir um die Belange der späteren Nutzer der Räumlichkeiten. Ich schaue, dass die Bauarbeiten immer im Sinne der Uni sind“, bringt er seinen Anspruch auf den Punkt. Die eigentlichen Bauarbeiten an der Uni werden vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) ausgeführt. Piesk war dabei als Raumplaner für den Hochschulbereich das Bindeglied zwischen Uni und SIB. Er überwachte beispielsweise Laborumbauten oder besichtigt mit Professor:innen künftige Domizile und schaute, dass diese den Ansprüchen der Nutzer:innen gerecht werden. „Es ist ein Mix aus kleineren und größeren Projekten im gesamten Hochschulbereich. Ich war unter anderem für die Qualität und die Verbindlichkeiten von Aussagen über den Bau zuständig“, sagt er. Dass Piesk in nahezu allen Uni-Gebäuden schon war, die Gegebenheiten vor Ort kennt, ist auch der Grund, weshalb er so viele Menschen an der Alma mater kennt – und umgekehrt. 

Einige davon sind ihm besonders ans Herz gewachsen, mit ihnen habe er Gespräche „fernab von jedem akademischen Dünkel“ führen können. Dazu gehören unter anderem der mittlerweile emeritierte Professor für Buchwissenschaft, Siegfried Lokatis, der damals einen Ort für seine Buchsammlung suchte. Piesk wusste Rat und bot ihm den leerstehenden Keller des heutigen Studierenden Service Zentrums in der Goethestraße 3-5 an. Auch mit dem Direktor der Kustodie, Prof. Dr. Rudolf Hiller von Gaertringen, verbindet Piesk vor allem wegen der vielen Gesprächsrunden über die Unterbringung der Uni-Kunstschätze im Paulinum ein besonderes Verhältnis, das auch nach der Eröffnung des Paulinums am 2. Dezember 2017 andauerte. Wie oft fragte sich Piesk: Hält das Epitaph an der Wand? Welche Kunstschätze kommen in dem Neubau wohin und gut zur Geltung? Nicht nur er, sondern eine eigens 2004 vom damaligen Rektor Franz Häuser ins Leben gerufene Baukommission Paulinum beschäftigte sich mit diesen und vielen, vielen anderen Fragen. Piesk war in dem Gremium der Schriftführer. „Alle künftigen Nutzer des Paulinums waren darin vertreten“, sagt er. 

Pferdeschwanz-Frisur als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit

Vor seiner Zeit an der Universität war Piesk unter anderem als Bauleiter im Staatshochbauamt, dem Vorläufer des SIB, auch schon für die Errichtung von Gebäuden der Alma mater mitverantwortlich, unter anderem für den Neubau der Kleintierklinik auf dem Campus der Veterinärmedizin. Nach einem kurzen Abstecher als Bauprüfer im Sächsischen Rechnungshof zog es ihn 2001 endgültig an die Uni. Nun, fast ein Vierteljahrhundert später, gehe er mit einem Gefühl der Erleichterung. „Ich bin froh, dass ich hier ein gutes Ende finde“, betont er. Er sei dankbar für diese Zeit, in der er viel Anerkennung erfahren und seine Arbeit stets als angenehm empfunden habe. Seine Kolleginnen und Kollegen freuen sich für ihn. Das weiß er. „Ein Taschentuch brauchen sie nicht, höchstens zum Winken“, sagt er mit einem schelmischen Lächeln auf dem Gesicht.

„Im Ruhestand bin ich einfach privat. Das habe ich mir verdient“, sagt Piesk auf die Frage nach seinen Zukunftsplänen. Er müsse nun erst einmal in seinem neuen Lebensabschnitt ankommen. Eines weiß er aber doch schon: Er möchte mehr Zeit mit seinen drei Enkelkindern verbringen, von denen eines mit seinen Eltern in London lebt. An seiner Frisur will er nichts ändern, solange es der Haarwuchs erlaubt. „Die Pferdeschwanz-Frisur habe ich seit 1982. Sie ist ein Ausdruck meiner Persönlichkeit.“