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Im 16. und letzten Teil unserer Serie zur Nutzung Künstlicher Intelligenz im Uni-Kontext sprechen wir mit Prof. Dr. Brigitte Latzko, Prorektorin für Talententwicklung: Studium und Lehre. Sie sagt, das Rektorat sei dabei, eine übergeordnete Strategie zu entwickeln, ergänzt um spezifische Strategien. „Ich sehe das Potenzial, das wir tatsächlich für die Lehre sowohl aus Perspektive der Studierenden als auch aus Perspektive der Lehrenden oder jener der Gesamtuniversität, nutzen können.“ Die Prorektorin spricht auch über die Angebote des Academic Labs und über die Academic Cloud, die an der Universität nutzbar sein werde, mit diversen Tools, „in einem relativ datenschutzgesicherten Raum“.

Frau Prof. Latzko, wie kann der Umgang mit künstlicher Intelligenz an einer Universität wie unserer aussehen? Wie sieht er aus? 

Ich würde erstmal voranstellen: Über was unterhalten wir uns, wenn wir uns über KI unterhalten? Ich habe den Eindruck, dass es hier eine große Diversität gibt, wenn wir in den Diskurs über KI gehen. Ist KI Teil einer Software? Ist es eine Instanz? Ist es eine Technologie? Wir kommen nicht umhin, zu definieren und zu konzeptionalisieren, was wir unter KI verstehen. 

Das ist übrigens auch ein Thema, das wir am Tag der Lehre am 28. Januar 2026 im ersten Slot aufgreifen werden. Wir nennen es zwar „Digital Literacy“, aber es steckt ja nichts anderes dahinter, als dass wir dieses große Thema KI und eben darunter die Digitale Kompetenz aufnehmen und überlegen wollen: Wenn wir über KI sprechen, sprechen wir eigentlich über dasselbe Phänomen oder reden wir permanent aneinander vorbei, weil jeder disziplinär eine ganz andere Überlegung hat. 

Was kommt Ihnen als Prorektorin zu KI in den Sinn?

Mit Blick auf mein Ressort sehe ich KI als Chance. Ich sehe das Potenzial, das wir tatsächlich für die Lehre sowohl aus Perspektive der Studierenden als auch aus Perspektive der Lehrenden oder jener der Gesamtuniversität, nutzen können. Wobei sich hier so viele Möglichkeiten eröffnen, dass wir aktuell erst mal prüfen müssen, welche es sind und wo wir sie wie nutzen können. Anders formuliert: Jeder Erkenntnisgewinn, das gilt in der Forschung ja generell, soll erreicht werden – aber man kann ihn dann gut gebrauchen oder auch missbrauchen. Die Erkenntnisse selbst sind zunächst „wertfrei“.

Setzen wir also die KI ein, um uns effektiv Inhalte anzueignen und komplexe Aufgaben effektiv zu bearbeiten? Oder, und so wird es oft kritisch diskutiert, wird die KI missbraucht für Täuschung?

Aber zurück zu Ihrer Eingangsfrage: Ich glaube, wir sind aktuell in dem großen Diskurs über KI. Wo wollen wir eigentlich stehen als Universität? Was wollen wir zulassen? Was wollen wir nicht zulassen? Welche Verantwortung haben wir? Wie können wir unsere Lehrenden für einen verantwortungsvollen Umgang mit KI ausstatten? Wir haben über viele Fragen im Rektorat gesprochen. Eine übergeordnete KI-Strategie betrifft ja auch mehrere Bereiche, nicht nur Studium und Lehre, nicht nur Forschung. 

Wir sind dabei, solch eine übergeordnete Strategie zu entwickeln, ergänzt um spezifische Strategien. Einige Fakultäten haben bereits fakultätsspezifische KI-Richtlinien erstellt. In dem Moment, in dem eine Fakultät eine Richtlinie entwickelt, sind Studierende, die in mehreren Fakultäten verortet sind, dann gegebenenfalls unsicher: Gilt das auch für die andere Fakultät? Das nehmen wir in den Blick. 

zur Vergrößerungsansicht des Bildes: Puzzlestücke, die Datenströme symbolisieren sollen, darunter die Jahreszahl 2026.
Das Thema Künstliche Intelligenz steht mit auf der Agenda des Tags der Lehre im Januar 2026, zudem will das Rektorat eine übergeordnete KI-Strategie verabschieden. Grafik: Clourbox

Was soll in einer übergeordneten Strategie sehen? 

Zunächst sollte bei einer Strategie eine Konzeption und eine Haltung abgebildet sein. Das ist für mich immer der Ausgangspunkt. Wenn wir uns mit KI auseinandersetzen, was verstehen wir darunter und wie verhalten wir uns als Universität Leipzig dem Phänomen gegenüber? Und dann könnte man aus der Haltung ableiten: Was sind unsere Positionen, Verantwortlichkeiten und was sind unsere Aufgaben? Dann geht es natürlich um Ziele sowie Maßnahmen, die auf das Ziel einzahlen. Weitere Themen sind natürlich Datenschutz und Unabhängigkeit von marktbeherrschenden Großkonzernen, Stichwort Open Source. Da kann und sollte es gemeinsame Lösungen mit anderen Hochschulen geben. 

In diesem Punkt sind wir auf einem guten Weg, würde ich sagen. Die Academic Cloud wird genau diese Instanz sein, dir wir brauchen. In dieser Cloud stehen Tools und Software-Lösungen bereit, in einem relativ datenschutzgesicherten Raum. Dazu braucht es noch ein finales Commitment von Rektorat und CDO (Chief Digital Office, Anm. d. Red.), welches im Rahmen einer Policy zum Umgang mit generativer KI erfolgen soll. Damit werden wir den Universitätsangehörigen viele gute Instrumente an die Hand geben können. Ich denke, noch in diesem Semester wird es soweit sein. 

Insgesamt ist auf jeden Fall wichtig, dass der ganze Diskurs an der Universität stark auf die Chancen von KI ausgerichtet ist. Sorgen sind berechtigt, aber ich wünsche mir, dass wir die Potenziale fokussieren und sagen: Was können wir nutzen, und wie? Die Chancen überwiegen, davon bin ich fest überzeugt. Wir sollten sie sehen und nutzen, in einem durch die Universität definierten Rahmen. 

Ein Beispiel aus meiner genuinen Disziplin, der Psychologie: Wir hatten mal Kolleginnen und Kollegen bei uns, die  aufgezeigt haben, wie man mit KI umfangreiche Metaanalysen durchführen kann. Da haben wir uns total gefreut und gedacht: Mensch, Arbeit von Jahren kann die KI relativ schnell erledigen. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen und nicht ohne Kompetenzaufbau – aber der Weg lohnt sich, der Ertrag kann groß sein. 

Ich weiß natürlich, dass wir einerseits Kollegen und Kolleginnen haben, die total verrückt nach KI sind, die sich auskennen, die auch im Diskurs sehr gut argumentieren – und dann gibt es Kolleginnen und Kollegen, und auch Studierende, die sind vielleicht noch auf Level eins oder auf Novizen-Level. Damit kann man aber differenziert umgehen und überlegen: Wer braucht eigentlich was, und in welcher Stufe geht es hier beim Kompetenzaufbau?

Die Universität steht in der Verantwortung, Angebote zu schaffen.

Gerade was den Kompetenzaufbau angeht, gibt es ja bereits mehrere Angebote, beispielsweise vom Academic Lab, über die wir im Rahmen unserer Serie bereits berichtet haben. Ist das aus Ihrer Sicht etwas, das verpflichtend sein sollte, oder ist es fakultativ?

Ich würde sagen, die Universität steht in der Verantwortung, diese Angebote zu schaffen und diese Angebote für so viele Menschen wie möglich zu unterbreiten, Mitarbeitende wie Studierende. Der reflektierte Umgang mit KI ist ganz wichtig für das Studium. Die Angebote des Academic Labs würde ich gern viel, viel breiter aufsetzen. 

Aber leider sind wir jetzt in der Phase der Konsolidierung, und das ist tatsächlich auch für mich als Prorektorin immer ein Spannungsverhältnis zwischen dem, was wir machen sollten und wollen und dem, was wir machen können. Für Lehrende kann die Hochschuldidaktik Sachsen glücklicherweise hier bei uns Angebote unterbreiten. Aber wir müssen vielleicht auch prüfen, wie wir für die Lehrenden entsprechenden Freiraum schaffen. 

Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wie wird der Einsatz von Instrumenten der Künstlichen Intelligenz, das Lernen, aber auch das Lehren bei uns verändern? 

Zunächst einmal wünsche ich mir, dass Veränderungen ins Rollen gebracht werden. Im schlimmsten Fall würden wir alle einfach weitermachen wie bisher. Ich kann nicht vorhersagen, wie die Lehre in 20 Jahren aussehen wird, auch nicht, wie wir das mit den Studiendokumenten, für die wir ja auch verantwortlich sind, in Verbindung bringen. Aber ich sehe wie gesagt Chancen. Beispielsweise kann ich auf den Sächsischen Lehrpreis verweisen, der am 24. Oktober 2025 in Chemnitz verliehen wurde. Es wurden auch Projekte oder einzelne Lehrveranstaltungen ausgezeichnet, die in besonderer Weise KI oder digitalisierte Möglichkeiten eingebunden haben für eine chancengerechte Lehre. Solche Projekte zeigen die Potenziale auf. 

Sie haben den Konsolidierungsprozess erwähnt. Inwiefern kann Künstliche Intelligenz auch etwas sein, was uns dabei helfen kann, mit zurückgehenden Ressourcen trotzdem ein gutes Angebot unterbreiten zu können? 

Da kann ich nur zur Vorsicht mahnen. Wir haben ja im Bereich Studium und Lehre tatsächlich bereits den Diskurs um die Frage: Wie wird denn digitalisierte Lehre auf mein Lehrdeputat angerechnet, wenn ich gar nicht mehr vor Ort bin? Gute digitalisierte Lehre erfordert viel Vor- und Nachbereitung – und gegebenenfalls sogar zusätzliche Arbeit wie eine Programmierungsleistung. Sie erfordert also viel Investition. 

Langfristig können wir mit zeitlichen Erleichterungen rechnen. Jetzt müssen wir aber eher investieren in den Kompetenzaufbau. Das ist erstmal kein Konsolidierungsbeitrag, sondern ein Investitionsbeitrag. Ich muss investieren, sowohl finanzielle Mittel als auch Zeitressourcen beim Personal. 

Ich komme gerne nochmal auf den von Ihnen erwähnten Tag der Lehre zu sprechen. Es wird auch nach dem 10. Tag der Lehre weiter um „skills for tomorrow“ gehen, konkret um die Kompetenzfelder „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ und „Digital Literacy“. Mit welchem Ziel?

Wir möchten mit dem Tag der Lehre Themen, die die Universitätsangehörigen beschäftigen und bewegen, aufgreifen. Und natürlich wäre es sicherlich auch schön gewesen, alle Skills weiter zu thematisieren. Wir haben uns aber mit den Studiendekanen darauf verständigt, dass wir zwei Themen auswählen möchten, um sie intensiver behandeln können. 

An diesem Tag im Januar 2026 kann es uns gelingen, uns als Universität bewusst mit unserer Lehre auseinanderzusetzen und zu beschäftigen und dabei sowohl studentische Sichtweisen als auch jene der Lehrenden in den Blick zu nehmen. 

Lehrende haben die Möglichkeit, sich zu vernetzen und voneinander zu lernen. Dafür gibt es diesmal am Nachmittag das Forum „Good Practice im Dialog“, bei dem man konkrete Lehr-Lern-Projekte kennenlernen und sich dazu austauschen, auch ins Detail gehen kann. Hands on sozusagen. 

Vielen Dank für das Gespräch.