Pressemitteilung 2018/298 vom

Aktuelle Forschungsergebnisse aus der Universität Leipzig zeigen, dass getrennt lebende Gruppen von Schimpansen Unterschiede im Sozialverhalten zeigen, die über die Zeit hinweg stabil sind. Diese Unterschiede könnten das Ergebnis von kulturellem Lernen sein.

Eine Schimpensenmutter (rechts) mit ihrer Tochter und ihrem Enkelkind

Eine internationale Forschungsgruppe hat zusammen mit Mitgliedern des Leipziger Forschungszentrums für frühkindliche Entwicklung (LFE) der Universität Leipzig über drei Jahre vier Gruppen von Schimpansen in der Chimfunshi Wildlife Orphanage in Sambia erforscht. Während dieser Zeit haben sie verschiedene Aspekte ihres Sozialverhaltens untersucht - zum Beispiel, wie viele Individuen in temporären Kleingruppen zusammenleben, wie räumlich nah Individuen sich gegenseitig durchschnittlich sind und wie häufig sie gegenseitige Fellpflege betreiben. Die Gruppen zeigten die größten Unterschiede in der Anzahl an Individuen, mit denen sie Zeit verbringen, auch bekannt als die Subgruppengröße. Zwei der Gruppen formten signifikant größere Subgruppen als die anderen zwei Gruppen. „Die geselligste Gruppe zeigte sich auch in den anderen Aspekten sozialer. Die Schimpansen in diesen Gruppen waren durchschnittlich räumlich näher beieinander und betrieben viel häufiger gegenseitige Fellpflege als die anderen Gruppen“, erklärt der Seniorautor der Studie, LFE-Direktor Prof. Dr. Daniel Haun. Er und seine Kollegen haben ihre Erkenntnisse kürzlich in dem renommierten Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America" (PNAS) veröffentlicht.

"Die Bedingungen in diesem Schimpansenschutzgebiet bieten uns eine einzigartige Möglichkeit, kulturelle Unterschiede bei Schimpansen zu untersuchen", sagt Sarah DeTroy, Forscherin in Chimfunshi und LFE-Mitglied. In den meisten Fällen vergleichen Forscher Gruppen wilder Schimpansen, die in unterschiedlichen Umgebungen leben und große genetische Unterschiede aufweisen. In diesen Fällen können sie den Einfluss dieser Faktoren auf die beobachteten Verhaltensunterschiede zwischen Gruppen nicht ausschließen. Da die Schimpansen in Chimfunshi alle in derselben Umgebung leben und es keine systematischen genetischen Unterschiede zwischen ihnen gibt, haben Forscher so die Möglichkeit zu untersuchen, inwiefern andere Prozesse, wie soziales Lernen, Unterschiede zwischen Schimpansengruppen erklären können.

"Obwohl wir die Ursprünge dieser Unterschiede in dieser Studie nicht direkt untersucht haben, wissen wir, dass Schimpansen sozial voneinander lernen können und, dass Primaten ihr Sozialverhalten an ihren Kontext anpassen können. Die Individuen in den jeweiligen Gruppen haben möglicherweise Interaktionsmuster anderer Schimpansen beobachtet, wie die allgemeine Nähe und die Häufigkeit von Fellpflege und sie sozial gelernt", erläutert Prof. Haun.

Über einhundert gerettete Schimpansen und ihre Nachkommen leben in dem Schimpansen-Schutzgebiet Chimfunshi. Das Forschungsteam arbeitet seit über zehn Jahren mit den Schimpansen und erforscht unterschiedliche Aspekte ihres Verhaltens und ihrer Kognition, wie zum Beispiel ihre Neigung zu Konformität, die Entstehung und Weitergabe von kulturellen "Trends" und ihr Trauerverhalten. "Wir konnten über die Jahre eine große Variabilität im Verhalten der Schimpansen in Chimfunshi beobachten. Diese aktuelle Studie zeigt einen Teil des Ausmaßes und der Stabilität der Unterschiede in der allgemeinen Geselligkeit und bietet uns eine Grundlage, um zu verstehen, wie diese Unterschiede andere Verhaltensweisen wie Kooperation und Prosozialität beeinflussen könnten“, sagt Haun.

 

Originaltitel der Veröffentlichung in PNAS:

"Population-specific social dynamics in chimpanzees",

 

 

Susann Huster

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