Nachricht vom

Ist es Schummelei, wenn man für eine Prüfungsleistung die Dienste von KI in Anspruch nimmt, zum Beispiel bei Hausarbeiten? Und wo bleibt in solchen Fällen der Lerneffekt für die Studierenden? Wie sollten die Lehrenden mit dieser Entwicklung umgehen? Welche Fähigkeiten werden künfitg überhaupt gebraucht? In Teil 15 unserer Serie zur Nutzung Künstlicher Intelligenz im Uni-Kontext sprechen darüber im Interview Doreen Klein und Agnes Berbée vom E-Learning der Universität Leipzig.

Dass Studierende für Hausarbeiten, Semesterarbeiten, Bachelorarbeiten KI verwenden, dürfte kaum überraschen. Wie ordnen Sie das ein: Ist es zulässig und falls ja, müsste man das wenigstens im Quellenverzeichnis angeben? 

Doreen Klein: Ein Verbot ist eher nicht sinnvoll, da es an der zukünftigen Lebens- und Arbeitsrealität vorbeigeht. Zudem kann eine sinnvolle Nutzung von KI auch eine Chance darstellen. Ziel wäre, dass KI ein Hilfsmittel im Lern- und Schreibprozess darstellt und Studierende wissen, wie sie KI sinnvoll für sich und ihr Fachgebiet nutzen. Und der Einsatz von KI ist kennzeichnungspflichtig, das verlangt die akademische Integrität, damit die Eigenleistung deutlich wird. So steht es auch in der Satzung wissenschaftlicher Praxis.

Den Einsatz von KI zu verhindern ist nicht möglich. Leidet darunter unter Umständen die wissenschaftliche Ausbildung, beispielsweise Literaturrecherche in einer Bibliothek zu betreiben? 

Agnes Berbée: Sicher wird sich das wissenschaftliche Arbeiten verändern – es kommt aber auch auf den Fachbereich an, welche Kompetenzen wichtig sein werden: In der Geschichte beispielsweise ist Quellenarbeit essenziell und es sollte mehr gefördert werden, in Archive zu gehen. KI kann aber bei der Literaturrecherche helfen und diese vereinfachen. Wichtig ist, dass Studierende weiterhin lernen, was gutes wissenschaftliches Arbeiten auszeichnet, da wir am Ende bewerten müssen, ob der Output der KI richtig und sinnvoll ist. Dafür ist Fachwissen und Reflexionsfähigkeit notwendig.

Was raten Sie Lehrkräften, wie sie mit diesen Entwicklungen umgehen sollten? Sollten sie den Einsatz von KI selbst in Lehrveranstaltungen thematisieren?

Doreen Klein: Lehrende und Studierende wünschen sich Rahmenbedingungen für KI-Nutzung. Deswegen ist es wichtig, Regeln für die Nutzung in der Lehrveranstaltung und der Prüfung festzulegen – am besten, indem Lehrende und Studierende gemeinsam über eine sinnvolle KI-Nutzung reflektieren. Und es gibt dazu auch Informationsmaterial seitens der Universität Leipzig. Lehrende sollten sich weniger auf das Problem der möglichen Täuschung fokussieren. Stattdessen sollten sie einen offenen und transparenten Umgang mit KI bei den Studierenden fördern und ins Gespräch gehen: Wofür wollen wir KI nutzen und was müssen wir selbst machen? Was sind Chancen und Risiken für Studium, Wissenschaft und Gesellschaft?  

Wir raten, den KI-Gebrauch nicht per se negativ in die Benotung einfließen lassen, dann sind Studierende auch ehrlicher.

Doreen Klein

Agnes Berbée: Für uns alle ist generative KI neu und niemand kann absehen, wohin uns die Entwicklung noch als Gesellschaft hinführt - Lehrende und Studierende sind in einem gemeinsamen Lernprozess und können voneinander lernen. Wichtig ist, gemeinsam ins Ausprobieren zu kommen und dabei zu reflektieren: Wo kann KI mich unterstützen und wo nicht? Welchen Wert hat KI für unser Fachgebiet?

Wir vom E-Learning bieten aller zwei Monate hybride KI-Netzwerktreffen an. Dort können sich Lehrende vernetzen und Anwendungsbeispiele vorstellen oder kennenlernen.

Welche Skills drohen durch den Einsatz von KI beim wissenschaftlichen Arbeiten bei den Studierenden verloren zu gehen, welche Fähigkeiten sollten (weiterhin) geprüft werden? Welche Skills könnten sogar gestärkt werden? 

Agnes Berbée: Wie immer bei einer technologischen Entwicklung werden manche Fähigkeiten verloren gehen. Die Frage ist: Welche brauchen wir weiterhin und welche können wir guten Gewissens der KI überlassen? Das hängt auch von den jeweiligen Fachbereichen ab.

Zukünftige Aufgabe von Menschen im KI-Zeitalter sind zum Einen, KI mit guten wissenschaftlichen Daten zu versorgen, Daten zu bereinigen, Daten zu produzieren und zum Anderen, den Output der KI beurteilen zu können und zu wissen, wann KI falsche Antworten gibt. 

Doreen Klein: Wichtig ist also, weiterhin Fachkompetenzen auszubilden, damit wir den Output der KI einschätzen können. Außerdem wichtig sind die Fähigkeiten, kritisch zu denken, zu argumentieren, kreativ zu sein. Deswegen müssen wir jetzt darüber nachdenken, wie Prüfungsformate, beispielsweise Hausarbeiten, neu gedacht und angepasst werden müssen.

Gestärkt werden sollten außerdem soziale Kompetenzen: Die ständige Verfügbarkeit von KI fördert Vereinzelung und Vereinsamung. KI kann aber viele Sinne des Menschen nicht bedienen. Deshalb müssen wir auch in der Hochschulgemeinschaft soziale Beziehungen fördern.