Nachricht vom

Ein Beitrag von B. Sterzenbach

Für das Projekt DO_KiL (Der dritte Ort? Künstlerische Residenzen in ländlichen Räumen) begleiten Forschende der Universität Koblenz-Landau Residenzkünstler und -künstlerinnen, die in ländlichen Gemeinden zu Gast sind.

Eine künstlerische Residenz kann als besondere Projektarbeit beschrieben werden, bei der sich Kunstschaffende für eine befristete Zeit an einem bestimmten Ort niederlassen, um dort zu arbeiten und zu forschen. Manchen Residenzprogrammen geht es dabei stärker um eine Professionalisierung der Kunstschaffenden, sodass während des Aufenthalts Fort- und Weiterbildungen geplant werden (vgl. Generaldirektion der Europäischen Kommission für Bildung, Jugend, Sport und Kultur 2016, S. 17). Andere Programme stellen den Kontakt und die Geschichte(n) der Anwohnenden in den Mittelpunkt, indem partizipative Angebote entwickelt und durchgeführt werden (vgl. ebd., S. 21; FLUX - Netzwerk Theater und Schule o.J.). Auch unsere Kooperationspartner*innen von FLUX verfolgen diesen Ansatz und wollen intergenerationale Begegnungen durch künstlerische Produktionen fördern.

Während einige Künstler und Künstlerinnen des Residenzprogramms 2020 von FLUX bereits die Endphase ihrer diesjährigen Residenzen gestalten und Abschlusspräsentationen vorbereiten, entwickeln andere Gruppen neue Ideen für ihre zukünftigen Kunstprojekte: Neben pandemiekonformen Recherchephasen der Residenzkünstler und -künstlerinnen von Zuhause aus trafen sich diese seit August 2020 mit Anwohnenden und recherchierten in den Gemeinden, in denen sie zu Gast waren. Sie versuchen durch künstlerische Forschung den Lebensraum und die Geschichte(n) der Menschen erfahrbar und sichtbar zu machen. Sie überformen und inszenieren diese gemeinsam mit Anwohnenden, wollen damit ein breiteres Publikum erreichen und dazu einladen ebenfalls zu partizipieren. So schaffen sie Räume der Begegnung, des Verweilens, der kritischen Reflexion. Mit den gewählten ästhetischen Formen, welche die Menschen und ihre Zukunft vor Ort direkt betreffen, können sie idealerweise einen Beitrag zur Entwicklung der dörflichen Gemeinschaft leisten und Strategieentwicklung zur Bewältigung des strukturellen Wandels anstoßen. 

Einigen dieser Netzwerktreffen, Filmdrehs und Interview-Aufnahmen durften die Forschenden des Projektes DO_KiL beobachten. Die Forschenden verfolgen dabei einen ethnografischen Forschungsansatz und versuchen durch Feldnotizen, Protokolle, Fotos und Aufnahmen den Entstehungs- und Wirkungsprozess künstlerischer Arbeit in ländlichen Räumen nachzuzeichnen und damit nachhaltig sichtbar zu machen. „Kulturelle Felder verfügen über eine Eigenlogik, eine eigene Ordnung, die auch einen Beobachter, der sich treiben lässt, an die Hand nimmt und führt“ (Breidenstein et al. 2015, S. 38). Diese Eigenlogik zeigt sich beispielsweise darin, wer bei Gesprächen wen wie vorstellt, mit wem wann Augenkontakt hergestellt wird, welcher Person eigene Vorhaben mit welchen Worten erklärt werden… Durch das Miterleben und Beobachten dieser sozialen Praxen, können Forschende erfahren, welche Strategien gewählt werden, welche verworfen, welche Strukturen, potenzielle Kooperationen oder Ideen und Vorschläge als gewinnbringend und welche als hinderlich von den begleiteten Künstler*innen eingeschätzt werden. Erst in einem späteren distanzierten Analyseprozess werden die erhobenen Daten verdichtet und zu einer zusammenhängenden, wissenschaftlichen Beschreibung des Feldes verwoben.

 

Das Selfie einer Kleinstadt

Tümay Kılınçel und Cornelius Schaper haben sich im zweiten Jahr ihrer FLUX-Residenz zum Ziel gesetzt ein Selfie von Schotten, einer Stadt im Vogelsbergkreis in Hessen, aufzunehmen. Doch wie könnte ein Selfie einer ganzen Stadt aussehen? Um das Selbstbildnis eines so komplexen Gefüges abbilden zu können, sammeln sie mosaiksteinartig Worte, Geschichten, Bilder und vieles mehr. Dazu wird es auch Angebote geben, um mit den Anwohnenden persönlich in Kontakt zu kommen. Kamingespräche, Podcasts und Alltagschoreographien sind die ersten Ideenskizzen der Künstler*innengruppe „Selfies II“. Alle Eindrücke ihrer Residenzphasen werden auf einer Webseite gesammelt, aufbereitet und als digitales Kunstportrait der Stadt Schotten veröffentlicht. Doch wie nun an die Geschichten, Zeitzeugen, Anekdoten herankommen, wenn man als temporäre Gäste eingeladen wurde und nicht bereits hineingeboren und aufgewachsen ist mit den Legenden und Figuren eines Ortes? Wie den eigenen Anspruch kreativer Innovationsfreude erfüllen, wenn man zunächst stets die gleichen Geschichten erzählt bekommt, die bereits in Reiseführern, in Museen oder auf Websites reproduziert werden. Wie die verborgenen Geschichten aufspüren, Erzählungen des Lebens von heute? Und schließlich: Wie kann man diese zu einem Selfie der Stadt Schotten verdichten?

Eine Lösungsstrategie der Beiden: eine breit gestreute E-Mail-Lawine rollte durch die Vereine und Gruppierungen der städtischen Gemeinde. Es folgten viele Interessensbekundungen und Einladungen zu Gesprächen. Während sich das Bild einer sehr bewegten, aktiven Stadtgemeinde zusammensetzte, manifestierten sich Ideen und künstlerische Deutungen zu einer energiegeladenen, fließenden Verbindung: Eine Stadt, gewachsen auf den Lavaströmen des Vogelsbergs, versorgt und genährt durch teils unterirdische Quellen und Flüsse, einst zusätzlich versorgt mit Menschenströmen durch eine Eisenbahnverbindung, nun im Begriff den Datenstrom durch Glasfasern zu beschleunigen…

 

Lokalgeschichte und individuelle Historizität

Eine andere Herausforderung suchen Matthias Faltz und Ekaterina Khmara in ihrem Projekt „Kalte Fleischwurst“ als Theater Joschik, welche die Erzählungen des Autors Peter Kurzeck zum Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Arbeit nehmen. Kurzecks Familie wurde 1946 aus dem ehemaligen Sudetenland, heute Tschechien, vertrieben und fand in Staufenberg, Hessen, eine neue Heimat. Seine Erzählungen (Spotify „Ein Sommer der bleibt“: open.spotify.com/album/7vwzzwgECOFs0pP6JOmgTX) berichten auf amüsante, liebevolle und charismatische Weise über seine Kindheit und Jugend in Staufenberg. Der Autor folgt dabei weniger einer stringenten Handlung, sondern berichtet assoziativ vor allem von Orten und Dingen seiner Kindheit und Jugend. So nimmt in seiner Erzählung die Beschreibung der generellen Lebensumstände in Staufenberg und speziell der Situation der Geflüchteten ebenso viel Raum ein, wie die Beschreibung der Schule oder des Postamtes. Auf der Suche nach Orten aus Kurzecks Erzählungen, die inszeniert werden können, die Raum und Rahmen für Geschichten von Zeitzeugen sein können, verknüpft mit den Berichten junger Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, Einheimischer, Zugezogener, Geflüchteter, wählen auch Khmara und Faltz den Weg der persönlichen Ansprache. In Gesprächen mit Vereinsvorsitzenden, lokalen Historikern und Historikerinnen, Jugendpflegern und -pflegerinnen finden sie Zugang zu den literarisch beschriebenen Orten, zu Menschen und Geschichten, lassen sich leiten von den Interessen und der Bereitwilligkeit ihrer Komplizen und Komplizinnen. Einen erster Trailer zum Vorhaben gibt es bereits.

 

Vorsicht: Spannung

Erste identifizierbare Spannungsfelder kultureller Bildungsangebote im Rahmen der Residenzen lassen sich bereits erkennen. Sie lassen sich vor allem am Begriff des Auftrags – ob nun selbstgewählt, sozial erwünscht oder sogar vertraglich erfordert – festmachen.

Zunächst sind Residenzkünstler und -künstlerinnen Fremde im Ort, in dem sie wirken wollen sollen. Wie gelingt es ihnen dennoch in relativ kurzer Zeit Vertrauen der Anwohnenden zu gewinnen, sodass diese bereit sind, gemeinsam in künstlerischen Produktionen tätig zu werden?

Der Auftrag der fördernden (und fordernden?) Organisationen ist oftmals diffus und bleibt der künstlerischen Freiheit geschuldet offen. Das oben angedeutete wollen sollen fordert vielleicht besonders im künstlerischen Selbstverständnis Widerstand heraus.

Des Weiteren sehen sich die Kunstschaffenden in der Kürze der Zeit der Herausforderung gegenüber etwas Neues, Innovatives schaffen zu wollen und dabei an Altes, Bestehendes anknüpfen zu sollen, was von oder mit den Anwohnenden entwickelt wird. Welche Strategien ergreifen Künstler*innen, um kreativ sein zu können, wenn sie es müssen? … Fortsetzung folgt!

 

Literaturverzeichnis

Breidenstein, Georg/Hirschauer, Stefan/Kalthoff, Herbert/Nieswand, Boris (2015): Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung. 2. überarbeitete Auflage. Stuttgart: UTB; UVK.

FLUX - Netzwerk Theater und Schule. „FLUX Residenzen“. flux-hessen.de/residenzen/ (Abfrage 19.11.2020).

Generaldirektion der Europäischen Kommission für Bildung, Jugend, Sport und Kultur (2016): Policy handbook on artists' residencies. European agenda for culture : work plan for culture 2011-2014. Luxembourg: Publications Office of the European Union.