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Pressemitteilung 264/2017 vom 25.10.2017

Bereich: Forschung, Studium und Lehre, Statements
Sachgebiet: Geschichte, Theologie / Religion

Geheimnisvolle Augen: Leipziger Theologin macht unglaublichen Ausgrabungsfund in Israel

Klare Hinweise auf eine menschengroße Statue, Luxusgüter und eine Monophysitische Kirche in Aschdod-yam

 

Augenumrisse aus Bronze mit Muscheleinlagen<br />Foto: Prof. Dr. Angelika Berlejung/Universität Leipzig
Augenumrisse aus Bronze mit Muscheleinlagen
Foto: Prof. Dr. Angelika Berlejung/Universität Leipzig

Noch nie zuvor haben Archäologen in Palästina Überreste menschengroßer Statuen gefunden. Einem deutsch-israelischen Team um die Theologin Prof. Dr. Angelika Berlejung von der Universität Leipzig und Prof. Dr. Alexander Fantalkin von der Tel Aviv University ist dies nun im Sommer bei Lehrausgrabungen nahe der israelischen Küstenstadt Aschdod erstmals gelungen. Als die Wissenschaftler die bronzenen Augenumrisse einer lebensgroßen Statue im Sand entdeckten, war das eine echte Sensation.


Aufgrund ihrer Größe vermutet Berlejung, dass die Bronzeaugen und deren Augäpfel aus Muscheln zu einer Gottes- oder Königsfigur aus Holz beziehungsweise Stein gehörten. Dies sei ein außergewöhnlicher Fund für die Region um die einstige Hafenstadt Tel Aschdod-yam in Palästina, 45 Autominuten von Jerusalem entfernt. Das Team aus Professoren und Studierenden der Universitäten Leipzig und Tel Aviv fand zudem Goldfragmente und Plättchen von Fayence sowie hochwertige Keramikware aus der Eisenzeit (8. bis 7. Jahrhundert v. Chr.). "Luxusgüter dieser Art lassen darauf schließen, dass wir da an einem Ort gegraben haben, der von der gut situierten Elite der Siedlung bewohnt war - etwa ein Tempel oder ein Palast ", ordnet Berlejung die Ausgrabungsfunde ein. Darauf deute auch das Vorderteil eines Löwenkopfes hin, das als Schmuck an einem Gefäß oder an der Wand eines Bauwerks angebracht war.

Die mittlerweile zerstörte Hafenstadt Aschdod-yam könnte für Jerusalem und Südpalästina eine wichtige Bedeutung für die Handelsbeziehungen zum Mittelmeer gehabt haben. Auch strategisch war sie wichtig. Daher schließt  Berlejung nicht aus, dass es einen Zusammenhang mit den jüngsten, spektakulären Ausgrabungsfunden ihres Leipziger Kollegen PD Dr. Dietrich Raue gibt. Der hatte aufsehenerregende, riesige Teile einer kolossalen Statue des Pharaos Psammetich I. (664 bis 610 v. Chr.) in Ägypten gefunden. Da sich die Funde der Leipziger Wissenschaftler auf dieselbe Zeit datieren lassen und es weitere Hinweise gibt, vermutet Berlejung, dass der ägyptische Pharao die Stadt vernichtet hat, an der sie jetzt in Israel forscht. In den kommenden Jahren werden die Wissenschaftler diese Spur weiterverfolgen.

Doch die Ausgrabungen in Aschdod-Yam waren nicht nur von der vorchristlichen Zeit geprägt. Im Zuge einer Pilotausgrabung in Zusammenarbeit mit der israelischen Antikenbehörde haben die Leipziger und Tel Aviver Forscher zwischen modernen Villen von Aschdod Überreste einer byzantinischen Kirche oder eines Klosters der Monophysiten freigelegt. Die katholische Kirche erklärte diese Interpretation der christlichen Lehre 451 n. Chr. als ketzerisch, doch haben einige orientalisch-orthodoxe Kirchen sie weiter vertreten. Für Aufregung sorgte eine rätselhafte Bauinschrift auf einem Mosaikboden. Das dort vermerkte Datum deutet darauf hin, dass in Palästina ein georgisches chronologisches Kalendersystem benutzt worden war, lange bevor es in Georgien selbst in Gebrauch kam. Wenn dies so sein sollte, stammt die Kirche aus dem Jahr 539 nach Christus.

Die Ausgrabungen sind Teil der Lehrangebots an der Universität Leipzig. Bereits in den Jahren 2013 und 2015 führten Prof. Dr. Berlejung und Prof. Dr. Fantalkin auf dem Tel Aschdod-yam Lehrausgrabungen durch und boten so Studierenden verschiedenster Fachrichtungen die Gelegenheit, unter realen Bedingungen die Arbeit von Archäologen kennenzulernen. Anhand der Funde rekonstruieren angehende Theologen, Ägyptologen, Orientalisten oder Archäologen aus Leipzig in Israel vier Wochen lang die Kultur der Eisenzeit (8. bis 7. Jahrhundert v. Chr.) bis in die christliche Epoche. Dabei geht es nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die Gegenwart. Die Studierenden lernen die Region kennen und nicht wenige entscheiden sich im Nachhinein für einen längeren Studienaustausch. Das trifft auch auf die israelischen Studierenden zu. Über die persönliche Zusammenarbeit werden auch tiefverwurzelte Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut. Die Studierenden gehen nach der Arbeit gemeinsam im Meer baden, machen Ausflüge in die Region und gehen am Wochenende in Tel Aviv feiern. "Es ist großartig, dass die Arbeit an der Vergangenheit nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft der Teilnehmerinnen und Teilnehmer beeinflusst", berichtet Berlejung von den positiven Begleiteffekte der Lehrgrabungen.

Insgesamt sind in den kommenden sechs Jahren drei weitere Ausgrabungen geplant. Berlejung hofft dabei weitere Teile der menschengroßen Figur zu finden, die zu den geheimnisvollen Bronzeaugen gehören.

Katalin Valeš

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letzte Änderung: 20.11.2017 

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