DieTestamente der zwölf Patriarchen

von Thomas Knittel

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Aufbau:

Die Test XII bestehen aus zwölf einzelnen Testamenten, die den Söhnen Jakobs zugeschrieben werden. Die alttestamentliche Vorlage dafür bot der Segen Jakobs für seine Söhne in Genesis 49. Die einzelnen Testamente sind jeweils nach einem einheitlichen Schema aufgebaut (bei geringfügigen Abweichungen):

  1. Hinweis auf bevorstehenden Tod des Patriarchen, Versammlung der Angehörigen
  2. Abschiedsrede
    1. Lebensgeschichte des Patriarchen
    2. daraus resultierende Mahnung an die Nachkommen
    3. Ausblick auf die Zukunft
  3. Tod des Patriarchen.

Hauptthemen von Test XII:

  • Test XII ist vor allem durch ethische Mahnungen charakterisiert, die sich allerdings nicht auf bestimmte Einzelbestimmungen der Tora, sondern auf allgemeine Tugenden wie z. B. Keuchheit, Barmherzigkeit oder Wahrhaftigkeit richten. Schöpfungsordnung und Gesetz entsprechen sich, so daß Sünde in der Verkehrung der Schöpfungsordnung besteht.
  • Grundlegend ist das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe (vgl. z. B. Test Benjamin 3,3-5)
  • Dualismus: Streit zwischen verschiedenen Geistern (vgl. z. B. Test Juda 20)
  • Hervorhebung von Juda (König) und Levi (Priester), wobei Levi über Juda steht (vgl. z. B. Test Juda 21). Beide haben endzeitliche Heilsbedeutung
  • In nahezu allen Testamenten wird für die Zukunft der Abfall von Gott und die Zerstreuung Israels verheißen. Spiegelt sich hierin der Blick des Verfassers  auf seine Gegenwart?

Originalsprache:

Während R. H. Charles in seiner Edition (1908) die Meinung vertrat, daß Test XII ursprünglich in Hebräisch verfaßt worden war, und sogar zwei verschiedene hebräische Rezensionen unterscheiden wollte, wird heute gewöhnlich Griechisch als Originalsprache angenommen. Nach Kee (Testaments, 777) sprechen dafür folgende Argumente:

  • es existieren zwar verschiedene aramäische Fragmente, die mit Test XII verwandt sind, allerdings gibt es keine direkte Beziehung zwischen dem griechischen Texten und den aramäischen Fragmenten
  • konstitutive Elemente des griechischen Textes fehlen in den aramäischen Fragmenten
  • der griechische Text erweist sich an einigen Stellen (z.B. Test Joseph 20,3) als von der Septuaginta (griechisches AT) abhängig
  • es begegnen spezifisch hellenistische Begriffe 

Datierung:

Für eine Datierung der Grundschrift in das zweite Jahrhundert v. Chr. sprechen folgende Argumente:

  • Test Naphtali 5,8 (Syrien als letzte in einer Reihe von Weltmächten)
  • Polemik gegen Hellenisierungstendenzen in der Jerusalemer Priesterschaft (Test Levi 14)
  • Die Tatsache, daß Hinweise auf Antiochus IV. und den Makkabäeraufstand fehlen, führt Becker zu der Vermutung, daß die Grundschrift zwischen 198 v. Chr. und 174 v. Chr. entstanden sei.

In einer zweiten Phase des Überlieferungsprozesses (noch auf dem Boden des Judentums) kamen verschiedene Ergänzungen zur Grundschrift hinzu. Die Endredaktion erfolgte schließlich durch christliche Hand ungefähr im 2. Jhd. n. Chr. (eine Sammlung neutestamentlicher Schriften ist vorausgesetzt). Bei Origenes wird Test XII erstmalig in einer christlichen Schrift zitiert.

Die Datierung ins 2. Jhd. v. Chr. .wird von einer Mehrheit vertreten, allerdings gibt es auch die Position (vor allem vertreten von Marinus de Jonge und seinen Schülern), daß Test XII insgesamt als christliche Schrift zu betrachten und dementsprechend erst im 2. Jhd. n. Chr. entstanden sei.

Herkunft:

Nach J. Becker kann die ethische Unterweisung in Test XII als "typischer Modellfall für das hellenistische Judentum und seine Predigt gelten" (Becker, Testamente, 16). Neben den im Abschnitt "Datierung" genannten Argumenten spricht hierfür, daß sich die christliche Bearbeitung ziemlich leicht vom übrig Textbestand abheben läßt. Das verbleibende Material paßt von Stil und Gedankenwelt her (und auch sprachlich) gut in das hellenistische Judentum, wobei eine genauere Ortsbestimmung schwer möglich ist. Als Trägerkreise der Überlieferung nimmt Becker eine weisheitlich geprägte Schule an. M. de Jonge und (auf dessen Arbeiten aufbauend) H. W. Hollander nehmen hingegen christlichen Ursprung an. Diese Position ist vor allem geleitet von einem methodischen Zweifel an den Möglichkeit der Literarkritik hinsichtlich der Rekonstruktion verschiedener Überlieferungsstufen in Test XII. Vielmehr sei von der inneren Kohärenz des überlieferten Textes auszugehen, die literarkritische Scheidungen als nicht notwendig erscheinen lasse. Hinzuweisen ist noch auf die verschiedentlich vertretene These, daß Test XII in essenischen Kreisen entstanden sei. Allerdings fehlen spezifische theologische Anschauungen der Essener in Test XII.

Überlieferung

Die Testamente der zwölf Patriarchen sind überliefert in Griechisch, Armenisch, Altkirchenslavisch, Lateinisch, Serbisch und Neugriechisch. Nach Hollander / de Jonge (Testaments, 10) stammen alle anderen Versionen vom griechischen Text ab.

Die lateinische, serbische und neugriechische Überlieferung hat für die Rekonstruktion des Textes nur geringe Bedeutung, während für die armenische und altkirchenslavische Überlieferung gilt, daß eine abschließende Beurteilung noch aussteht. Seit F. C. Conybeare (1893) wurde die These vertreten, daß der armenische Text, in dem verschiedene christliche Passagen des griechischen Textes fehlen, weniger als der griechische christlich beeinflußt sei. Widerspruch fand diese These u.a. bei de Jonge und Hollander, die Test XII insgesamt als christlich betrachten.

Ferner existieren verschiedene Fragmente, die eine gewisse Verwandtschaft mit Test XII erkennen lassen, deren genaues Verhältnis zu Test XII allerdings bislang nicht klar bestimmt ist. Dazu gehören verschiedene aramäische Levi-Fragmente, die in der Kairoer Geniza oder auch in Qumran gefunden wurden. Hollander / de Jonge vermuten, daß keine direkte Beziehung zwischen Test XII und den  aramäischen Fragmenten besteht, daß letztere aber für die Beurteilung der Quellen, die Test XII verwendete, von Bedeutung sein könnten.


Diese Datei wurde erstellt von: Thomas Knittel

E-mail: knittel@rz.uni-leipzig.de

Letzte Bearbeitung am: 8. Dezember 1999

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