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Zur Geschichte der neutestamentlichen Wissenschaft in LeipzigAls im 19. Jh. allmählich die Differenzierung der Theologie in spezielle Lehrbereiche begann, fand das Fachgebiet der Neutestamentlichen Wissenschaft seinen ersten bedeutenden Anwalt in Johann Georg Benedict Winer (1789-1858). Der Leipziger Bäckerssohn, der 1819 zum a.o. Professor berufen worden war, widmete sich vor
allem der grammatisch-historischen Arbeit am NeuenTestament. 1822
erschien in Leipzig seine "Grammatik des neutestamentlichen
Sprachidioms als sichere Grundlage der neutestamentlichen Exegese", die
insgesamt acht Auflagen erlebte und gemeinsam mit dem "Biblischen
Realwörterbuch" Winers zum Standardwerk einer neuen Methodik
wurde.Unter den Schülern Winers sind Karl Gottfried Wilhelm Theile (1799-1874) und Rudolf Anger (1806-1866) hervorzuheben, die das exegetische Erbe ihres Lehrers auch als Ordinarien an der
Leipziger Fakultät pflegten. Doch erst mit Woldemar Gottlob
Schmidt (1836-1888) schlug sich diese zunehmende Spezialisierung in
einer Stellenbeschreibung nieder: 1866 zunächst zum a.o. Professor
in Leipzig berufen, rückte Schmidt 1876 in eine o. Professur
auf, die nun ausdrücklich als "Ordinariat für Exegese des
Neuen Testaments" ausgewiesen war.An der Erforschung des Neuen Testamentes in Leipzig beteiligte sich u.a. auch der zur Philosophischen Fakultät gehörende Christian Hermann Weiße (1801-1866). In Leipzig geboren, habilitierte er sich im Jahre 1823, wurde1828 a.o. und 1845 o. Professor. 1838 entwickelte Weiße in Anknüpfung an Karl Lachmann die so genannte Zweiquellentheorie, die bis heute als maßgebliche Grundlage für die Beantwortung der synoptischen Frage (d.h. dem Verhältnis der Evangelien nach Mk / Mt / Lk) gilt. Eine Sonderstellung nahm in
diesen Jahren Lobegott Friedrich Constantin von Tischendorf (1815-1874)
ein. In seiner Studienzeit maßgeblich von Winer geprägt,
widmete er sich schon früh nahezu ausschließlich der
Textkritik des Neuen Testaments. Auf Reisen durch Europa und den Orient
betrieb er die Sammlung und Auswertung zahlreicher noch unbekannter
Handschriften. Den Höhepunkt seiner rastlosen Tätigkeit
stellte dabei die spektakuläre Entdeckung des "Codex Sinaiticus"
(4. Jh.) im Katharinenkloster auf dem Sinai dar. Insgesamt 24
Auflagen des "Novum Testamentum Graece" sowie 3 Auflagen der "Synopsis
Evangelica" dokumentieren (neben vielen weiteren Editionen) die reiche
Frucht seines textkritischen Lebenswerkes. Die Fakultät honorierte
Tischendorfs international hochgeschätzte Arbeit (1869 erhielt er
durch Zar Alexander II. den erblichen Adel) im Jahre 1859 durch eine
spezielle Professur für Biblische Paläographie.In die Zeit nach Tischendorfs Tod fällt die Leipziger Wirksamkeit Adolf von Harnacks (1851-1930). Seit 1872 zum Studium in Leipzig, erhielt er 1876-1879 eine a.o. Professur für Kirchengeschichte. Mit seinen Forschungen zum frühen Christentum hat er zugleich der exegetischen Arbeit am Neuen Testament in diesen Jahren entscheidende Impulse vermittelt. Den seit 1876 bestehenden
Lehrstuhl für Exegese des Neuen Testamentes übernahm von
seinem ersten Inhaber W. G. Schmidt im Jahre 1888 Theodor Zahn
(1838-1933), jedoch nur für die kurze Zeit von vier Jahren. Auf
Th. Zahn folgte Georg Heinrici (1844-1915), der von 1892 bis zu seinem
Tod das Profil der neutestamentlichen Exegese in Leipzig prägte.Als eine der interessantesten Persönlichkeiten an der Universität Leipzig kann um die Wende zum 20. Jh. zweifellos Caspar René Gregory (1846-1917) gelten.
1873 verließ der gebürtige Amerikaner seine Heimat, um
bei Tischendorf Textkritik zu studieren. Als er nach
längerer Reise 1875 in Leipzig eintraf, war Tischendorf gerade
verstorben. Gregory blieb und arbeitete sich in das Fachgebiet ein,
verfasste die Prolegomena (1400 Seiten in Latein) der unvollendet
gebliebenen Editio octava critica maior Tischendorfs und übernahm
schließlich 1889 dessen speziellen Lehrstuhl für biblische
Paläographie. Schon bald wurde Gregory zu einer der geachtetsten
Autoritäten in Fragen der Textkritik und baute den Ruf
Leipzigs auf diesem Gebiet weiter aus. Doch in Leipzig ist er vor allem
durch sein unkonventionelles, sozial engagiertes Auftreten in
Erinnerung geblieben. Unzählige Anekdoten haben dem "lieben Herrn
Professor" ein ehrendes Andenken bewahrt. 1917 fiel der
Wahl-Leipziger, der seit 1881 die sächsische
Staatsbürgerschaft besaß, als 71-jähriger Freiwilliger
in Frankreich. Ein Gedenkstein Gregorys befindet sich in der Naunhofer
Straße vor dem neuen Nikolai- Gymnasium. Während der
Lehrtätigkeit von G. Heinrici und C. R. Gregory nahm in Leipzig
auch der wissenschaftliche Werdegang von Hans Windisch (1881-1935),
einem der bedeutendsten Vertreter der Religionsgeschichtlichen
Schule, seinen Anfang. Als gebürtiger Leipziger habilitierte er
sich 1908 an der alma mater seiner Heimatstadt und wirkte hier als
Privatdozent, bis er dann 1914 einen Ruf auf eine o. Professur in
Leiden erhielt. Später führte sein Weg von Leiden über
Kiel nach Halle.Nach dem ersten Weltkrieg begann die Ära von Johannes Leipoldt (1880-1965),der bereits 1905 in Leipzig seine Habilitation absolviert hatte. Über die
Stationen Kiel und Münster kehrte er 1816 als o. Professor
und Nachfolger seines Lehrers G. Heinrici nach Leipzig zurück und
lehrte hier bis 1959 über 43 Jahre lang Neues Testament. Sein
Forschungsschwerpunkt lag vor allem im Bereich der
hellenistischen Religionsgeschichte, die nun zu einem Spezifikum
exegetischer Arbeit in Leipzig wurde. Neben J. Leipoldt stand
zunächst von 1917-1921 noch Gerhard Kittel (1888-1948) als a.o.
Prof., dessen Name u.a. mit dem großen "Theologischen
Wörterbuch zum Neuen Testament" verbunden ist.Die a.o. Professur übernahm an seiner Stelle von 1922-1954 Albrecht Oepke (1881-1955) als ein Garant kontinuierlicher exegetischer Arbeit und Lehre. 1929/30 bemühte sich die
Theologische Fakultät um die Errichtung eines zweiten Ordinariates
für Neutestamentliche Wissenschaft in Leipzig. Dabei hatte man
bereits Rudolf Bultmann (1884-1976) in Aussicht genommen, der im Januar
1930 auch zu Verhandlungen mit dem Ministerium nach Dresden
eingeladen wurde. Als Bultmann aufgrund verschiedener Spannungen
ablehnte, favorisierte die Fakultät eine Berufung Albert
Schweitzers (1875-1965), der sich zu dieser Zeit noch in
Lambarene aufhielt. Doch mit der Absage Schweitzers scheiterte
schließlich das gesamte Vorhaben eines zweiten Lehrstuhles. 1930
bewilligte das Ministerium für Volksbildung eine weitere a.o.
Professur für Paul Fiebig (1876-1949), der besonders die
Beziehungen zwischen rabbinischer Literatur und Neuem Testament zu
seinem Arbeitsfeld gemacht hatte. Erst 1954 kam es dann mit der
Berufung A. Oepkes vom a.o. zum o. Professor zu jenem zweiten
Lehrstuhl, wenngleich auch nur noch für die verbleibenden sechs
Monate bis zu Oepkes Emeritierung im selben Jahr.Mit dem Tod A. Oepkes und der Emeritierung J. Leipoldts entstand 1955 eine schwierige Situation. Verstärkt machte sich nun der Versuch staatlicher Einflussnahme auf die anstehenden Nachfolgeregelungen bemerkbar. Bemühungen um eine Berufung Ernst Bammels misslangen. Ein gewisser Aufschub konnte noch einmal dadurch erreicht werden, dass sich J. Leipoldt bis 1959 selbst vertrat. Währenddessen aber installierte das Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen Christoph Haufe (1925-1992), der sich als GM "Blume" des MfS verdient gemacht hatte, ohne Habilitation und gegen den Willen der Fakultätsmehrheit 1957 zum Dozenten, 1958 zum Professor. In dieser Position verblieb er für die nächsten 26 Jahre als einziger Ordinarius für Neues Testament. Ein wirklicher Generationenwechsel begann mit Günter Haufe (*1931). Nach seiner Habilitation 1964 blieb er in Leipzig, wo sein weiterer Werdegang jedoch zunächst durch die Hochschulpolitik der SED hintertrieben wurde. Erst 1968 gelang die Berufung zum Dozenten. 1971 wechselte Haufe auf eine Professur nach Greifswald. In diesem Jahr kam Karl Martin Fischer (1936-1981) aus Berlin nach Leipzig. Auch er geriet in das Intrigenspiel ideologischer Entscheidungen.
1974 nach anfänglichen
Verzögerungen zum Dozenten berufen, blieb ihm eine Professur
zeitlebens versagt. Die 10 Jahre seiner Leipziger Wirksamkeit waren von
einer fruchtbaren Forschungs- und Lehrtätigkeit geprägt, bei
der vor allem seine weitere Mitarbeit im Berliner koptisch-gnostischen
Arbeitskreis einen Schwerpunkt darstellte. Mitten aus dieser
erfolgreichen Arbeit wurde er 1981, erst 45-jährig, durch einen
unerwartet frühen Tod herausgerissen. An seiner Stelle
übernahm fortan Günther Wartenberg (*1943) die Dozentur
für Neues Testament. 1984 wechselte Wolfgang Wiefel
(1929-1998) aus Halle in das Ordinariat des vorzeitig emeritierten Chr. Haufe - bis zu
seiner eigenen Emeritierung im Jahre 1992.Mit der Fusion zwischen der Sektion Theologie (so seit 1970/71) und der Kirchlichen Hochschule (so seit 1990) zur wieder hergestellten Theologischen Fakultät im Jahre 1992 konnten zwei Lehrstühle im Institut für Neutestamentliche Wissenschaft besetzt werden: Werner Vogler (1934-2000) wirkte hier bis zu seiner Emeritierung 1999, Christoph Kähler (*1944) bis zu seiner Wahl 2001 in das Amt eines Bischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen. Der Traditionsstrang des Theologischen Seminars / der Kirchlichen Hochschule blickt auf eine kürzere Geschichte zurück. Dort hatte W. Vogler 1969 die Dozentur von Harald Hegermann (*1922) übernommen, der nach seiner Leipziger Tätigkeit in den Jahren 1963-1969 einem Ruf nach
München gefolgt war. 1971 kam Wolfgang Trilling (1925-1993)
zum Lehrkörper hinzu. Dies war insofern ein Novum, als damit ein
katholischer Gastdozent neutestamentliche Wissenschaft an einem
lutherischen Seminar lehrte und dadurch zum ökumenischen
Gespräch vor Ort in den spannenden Jahren nach dem zweiten
Vatikanischen Konzil beitragen konnte. In der Zeit schwerer Erkrankung
trat dann Chr. Kähler ab 1981 an seine Seite und schließlich
an seine Stelle. Seit 1998 übernahm
Christfried Böttrich (*1959) die Lehrverpflichtungen von Chr.
Kähler, der für eine befristete Zeit in das Arbeitsfeld eines
Prorektors der Universität wechselte. 1999 hat Jens Herzer (*1963)
die Nachfolge von W. Vogler angetreten. Im Jahr 2003 konnte der
Lehrstuhl Chr. Kählers, der zum Bischof der thüringischen
Kirche gewählt wurde, mit Jens Schröter wiederbesetzt werden.Chr. B. |
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