Celtic Christian Spirituality

Keltische Religion und Religiosität [Langfassung]

I Einleitung
Quellen, Die Entwicklung der keltischen Religion
II Die Religion der Kelten
Grundsätzliches, Zentrale keltische Gottheiten,
Das keltische Jenseits – die „Anderswelt“, Heiligtümer und Heilige Orte,
Die keltischen Priester -  die Druiden
III Die keltische Religiosität
Feste und Rituale, Opfer, Amulette, Besondere Kulte
I Einleitung

I.I Quellen

Quellen über die keltische Religion in ihren verschiedensten Erscheinungs- und Entwicklungsformen sind insgesamt sehr rar. Erschwerend kommt bei allen schriftlich fixierten Quellen hinzu, dass diese tendenziös aus römischer oder christlicher Perspektive geschrieben sind. Somit ist die Erschließung religiöser Inhalte auf der Basis von Texten nur möglich über literarkritische Methoden, was freilich mit den üblichen Risiken behaftet ist.
Schriftliche Quellen liegen zunächst durch antike Schriftsteller, allen voran J. Caesar, vor. Das Problem bei deren Beschreibungen ist das dahinterstehende Interesse, die Kelten als für das Imperium Romanum bedrohlich darzustellen, um die römischen Expansionen zu legitimieren. Erschwerend kommt hinzu, dass die Angaben nur jeweils lokale Gültigkeit haben. Da die Kelten in losen Stammesverbänden mit nicht unerheblichen kulturellen Unterschieden lebten, liefern die antiken Angaben allenfalls Hinweise z.B. auf die Religion einzelner Stämme oder Clans. Zudem kamen die Römer mit manchen keltischen Siedlungsräumen, so v.a. Irland, gar nicht in Kontakt. Wo jedoch keltische Gebiete dem römischen Reich einverleibt wurden, assimilierten sich die dort ansässigen Kelten an die römische Kultur, was allerdings auch durch die relative kulturelle und kultische Toleranz der Römer erst ermöglicht wurde. Gerade in den französischen und deutschen Siedlungsgebieten der Kelten kam es zu regionalen Formen eines gallorömischen Synkretismus. Dessen Zeugnisse liefern nun wiederum nur bedingt Hinweise auf Merkmale der genuinen keltischen Religion. Somit ist über eine Reinform der Religion sogenannter Festland-Kelten, also der kontinentaleuropäischen Stämme, kaum etwas ermittelbar.
Ähnliche Probleme werfen die mittelalterlichen Quellen aus dem inselkeltischen britischen Raum auf. Von christlichen Mönchen verfasst, sind die Helden und Elfenkönige in den aufgezeichneten Sagen aus Irland und Wales nur noch andeutungsweise als die Götter zu erkennen, die sie in den früheren religiösen Mythen einmal gewesen waren. Nichtsdestotrotz bieten die Erzählungen v.a. des 8. und 9.Jh. die besten Textquellen, die den Keltologen heute noch zur Rekonstruktion der keltischen Religion zur Verfügung stehen. Insofern bezieht sich das Grós der nachfolgenden Informationen auf den inselkeltischen Raum. Aus dessen Kontext stammen auch die angeführten Textquellen.
Hilfreiche Hinweise bieten daneben aber vor allem die archäologischen Funde, die das schemenhafte Bild aus den schriftlichen Zeugnissen ergänzen. Manche aus den Sagen bekannte Gestalten lassen sich z.B. erst durch Statuetten oder Verzierungen auf Waffen und Schmuck als einstige Gottheiten identifizieren. Die Bedeutung solcher Gegenstände erhöht sich nicht zuletzt dadurch, dass die Kelten nahezu keine Schriftkultur pflegten, weswegen es keine keltischen Textquellen gibt. Vor diesem Hintergrund ist Konrad Spindler Recht zu geben, dem zufolge „sich die Geschichte des frühen Keltentums (...) faktisch nur mit archäologischen Methoden erhellen“ lässt.
Allerdings darf dabei nicht außer Acht bleiben, dass es einige wenige Funde gibt, auf denen spärliche Texte erhalten sind. Diese sind in der Ogham-Schrift abgefasst, die nach Peter Harbison etwa um 300 n. Chr. in Irland entstand. Dabei handelt es sich um ein Alphabet, das Konsonanten und Vokale der gälischen und dann der altirischen Sprache in Strichen ausdrückt, die senkrecht auf einer Mittellinie stehen, diagonal darauf liegen oder an eine ihrer Seiten angesetzt sind. Als Mittellinie diente dabei jeweils die Kante des aufrecht gestellten Steins, der die Inschrift trug. In aller Regel handelte es sich dabei um Gedenksteine für Tote. Leider sind Steine aus der noch ausschließlich keltischen Epoche zu selten und die Inschriften darauf zu knapp, um ein differenziertes Bild der religiösen Vorstellungen zu vermitteln. Dennoch war die Oghamschrift ein Element keltischer Kultur, dass - vermutlich allerdings erst nachträglich - Eingang in die keltischen Mythen und Sagen fand:

Damit trennten sie sich. Sualtach ging die Ulter zu warnen; Cúchulinn aber machte einen Reifen aus Eichenholz und ritzte auf das Verschlußstück eine Botschaft in Oghamschrift. Diesen Reifen schob er über den Steinpfeiler bei Ard Cuilenn und ging zu dem Mädchen.

Der Narr ging hinaus, und es schmerzte ihn, dass sein Herr von dem schönen Weibe so schmählich verraten wurde. So nahm er draussen sein Messer, hieb sich einen Haselstab ab und schnitt in seine Rinde mit Oghamzeichen diese Worte: „Ein Erlenstock zwängt sich ins Goldgehege. Tödlicher Nachtschatten sproeßt an des Hauses Wand. Ein Narr nur liebt eine lüsterne Frau. Öde Heide deckt die nackte Höhe von Uallan in Lagin.“ Diesen Stab warf er vor den Eingang des Hauses, als Finn abends mit seinen Jägern heimkam.


I.II Die Entwicklung der keltischen Religion

Wie schon gesagt, liefern v.a. die irischen und walisischen Mythen und Sagen, die von den iroschottischen Mönchen in den Klöstern aufgezeichnet wurden, noch die besten schriftlichen Hinweise auf die vorchristliche keltische Religion. Allerdings haben sie dabei Veränderungen erfahren. Markant ist dabei v.a. der Wandel der Erzählungen von ursprünglichen religiösen Mythen, die, um ehemals eigenständige Erzählkomplexe erweitert, zu Heldensagen, Märchen oder sogar zu Heiligenlegenden um- und ausgebaut wurden. Auf diese Weise war es möglich, einen behutsamen kulturellen Wandel von der einstigen keltischen Religion hin zum Christentum zu erreichen.
Dieser Wandel wiederum war in starkem Maße davon abhängig, dass zunächst die einflussreichen Schichten zum neuen Glauben übertraten. Der Keltologe Jean Markale schließt aus der schnellen und insgesamt unblutigen Ausbreitung des Christentums in Irland, dass sich schließlich die gesamte machtvolle Druidenklasse zum Christentum bekannte, derem Beispiel dann andere Klassen folgten. Er untermauert diese These mit dem Nachweis, dass im frühen christianisierten Irland fast ausschließlich Könige und ehemalige Druiden Bischöfe oder Äbte geworden sind. Damit behielten zugleich die Schichten, die schon vor der Christianisierung weltiche und geistliche Macht innegehabt hatten, ihre faktische Position bei.
Gemeinsamkeiten zwischen keltischen Bräuchen und der monastischen Lebensweise erleichterten Markale zufolge den Übergang zum Christentum. Die Kelten hatten ihre Heiligtümer in der Natur, zumeist ohne prächtige Gebäude angelegt. Oft lebten auch Druiden an den abgeschiedenen heiligen Orten. Daran konnten die christlichen Missionare, v.a. die Eremiten, anknüpfen. Dadurch, dass sie „formal das Leben von Druiden führten, trugen sie die christliche Missionspredigt aus diesem der Bevölkerung vertrauten Kontext heraus vor“ (Markale).
Als Beispiel für die angesprochene formale Ähnlichkeit zwischen Druiden und Mönchen mag die schottische Insel Iona dienen, auf der St. Columba 563 n. Chr. sein Kloster gründete, das zum religiösen Mittelpunkt des keltischen Christentums avancierte. Der gälische Name der Insel lautet übersetzt „Insel der Druiden“.
Beispiele für die Veränderungen, die einstmalige Gottheiten im Zuge der Missionierung erlebten, sind etwa die einstige populäre Muttergottheit Brigit, die verknüpft mit der Person der heiligen Brigitte, einer Äbtissin von Kildare, als bedeutendste irische Heilige neben St. Patrick weiter existierte.
Ein anderes Beispiel bietet die Geschichte von Tuan Mac Cairill, der als Druiden-Gott in vielerlei Gestalt die Jahrhunderte durchwandelt, von seinen Erfahrungen berichtet und die Tradition weitergibt – also genau die druidische Rolle verkörpert, ehe er in seiner letzten Inkarnation all seine Abenteuer dem Heiligen Patrick erzählt, sich taufen lässt und schließlich als gläubiger Christ stirbt.
Aber auch über die Entwicklung der keltischen Religion vor der Missionierung lassen sich, wenn auch unter Vorbehalt, zumindest einige Aussagen treffen. Dabei ist auf die Einwanderungswellen der verschiedenen Stämme in Irland hinzuweisen. Im Laufe der keltischen Zeit erlebte Irland vermutlich drei große Einwanderungen. Das lässt sich an verschiedenen Fundobjekten festmachen. Dabei wird angenommen, dass sich zumindest die letzten beiden durch Migrationen erst der Hallstatt- , und dann der Latène-Kelten ereigneten. Die älteste vielleicht noch vorkeltische Welle kann archäologisch fast nur an ihren Grabanlagen verfolgt werden.
Die neuen Stämme brachten nun auch stets ihre eigene Variante der keltischen Religion mit. Konflikte zwischen Alteingesessenen und Einwanderern lebten später in eigentümlicher Weise in den Mythen fort. Darin treten die Götter der Einwanderer selbst als Invasoren auf, die – analog zu den realen politischen Verhältnissen – mehr und mehr die Macht übernehmen. So erlebt das irische Pantheon gewissermaßen drei Phasen, in denen nacheinander die Fomorier, Tuatha de Danann und schließlich die Milesier dominieren. Der Konflikt zwischen den letzteren beiden wird dadurch gelöst, dass die Tuatha de Danann in den irischen Hügeln leben, die Milesier dagegen die Erdoberfläche bevölkern. In christlicher Zeit werden die Tuatha de Danann dann zum irischen Feen- und Elfenvolk, während die Nachkommen der Milesier zur normalen menschlichen Bevölkerung geworden sind.

II Die Religion der Kelten

II.I Grundsätzliches

„Einheit in der Vielfalt“ - mit diesem modernen Schlagwort lässt sich auch der wohl grundsätzlichste Aspekt der keltischen Religion charakterisieren. Zunächst ergibt sich eine Vielfalt schon durch die Existenz zahlreicher autonomer keltischer Stämme. Jeder davon verehrte die großen keltischen Gottheiten, oft aber unter verschiedenen Namen und um bestimmte Details, Zuständigkeitsbereiche und Mythen erweitert. Für den festlandkeltischen Bereich kommt die Verschmelzung mit Nachbarreligionen dazu, v.a. mit der römischen.
Das dadurch schon sehr weite Feld verkompliziert sich noch durch die „personelle Vielheit“ der keltischen Götter. Darunter ist folgendes zu verstehen. Die zentralen keltischen Gottheiten zeichnen sich dadurch aus, gleichzeitig verschiedene Funktionen wahrzunehmen, und dies unter je anderen Namen. Daraus entsteht eine immense Vielzahl von miteinander identischen Gottheiten, die z.B. als Muttergöttin nur einen spezifischen Aspekt der gesamten weiblichen Gottheit verkörpern, zugleich jedoch, unter anderem Namen, auch als Kriegsgöttin begegnen können. Üblicherweise lässt sich eine Dreiheit von Göttern ausmachen, die immer zugleich eine und drei Gestalten sind. Diese Dreiheit muss jedoch nicht auf drei unabhängige Aspekte der Gottheit verweisen, sondern kann auch die Kopplung zweier verwandter Aspekte implizieren.
Die Keltologen Sylvia und Paul Botheroyd nehmen als wesentliche Ursache für diese keltische Affinität zur Triade die Möglichkeit an, Gegensätzliches gleitend miteinander zu verbinden, z.B. Hell – Zwielicht – Dunkel; Heiß – Lau – Kalt, Jugend – Reife – Alter usw. . Nebenbei bemerkt ergibt sich durch die keltischen Dreiheit ein weiterer Anknüpfungspunkt, der sich den christlichen Missionaren, hier bezüglich der Trinitätslehre, bot. Archäologisch lässt sich die Götterdreiheit durch zahlreiche Funde von Statuen oder Reliefs mit dreigesichtigen Gottheiten belegen. Dabei ist die Vielfalt so groß, dass die Botheroyds zu der These kommen, dass „jeder wichtige Gott [...] zum Dreikopf werden konnte.“
Wie sich auf der Ebene der Sagen eine solche Triade noch feststellen lässt, zeigt ein Auszug aus der Deirdre-Sage:

Dann eilten die Brüder mit Deirdre im Dunkel der Nacht an den Strand, bestiegen das Boot und fuhren nach einer fernen Insel draußen in der See. Wohl schickte ihnen der König von Alba Verfolger nach, als er von der Flucht der Usnech-Söhne erfahren hatte; aber keiner der ausgesandten Rächer erreichte die Flüchtigen.
Auf der Insel blieb Deirdre mit den Usnech-Söhnen nur kurze Zeit, denn unwirtlich war dort die Erde und bot ihnen nur kargen Unterhalt. So fuhren sie denn zu Schiff wieder zurück nach Albas Küste und landeten an einer Stelle, die von ihren alten Wohnplätzen weit entfernt lag. In menschenleerer Wildnis ließen sie sich dort nieder, nämlich am See von Eitche. Drei Hütten bauten hier die Brüder, und in der einen schliefen sie, in der anderen wohnten sie und in der dritten kochten sie das Essen. Glücklich und unangefochten lebten sie hier mit Deirdre lange Zeit.
Die drei Söhne des Usnech handeln hier wie eine Person, obwohl ihre drei Namen an anderer Stelle genannt werden. Nur der älteste von ihnen ist aber mit Deirdre liiert.
Schon das bisher Gesagte ergibt für die keltische Religion eine ungemeine Komplexität. Diese wird aber noch weiter erhöht durch den Gedanken der Inkarnation von Gottheiten, nach dem die verschiedenen Aspekte der Götter sich in Helden oder Monstern manifestieren können – über direkten Eingriff, Zeugung oder eine eigenwillige Art der Wiedergeburt. Ein Beispiel für die letztgenannte Möglichkeit schildert die Sage von Étaín.
Étaín ließ sich bereden und ging mit Fuamnach zu dem Haus mit dem Söller. „Steige zuerst hinauf!“ sagte Fuamnach mit erheuchelter Unterwürfigkeit zu Étaín, „denn du bist hier nun Herrin auf dem Hofe.“ So stieg Étaín vor Midirs Weib die Stufen zum Söller empor. Als sie aber gerade den Fuss von der obersten Stufe auf den Boden des Sonnengemachs setzen wollte, blies ihr Fuamnach, die ihr dicht hinterher folgte, ihren Zauberhauch unter das Gewand. Da verwandelte sich Étaín in eine Biene und flog surrend zum Fenster des Söllers hinaus in das Land.
Ètaín aber flog auf Bienenflügeln und gelangte zum Inbher Cichmuine. Dort wohnte Étar, der König von Eochraide, und in seinem Haus hielt er gerade ein fröhliches Fest. Neben Étar saß sein Weib. Angelockt durch den Duft des Honigmets flog Étaín in dies Haus hinein. Unbeachtet fiel sie Étars Weib in den Metbecher. Und die Frau trank den Met samt der Biene. Davon ward sie schwanger, und als ihre Zeit gekommen war, gab sie Étaín wiederum das Leben in menschlicher Gestalt. Und am Inbher Cichmuine wuchs Étaín zur Jungfrau heran, und nichts erinnerte sie an ihr früheres Leben.


II.II Zentrale keltische Gottheiten

Bei der Betrachtung der zentralen keltischen Gottheiten ist wiederum zwischen den Festlandkelten und Inselkelten zu trennen. Das ist bedingt durch die große zeitliche Differenz, die zwischen der Quellenlage für die beiden Gruppen besteht. Über die Festlandkelten berichten Römer, für die Polytheismus die normale Form von Religion war. Somit schildern die antiken Autoren freimütig Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den eigenen und den keltischen Göttern, so etwa in Cäsars Interpretatio Romana des keltischen Pantheons. Die inselkeltischen Gottheiten müssen dagegen erst in den Sagen, als die die christliche Mönche die früheren Mythen aufzeichneten, erschlossen werden. Synoptische Vergleiche beider Quellenformen miteinander und mit archäologischen Funden sind hilfreich, ein Bild von den Gottheiten zu entwickeln.
Grundsätzlich existierte für alle Kelten ein Götterpaar, das die wesentlichen Zuständigkeitsbereiche in seinen jeweiligen drei Erscheinungsformen abdeckte. In der keltischen Religion lassen sich dem weiblichen Part die als Muttergottheiten identifizierbaren Gestalten zuordnen. Sie verkörperten das konstruktive Prinzip im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen, konnten darüber hinaus aber auch spezifischere Funktionen übernehmen. So können sie als königliche Gebieterin, und dabei allein (Rigani, Modron, Sul) oder als Partnerin eines Götterfürsten begegnen (Bormana, Nantosvelta, Brigit), mit dem gemeinsam sie den schaffenden Akt durch eine „heilige Hochzeit“ vollziehen, oftmals auch durch die Geburt des „göttlichen Kindes“ (Rhiannon, Modron). Eine ähnliche Funktion kommt den Urmüttern der diversen Stämme zu, von der die keltischen Clans ihre Herkunft ableiteten (Anu/Danu, Dôn). Konkreter gefasst, können diese Göttinnen das nährende Mutterland (Banba, Fodla, Ériu, Brigantia) oder den lebensspendenden Fluss (Matrona, Dôn, Boand) verkörpern und als Hüterinnen der Wälder für die Fülle des Jagdwildes (Abnoba, Arduina), des Viehs (Flidais) und der Feldfrüchte (Tailtiu) Sorge tragen. Gerade den letzten genannten Formen der Muttergottheit wurden zahlreiche Heiligtümer eingerichtet, wo Kelten durch den Kontakt zu den Römern der Steinmetzkunst kundig geworden waren. Viele Funde von Statuen, oft in Dreiergruppen, aus Frankreich, Deutschland und England belegen die rege Verehrung.
Auch die genaue Umkehrung des mütterlichen, Leben erzeugenden Aspekts kam vor. Diese Seite der Gottheit verkörperten Kriegs- und Todesgöttinnen, die bedrohten und mordeten (Bodh, Macha, Morrigan).
Je nach besonderen Zuständigkeiten werden den weiblichen Gottheiten  bestimmte heilige Tiere zugeordnet, so die Kuh und die Bärin für das mütterliche Prinzip von Fruchtbarkeit und Schutz, die Hirschkuh als Attribut der Jagdgöttin und Raben für die Kriegsgöttin. In anderen Darstellungen finden sich daneben auch häufiger Hunde oder Vögel, hier v.a. die Eule, als Begleiter der Göttinnen.
Die männliche Gottheit begegnet ähnlich vielgestaltig wie ihr weibliches Gegenüber. Besonders zentral ist der Aspekt des Sonnengottes, der sowohl als lebensrettender junger Krieger und prächtiger Fürst auftreten (Aed, Lug, Belenus) kann und die Frühlingssonne verkörpert, wie auch als monströser, zerstörerischer und einäugiger Riese (Goll, Balor). Letzterer steht für die sengende Sommersonne. Das Tier, das dem Sonnengott korrespondiert, ist das Pferd. Das erklärt sich dadurch, dass es die strahlenden Himmelsrösser sind, die den Sonnenstreitwagen des jugendlichen Sonnengottes über den Himmel ziehen.
Durch ihren zyklische Wiederkehr ist die Sonne daneben auch ein Symbol des über den Tod hinaus weitergehenden Lebens. Dadurch ist sie ein Attribut auch von Gottheiten, die für das keltische Jenseits, die „Anderswelt“ stehen (Dagda/Eochaid Ollathair, Sucellus). Als Vatergottheiten sind diese wiederum auch schöpferische Kräfte, die, oft in Verbindung mit der Muttergöttin, die dann auch sonnenhafte Züge erhält (Brigit, Epona, Rhiannon, Rigani), den schöpferischen Akt vollziehen. Ebenso kommen die Kräfte der Sonne den Helden, die oft als Söhne oder Inkarnationen des Sonnengottes geschildert werden, zugute (Cuchulínn, Cú Roi, Eochaid).
Ähnliche Bedeutung kommt bei den Festlandkelten dem Aspekt der Erdgottheit zu, die meistens gehörnt oder mit Hirschgeweih dargestellt wird und die Wachstumskräfte der Erde repräsentiert (Cernunnos). Daneben ist die Verschmelzung von Wohlfahrts-, Fruchtbarkeits- und Kriegsdimension in Teutates aus dem französischen Keltengebiet bekannt. Den kriegerischen Part verkörpert in starkem Maße auch Tarannis, ein wohl ursprünglicher Wettergott. Teutates heiliges Tier ist der Widder, so dass er oft auch mit einer Maske mit Widderhörnern dargestellt wurde, während Tarannis das Pferd mit einem Menschenkopf entspricht. Teilweise ähnliche Funktionen kommen Esus zu, der zusammen mit Teutates und Tarannis oder Cernunnos eine Götterdreiheit im Rigani-Mythos bildet. Das heilige Tier des Esus ist der Eber, was ihn u.a. als Jagdgottheit charakterisiert. Alle diese Gottheiten trugen zugleich auch Züge des Vatergottes, dem sich als Varianten noch Sucellus und, aus dem irischen Kontext, der Dagda hinzugesellen. Letzterer verkörpert die verschiedenen Komponenten am vollständigsten, so dass er fast die einzige umfassende göttliche Erscheinung im keltischen Pantheon ist. Andeutungsweise lässt sich ihm, was heilige Tiere betrifft, ein Stierbezug nachweisen.
Neben diesen Hauptgottheiten existierten v.a. bei den Inselkelten zahlreiche weitere als Geschwister, Vorfahren oder Nachkommen der Genannten. Sie im einzelnen vorzustellen ist nicht allein aus Zeitgründen schwierig, sondern auch wegen der in ihrem Fall oft noch verworreneren Quellenlage.
Verschiedene angesprochene Charakteristika der keltischen Götterwelt lassen sich an der Geburt des Göttersohnes und Helden Cuchulínn erkennen:

Geheimnisvolles Dunkel liegt über der Geburt des Helden Cuchulínn. Göttlichen Ursprungs war er und wurde von einer Jungfrau geboren. Über die Felder um Emuin, König Conchobars Burg, kamen einst seltsame Vögel geflogen. Sie ließen sich ringsum nieder und fraßen alles Grün von den Saaten. Das verdroß den König, und eilends stieg er in seinen Kampfwagen und fuhr mit seinen Kriegern hinaus, um die schädlichen Vögel zu erlegen. Des Königs Wagen aber lenkte Dechtire, Conchobars Schwester. Als die Nacht heraufzog, waren die Königsgeschwister weit ab von der Burg von Emuin und hatten auch die anderen Jäger aus der Sicht verloren. So suchten sie Obdach in einem Bauernhaus.
In dieser Nacht nun gab die Bäuerin dort einem Knaben das Leben, und Dechtire leistete ihr dabei Hilfe. Zur gleichen Zeit gebar auch die Stute nebenan im Stall ein Füllen, das dem Kind auf des Königs Geheiß als Geschenk zugesprochen wurde.
Als die Königsgeschwister am nächsten Morgen erwachten, waren Haus und Bauersleute verschwunden, neben ihnen aber lagen das Knäblein und das Füllen im Gras. Da Dechtire das Kind gefiel, nahm sie beide mit sich, um sie in der Königsburg aufzuziehen.
Heiss liebte des Königs Schwester dies Kind. Doch da befiel es eine tödliche Krankheit. Alle Hilfe war vergebens, und zu ihrem großen Schmerze sah Dechtire das Pflegesöhnlein sterben. Als sie aber in der Nacht nach dem Tode des Knäbleins betrübt auf ihrem Lager saß und weinte, erschien ihr der Knabe in Mannsgestalt und wie im Traume und bat sie, sie möge nicht trauern: er sei ein übermenschliches Wesen aus dem Volk der Göttermutter Danu, er müsse mehrmals sterben und wiedergeboren werden, das sei sein Schicksal, und er heiße Lug mac Ethnend. Und weiter verkündete er ihr, nun werde sie selbst von ihm erfüllt werden und ihn dann als seine Mutter zur Welt bringen. Darauf fühlte Dechtire, dass sie empfangen hatte, und der traumhafte Schatten war verschwunden. So wurde des Königs Schwester schwanger, und niemand wusste, wie dies zugegangen wäre.


II.III Das keltische Jenseits – die Anderswelt

War über die Götterwelt der Festlandkelten noch einiges bekannt, so bezieht sich jedoch das Wissen über die keltische Jenseitsvorstellung fast ausschließlich auf inselkeltische Quellen. Anders als die übrigen Indoeuropäer dachten sich die alten Iren, Schotten und Waliser ihre „Anderswelt“ „nicht von der realen Welt getrennt, nicht als abgesonderte Sphäre unter der Erde oder in himmlischen Gefilden, sondern im Hier und Jetzt“ (S. & P. Botheroyd). In den Sagen ist die Anderswelt überall und nirgendwo. Die Menschen befinden sich mitten in ihr, auch wenn sie sie normalerweise nicht mit ihren sterblichen Augen sehen können.
Damit deutet sich das wesentlichste Merkmal der Anderswelt schon an, ihre Widersprüchlichkeit. So gibt eine Reihe verschiedener Namen für sie (z.B. Anwn in Wales, zahlreiche Namen für einzelne Inseln, Berge oder Königreiche), die doch alle das Gleiche bezeichnen. Dutzende von Fürsten und Fürstinnen regieren darin, und doch ist ihr einziger wahrer Herrscher der Dagda, der ursprüngliche Sonnen- und Ahnengott, der beim Festmahl der Anderswelt den Vorsitz führt. Die Anderswelt ist nicht zeitlos, aber die Dauer ihrer Zeit ist von der der realen Zeit unabhängig: Jahre können darin Augenblicke sein und umgekehrt. Sie ist zugleich Land der Lebenden und der Toten, der Ahnen und der ewigen Jugend, der schönen Helden und Heldinnen wie auch der abscheulichen Untiere und Riesen. Sie ist der Born aller Weisheit, wo die Helden ihre tollkühnen Kunststücke erlernen, die Dichter sich ihre Inspiration holen und die Druiden die Macht ihrer Zauber schöpfen.
Auch in der Anderswelt ist die Oberschicht in prächtigen Fürstenhöfen organisiert, die sich die Zeit mit immerwährenden Festen bei köstlicher Speise und nie versiegendem Trank, bei Musik, Tanz, Dichtung, Liebesgenuß und Jagd vertreiben. Es gibt weder Krankheit noch Kummer, weder Tränen noch Tod. Und doch gibt es zugleich Ungeheuer, Hexen und Geister, und die verschiedenen Fürsten bekriegen sich in ständigen Fehden und Feldzügen.
Summa summarum treten hier die Gegensätze hervor, halten sich aber zugleich in der Schwebe, so dass den Widersprüchen ihr Boden entzogen wird. Deswegen besitzt der Dagda den lebensspendenden Kessel der Fülle und die Keule, die neun Krieger auf einmal zu töten vermag.
In Übergangszeiten im Herbst und Frühjahr fallen die Grenzen zwischen der Menschen- und der Anderswelt, und beide begegnen sich ungehindert. Es gelingt der Wechsel von der einen in die andere Welt und es kommt zu Liebschaften, Feiern oder Zweikämpfen zwischen Sterblichen und Unsterblichen. Zu jeder ordentlichen Heldenbiographie gehört mindestens ein Aufenthalt in der Anderswelt; oft werden sie dort erzogen oder ausgebildet (Cuchulínn, Diarmaid, Artus, Lancelot).
Als Zugang zur Anderswelt fungieren Höhlen, Seen oder Quellen, bisweilen genügt aber auch ein Windhauch oder ein Nebel, um die eine Welt in die andere umschlagen zu lassen. Megalithenhügel, Inseln oder Inselgruppen und Bergtäler sind bevorzugte Orte der Begegnung mit Andersweltbewohnern, manchmal jedoch holen diese die Sterblichen auch direkt aus deren Behausungen ab. Die Päläste und Königreiche der Anderswelt liegen oft unter der Erde, in Hügeln oder unter Wasser.
Verstorbene wurden als von der Menschenwelt an die Anderswelt Abgetretene aufgefasst und auch als solche bezeichnet. Der göttliche Stammvater, der Dagda, war der mythische erste Tote seines Stammes und lud seine Nachkommen zum Fest in der Anderswelt an seine Tafel. Deswegen wurde den Toten Verpflegung sowohl für den Weg in die Anderswelt als auch für das dortige Gelage mitgegeben, und sie wurden festlich gekleidet und von ihren Dienern und Tieren „begleitet“. Da die Verstorbenen nicht mehr zur Welt der Lebenden gehörten, bewohnten sie von nun an wie alles andere Nichtmenschliche – Götter, Feen und Elfen - die Anderswelt.
Als Beispiel für einen Übergang in die  bunt geschilderte Anderswelt mag die Episode von Étaíns Entführung durch den Elfenfürsten und ehemaligen Gott Midir aus der Étaín-Sage dienen:

So nahm das Fest einen fröhlichen Verlauf. Lärmend und in trunkener Zufriedenheit saßen die Edlen abends beim Schmaus, lauschten den Liedern der Barden und freuten sich mit dem Königspaar, Eochaid und Étaín, an den Späßen der Gaukler. Da stand auf einmal wie aus der Erde gewachsen Midir von Bri Leith mitten unter ihnen. Niemand vermochte den Sidefürsten zu sehen, außer Eochaid und Étaín. Langsam trat der Unheimliche hinter die Königin und raunte ihr ins Ohr:
„Vielschöne Frau, du Kleinod von Erinn,
Komm in mein Wunderland, du Wonnereiche,
Wo goldgelockt die Glücklichen wandeln!
Aus sanfter Dämmerung dunkler Wimpern
Strahlen die Augen der Edlen dir Heil.
Freund sind dir alle Elfen des Hügels,
Die weißwangigen, und lächeln dir heiter
Herzlichen Willkommen und umhegen dich liebreich.
Liebe ohne Stachel und Lust ohne Gifthauch
Bietet das Land dir, da sie leidlos wohnen,
Kummer nicht kennen und niemals sterben.
Da blühen viel Blumen auf Wiesen und Auen,
Da rauschen rieselnd die Bächlein zu Tal,
Und weiße Birken stehn wehend am Strand.
Lieblicher als Inisfal ist das Land, das ich meine,
Lauer die Luft und süßer der Trank
Aus goldenen Bechern der Geisterrunde.
O folge mir, Frau, unirdische Schönheit
Leiht deinem Leibe mein duftzarter Kuss.
Über Fluss und Hügel fliege ich mit dir,
Noch ehe des Hundes Geheul die Wächter ermuntert,
Und im silbernen Licht der Sichel des Mondes
Grüssen noch heut uns mit hellem Jubel
Singend die Side am bläulichen Hügel
Und krönen als Königin dich, du Schönste.“
Étaín hatte die Augen geschlossen, als lauschte sie einer fernen, süßen und längst vergessenen Weise. Von Grauen gelähmt aber sah König Eochaid, wie Midir nun seinen Arm um Étaín legte, sie aus dem Stuhl hob und mit ihr aus dem Saal eilte, ohne dass einer der Männer oder eine Frau etwas von ihnen bemerkte. Draussen heulte ein Hund. Da sprang er auf und schrie nach seinen Waffen. Aber die Leute glaubten, er sei betrunken, und brachten ihn zu Bett. Widerstandslos ließ er schließlich alles mit sich geschehen. „O Étaín, Étaín!“ rief er plötzlich. Da merkten die Leute erst, dass die Königin spurlos verschwunden war.


II.IV Heiligtümer und heilige Orte

Die schon angesprochenen Übergangsstellen von der diesseitigen zur jenseitigen Welt waren bevorzugte Plätze für Heiligtümer. Dabei variierte Größe und Gestaltung der keltischen Kultstätten in großem Maß und in Abhängigkeit von der Intensität des Kontaktes zu den Mittelmeervölkern. In Deutschland, Frankreich und England lösten v.a. in der römischen Zeit Steinbauten ältere Erd- und Holzanlagen ab. So wurden beispielsweise Quellen eingefasst oder Tempel auf schon bestehenden künstlichen Hügeln aus älterer Zeit errichtet. Gerade die Funde ehemaliger steinerner Tempel liefern viele Hinweise auf die Religion vorwiegend der Festlandkelten. Die Verschmelzung von Elementen des römischen und keltischen Glaubens lässt sich daran gut ablesen.
Reinere Formen keltischer Kultstätten stellen die älteren Schreine dar, die sich entweder an auf natürliche Weise von der Umgebung abgehobenen Orten befanden oder von dieser durch Wall- und Grabenanlagen abgegrenzt wurden. Die Schreine konnten aus Holz oder Stein und von sehr unterschiedlicher Größe sein. Zahlreiche Beispiele für Schreine wie für Wallanlagen sind sowohl aus dem festland- wie auch dem inselkeltischen Raum bekannt. Häufig wurden daneben auch Schächte angelegt, in die Votivgaben gebracht wurden. In der Nähe von derartigen Heiligtümern fanden sich oft Friedhöfe.
Z. T. wurden, gerade in späterer Zeit, auch hölzerne Bauwerke errichtet. Das beeindruckendste davon ist die Halle von Emuin Macha, dem Königssitz aus dem Ulstersagenzyklus. Dieser Rundbau hatte einen Durchmesser von 40 Metern und einen zwölf Meter hohen Mittelpfeiler aus einem 200jährigen Eichenbaum.
Heiligtümer konnten aber oft auch schlichte Orte in der Natur sein, waren doch die künstlichen Hügel Bergen, die Gräben Wasserstellen, die Hallen Wäldern und die Schächte Höhlen nachempfunden worden. Im 1.Jh. n. Chr. berichtet z. B. Lukan von Druiden, die in Wäldern ihre Götter verehrten. Allerdings ist davon auszugehen, dass Druiden sowohl eremitisch bei Naturheiligtümern als auch als Priester, Seher und Berater an Tempeln oder Königshöfen lebten.
Eine besondere Form von Heiligtümern stellen schließlich die von älteren Kulturen übernommenen Steinkreise dar, die vermutlich von Druiden zur Kalenderberechnung und Astrologie genutzt wurden. Hekataios von Abdera berichtet von einem „dem Apollo (=Sonnengott) geweihten Rundtempel auf einer Insel vor der Küste Galliens“. Schon früh ist Stonehenge mit diesem identifiziert worden. Das ist zwar fraglich, aber es wird zumindest angenommen dass damit eine Megalithenstruktur ähnlich Stonehenge gemeint ist.
Ein Beispiel für die Ätiologie eines Waldheiligtums bietet eine Episode aus der Sage von Diarmaid und Gráinne:
 

Zwei Weiber aus dem Volk der Göttermutter Danu stritten sich einst um den Wert der Männer, die sie liebten. Das waren Aífe und Áine, Manamans liebliche Töchter; und Aífe behauptete, ihr Liebster Lughaid, der Schwestersohn Finns, könne seinen Schleuderklotz weiter und sicherer über die Eisfläche bollern als Ler vom Síd Finnacaid, der Buhle der Áine. Das wollte Áine durchaus nicht zugeben, und so kam es zu einem Wettkampf zwischen den beiden Männern, die von den Frauen aufgestachelt waren, auf dem Eis des Sees Lein Linnfiaclach. Aus allen Gegenden kamen die Söhne der Göttermutter Danu dort zusammen, um dem Wettkampf zuzuschauen. Lange dauerte der Kampf, und schließlich zeigte es sich, dass die beiden Männer gleich gute Schleuderer waren. Als sich die Zuschauer nun wieder zerstreuten und nach Hause zogen, verlor einer der Danu-Söhne aus der Tasche, in der er seine Wegzehrung mit sich trug, eine Ebereschenbeere. Die blieb im Schnee liegen bis zum Sommer. Dann aber wuchs daraus mit wunderbarer Schnelle ein prächtiger Baum, gerade an jener Stelle, wo er heute in dem Bannwald steht. Die Beeren dieses Baumes haben aber wundersame Eigenschaften: sie berauschen wie Wein oder alter Met, und wer nur drei der Beeren genießt, verschafft sich damit ewige Gesundheit, alte Leute werden jung, wenn sie von den Beeren essen, und selbst ein Hundertjähriger schaut dann aus wie ein Mann von dreißig Jahren. Bald erfuhren die Söhne der Danu von dem wunderbaren Baum, und da schickten sie zu seiner Bewachung einen scheußlichen Riesen hin, den Sohn des Cham aus dem Geschlecht des Naoi. Jeden tötet er, der sich dem Baum zu nahen wagt.


II.V Die keltischen Priester – die Druiden

Die Bezeichnung für die Druiden ist lange Zeit von dem griechischen Wort „drouis“ (= Eiche) abgeleitet worden, ehe bemerkt wurde, dass dies nur auf einer Andeutung Plinius‘ d. Älteren beruht. Dieser hatte beschrieben, dass weißgewandete Druiden am sechsten Tag im Mondzyklus mit einer goldenen Sichel Mistelzweige von einer Eiche herunterschnitten. In der neueren Forschung stammt die einleuchtendste Etymologie für das Wort von Jean Markale, der als Ursprung „druwid“ vorschlägt, was soviel wie „Sehr weit Sehender“, oder „Sehr viel Wissender“ bedeutet.
Neben Plinius haben auch andere antike Autoren die Druiden beschrieben; am verläßlichsten dürften einige der Angaben Cäsars sein. Demnach versahen die Druiden den Dienst der Götter, leiteten öffentliche und private Opfer, befassten sich mit Ritualen, unterrichteten die Jugend und sprachen Recht. Als härteste Strafe konnten sie dabei den Verurteilten aus der Gemeinschaft ausschließen.
Nach Cäsar war die Druidenschaft hierarchisch unter ihrem Erzdruiden aufgebaut. Strabo und Poseidonius berichten von drei Klassen. Sie unterscheiden Druiden, Barden und Vates, die alle religiöse Tätigkeiten ausübten. Die Vates waren die eigentlichen Seher und damit auch zuständig für das Opfer, das allerdings von einem Druiden geleitet wurde. Die Barden waren vermutlich die Sänger von Hymnen und Gebeten. Das höchste Amt aber war das des Druiden, der die „Sprache der Götter“ sprach. Auch hatte er die Oberaufsicht darüber, dass Rituale zum richtigen Zeitpunkt und auf richtige Weise ausgeführt wurden, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Cicero und Strabo betrachten die Druiden als eine Art Philosophen, die v.a. wegen ihrer moralischen Integrität die Rechtsprechung innehatten.
In Irland entsprachen den Vates die Filidh, die in christlicher Zeit Aufgaben und Rechte der Druiden übernahmen, soweit das mit dem Christentum vereinbar war. Markale unterscheidet unterschiedliche Typen der Filidh, darunter den Sencha als den Kundigen der Geschichte und Zuständigen für das Heldenlob, den Brithem als Gesetzgeber, Richter und Botschafter, den Scelaige, der mit den Epen und Mythen betraut war, und den Liaig, einen pflanzenkundigen Arzt. Daneben nennt er den Harfenspieler, Cruitire, den Deogbaire, der mit berauschenden Substanzen und Flüssigkeiten umging, und schließlich Cainte und Gutuater, die magischen Gesang und das Sprechen von Fluch- und Segenswünschen zur Aufgabe hatten. Allerdings ist Markales Typologie der Filidh nicht unumstritten.
Den irischen und walisischen Quellen ist zu entnehmen, dass die Druiden die Kriegeraristokratie erzogen und oft als Berater Königen zur Seite standen. Da die Rechtmäßigkeit einer Königsherrschaft davon abhing, dass sich der König nach dem Willen der Götter richtete, benötigte er jemanden, der diesen Willen kannte (Merlin und Artus, Cathbad und Conchobar). Durch den Einfluss auf König und Krieger hatten Druiden also neben ihrer religiösen und juristischen auch politische Macht. Erweitert wird dieses Spektrum noch dadurch, dass sie, wie Anne Ross nachgewiesen hat, auch über einen beträchtlichen ökonomischen Einfluss verfügten.
Die Machtposition der Druiden kann kaum überschätzt werden, da sie untereinander in regelmäßigem Kontakt standen und so auf oberster Ebene Entscheidungen treffen und durchsetzen konnten. Jährlich trafen sich die Druiden im Stammesgebiet der gallischen Carnuten, um überregionale Angelegenheiten zu klären. Daneben gab es Schulen, von denen die auf der britischen Insel Môn (heute: Anglesey) die bekannteste ist. Die Ausbildung von Druiden konnte bis zu zwanzig Jahre dauern und wurde ausschließlich mündlich vorgenommen, da die Druiden eine schriftliche Fixierung ihres Wissens ablehnten.
Wie dieses Wissen aussah, ist heute allenfalls noch zu erahnen. Das Wahrsagen gehörte sicherlich dazu, auch medizinische sowie astronomische und astrologische Kenntnisse. Um die Kalender erstellen und günstige oder ungünstige Tage bestimmen zu können waren sie in der Mathematik bewandert. Ihre Prophezeiungen leiteten sie aus Wolken, Gestirnen, Vogelflug und -stimmen, Baumwurzeln und vielem anderen mehr ab. Lob- und Spottgedichte dienten ihnen dazu, das moralische Verhalten anderer zu beeinflussen
In den Sagen wird von ihrer Macht über die heiligen Elemente – für die Kelten bedeutet das Erde, Luft, Wasser und Feuer – und über das Wetter berichtet: Sie konnten es regnen, schneien, blitzen, donnern oder stürmen lassen. Zu ihrem Repertoire gehörten diverse Verwünschungen und Flüche wie auch Heilsprüche. Dies drückt ebenso wie ihre Spottgedichte ihre sprachliche Macht aus: Durch Sprache ließ sich Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen. Dazu diente ihnen auch vermutlich die Oghamschrift, auch wenn Zeugnisse dieser rekonstruierten Funktion nicht erhalten sind. Sie lässt sich jedoch aus den z.T. auch schon erwähnten Sagen, wo die von Druiden Unterwiesenen wie Cuchulínn oder Lomna sich diese Macht der Worte zunutze machen, schließen. Ogham war jedoch die einzige Form, in der sich Druiden, obschon schreibkundig, einer Schrift bedienten. Ansonsten verwendeten sie vermutlich einer Form der Mnemotechnik, um ihr Wissen zu lernen und zu gebrauchen.
Es wurde schon gesagt, dass das Christentum an die Druiden verschiedentlich anknüpfen konnte. Die Betrachtung von Kosmos und Natur ging von den Druiden in die iroschottische Kirche über, nicht zuletzt dadurch, dass viele druidische Schulen von ihr übernommen wurden. In diesen Kontext hinein sprach Columban von Luxueil und Bobbio, als er predigte: „Wer den Schöpfer kennenlernen will, lerne die Schöpfung kennen.“
Die anfängliche Hochachtung der Druiden durch die Kirche wurde erst später durch das negative Bild von mutmaßlichen Hexenmeistern überlagert. Wie sehr der Titel Druide ursprünglich Verehrung zum Ausdruck gebracht hatte, zeigt noch St. Columcilles Satz: „Christus, der Sohn Gottes, ist mein Druide.“
Das detaillierteste Beispiel für einen Druiden aus der keltischen Sage ist der Hofdruide König Conchobars, Cathbad:

Als Cuchulínn sieben Jahre alt war, spielte er einmal südwestlich der Burg von Emuin Macha auf dem Anger. Da flog ihm ein Wort zu, das der Druide Cathbad, der nordöstlich von Emuin seine acht Zöglinge in der Kunst und Weisheit der Druiden unterwies, zu einem dieser Schüler sagte, als der ihn fragte, ob das Zeichen des gegenwärtigen Tages von guter oder schlechter Bedeutung sei. Cathbad antwortete nämlich dem Schüler: „Wenn heute ein kleiner Knabe die Waffen empfinge, so würde er ein weit berühmter Krieger werden; freilich würde sein Leben nicht lange währen, aber sein Ruhm würde die Zeiten überdauern.“


III Die keltische Religiosität

III.I Feste und Rituale

Die wichtigsten Festzeiten für die Kelten waren die Übergangszeiten innerhalb des Jahreszyklus. Am 1. Mai wurde das Beltene-Fest, am 1. November das Samhain-Fest begangen. Von etwas geringerer Bedeutung waren das Frühjahrs- und Herbstanfangsfest Lugnasa bzw. Imbolc.
Diese vier Feste teilten das Jahr in vier Abschnitte zu drei Monaten. Die Zeitberechnung richtete sich dabei nach dem Ackerbaujahr und vermittelte die mythologische Botschaft, dass Leben aus dem Tod und Licht aus dem Dunkel entstand. Dem Muster dieses Zyklus‘ von Aufleben und Absterben in der Natur vollzogen die Kelten in ihrem Jahreszeitfesten nach und feierten die verschiedenen Phasen von Kindheit, Jugend, Reife und Alter in der Gewißheit, das auf die Nacht des Todes wieder ein Morgen folgen werde. Besondere Aufmerksamkeit erfuhren bei den Jahreszeitenfesten die vorausgehenden Nächte. In den vier Übergangsnächten waren die Grenzen zwischen Menschenwelt und Anderswelt offen, weswegen besondere Schutzrituale von den Druiden durchgeführt wurden.
Das erste der vier Feste im Jahresverlauf der Kelten war Samhain, was sich etymologisch von Sam-Fuin (= Sommers Ende) herleitet. Mit dem Ende des Sommerhalbjahres und dem Beginn der Winternacht war die kritischste Übergangszeit des Jahres gegeben. Zu den Bräuchen gehörten deshalb Versuche, sich der eigenen Zukunft für die kommende Zeit durch Weissagungen zu versichern, was heute noch in Bräuchen wie Bleigießen oder Ratespielen weiter lebt. Um sich in der Nacht vor Besuchen aus der Anderswelt wie Geistern oder Verstorbenen zu schützen, wurden am Abend große Schutzfeuer entzündet. Die Verstorbenen wurden in Umzügen von Jugendlichen verkörpert, was als Ursprung des Halloween zu verstehen ist. Für umher wandelnde Tote wurde vorsorglich das Haus gefegt, Essen und Getränke bereitgestellt, der Kamin ausreichend befeuert und Stühle zurechtgerückt, bevor man sich schlafen legte – die Toten sollten mit aller Ehre empfangen, jede Begegnung mit ihnen aber vermieden werden.
Auffällig ist, mit welcher Regelmäßigkeit Königs- und Heldenleben an Samhain enden. Sylvia und Paul Botheroyd vermuten deswegen einen ritualisierten Tod gerade der Sonnenhelden an diesem Datum.
Das nächstfolgende Fest ist Imbolc, das Fest zum Frühlingsauftakt. Es wurde zu Ehren der Brigit und in christlicher Zeit dann als St. Brigittes Geburtstag gefeiert. Dadurch ist Imbolc als Lichtfest aus Freude über die wieder länger werdenden Tage charakterisiert. Vermutlich wurden schon zu keltischer Zeit an Imbolc Kreuze, damals noch als Swastika, geflochten. Daneben werden rituelle Waschungen, wie sie auch die Römer vornahmen, vermutet.
Das Beltenefest ist ebenfalls ein Lichtfest, wie die Etymologie aus „bel“ (= hell, glänzend) und „tine“ (= Feuer) nahelegt. Beltene markierte den Auftakt zur Sommerzeit, der unbeschwertesten Zeit des Jahres. Da nach Beltene das Vieh auf die höheren Weiden getrieben werden konnte, wurde es am Festtag von Druiden unter Beschwörungen zwischen zwei Feuern durchgetrieben, um vor Krankheit und Raubtieren geschützt zu sein.
Schützende Funktion hatten auch die Feuer am Vorabend zu Beltene, denn wie zu Samhain war die Übergangsnacht gefährlich wegen der Offenheit zur Anderswelt. Neben den Feuern sollten Ebereschenzweige Haus und Hof gegen nächtliche Besucher schützen, und am Vortag wurden üblicherweise vorsorglich alle Zäune für das kommende Jahr ausgebessert.
Grundsätzlich war Beltene das Fest allen Neubeginns; schon die Tuatha de Danann und die Milesier sollten Irland zu am Beltenetag erreicht haben. Auch im sozialen stellte Beltene den Anfangspunkt dar, da die großen Versammlungen der Stämme auf dem Berg Uisnech, bei der Streit geschlichtet, Dienst- und Heiratsverträge geregelt und andere Termine festgelegt wurden, an eben diesem Tag stattfand.
Das letzte der Jahreszeitenfeste war Lugnasa, der Herbstanfang. Lugnasa war ein Erntefest, an dem der nährenden Muttergöttin, hier unter dem Namen Tailtu, die als Getreide „sterben“ musste, um ihre Nachkommen zu ernähren, gedacht wurde. Im Gegensatz zum späteren Erntedankfest fand Lugnasa allerdings vor der Ernte statt, um die Göttin zugleich um ihren Schutz gegen Gewitterregen, Kälteeinbruch, Hitzewellen oder Brände, die das Getreide bedrohten, zu bitten. Dazu wurden kleine Portionen vorab geernteter Feldfrüchte zubereitet und anschließend geopfert, um so auf magische Weise die Ernte vorwegzunehmen.
Daneben war Lugnasa üblicherweise der Termin zur Eheschließung. Die nach Lugnasa gezeugten Kinder würden so zur wärmsten und sichersten Jahreszeit im kommenden Jahr geboren. Übrigens kannten die Kelten auch einen dazugehörigen Scheidungsbrauch: Falls die Eheleute sich darüber einig waren, konnten sie sich nach Ablauf eines Jahres am nächsten Lugnasa-Tag vor aller Öffentlichkeit Rücken an Rücken stellen und anschließend die Kultstätte in entgegengesetzter Richtung verlassen.
Um die spätsommerliche Sonne gnädig zu stimmen, gehörten zu den Riten an Lugnasa auch nächtliche Bergbesteigungen, um die Sonne bei ihrem Aufgang aus nächster Nähe anzutreffen – auch dies ein Brauch, der in der christlichen Tradition - dann allerdings mit einer Morgenmesse auf dem Berggipfel – weitergeführt wurde.

III.II Opfer

Zu den alltäglichen Ritualen gehörten Opfer aller Art. Es gab allem Anschein kaum etwas, das den Kelten nicht als Opfer hätte dienen können, angefangen mit ganz alltäglichen Haushaltsgeräten und Nahrungsmitteln, über die rituelle Schlachtung von Tieren bei Krankheiten, Unfällen oder sonstigem Unglück, bis hin zur Darbringung des Familienschatzes, um schwerste Bedrohungen abzuwenden. Vor allem Opfer größeren Ausmaßes wurden an Kultstätten vorgenommen und häufig mit einer Pilgerfahrt verbunden. In Gewässern und Mooren sowie auf Bergen sind beträchtliche Ansammlungen von Votivgaben gefunden worden, die dort den Göttern übereignet worden waren.
Neben den Opfern, die einen biographischen Anlaß hatten, gab es Routineopfer. Solche waren sowohl das allabendliche Aufstellen einer Schale Milch für nachts umherschweifende Feen, aber auch die großen Opfer zu den Jahreszeitenfesten gehörten dazu. Hier feierte die ganze Gemeinschaft zusammen durch die Opferung von Getreide und Vieh und mit einem anschließenden Mahl. Diese Opfer wurden, ebenso wie alle anderen Opfer an Kultstätten, von Druiden vorgenommen. Auch die Inthronisation eines Königs und militärische Siege wurden mit gemeinschaftlichen Opfern begangen.
Als Rechtfertigung für die Unterwerfung der Kelten diente den Römern der Usus von Menschenopfern. Die - selektiv gelesenen – Berichte klassischer Autoren haben das Bild von den keltischen Menschenopfern durch die Geschichte hindurch verzerrt. Menschenopfer kamen vor, haben sich allerdings in der Intensität, wie sie z.B. Cäsar berichtet, archäologisch nicht nachweisen lassen. Die irischen und walisischen Quellen berichten vereinzelt von Forderungen nach dem Opfer eines Menschen, häufig eines Jungen, um etwa ein Bauwerk zu errichten (Merlin) oder ein Vergehen zu sühnen (Ségda). Ähnliche Erzählungen, auch in ähnlicher Häufigkeit, bieten jedoch auch antike Erzählungen (Iphigenie und Orestes) und das Alte Testament (Isaak, Tochter des Jiphtah).
Archäologische Funde ergaben einige Skelette mit Schädelverletzungen in keltischen Heiligtümern und Moorleichen mit gedrehten Bändern oder Stricken um den Hals. Am aufschlußreichsten ist die Leiche des sogenannten Lindow Man, der am Südrand von Manchester 1984 beim Torfstechen gefunden und von Anne Ross untersucht wurde. Es handelt sich dabei um einen kräftigen jüngeren Mann, der durch einen Schlag auf den Hinterkopf betäubt, durch eine gewundene Schnur stranguliert und mit geöffneter Halsschlagader in einem Moorloch versenkt wurde. Da er keinerlei Zeichen von Widerstand feststellen ließ, kam Ross zu dem Schluss, dass der Lindow Man seinen Tod freiwillig aufgenommen habe, um durch sein Opfer die drohende römische Invasion Britanniens abzuwenden. Um seine heimatliche Welt zu schützen, ließ er sich nach druidischem Ritual Esus, Tarannis und Teutates opfern. Möglicherweise diente seine Opferung auch der Prophezeiung des kommenden Schicksals, das aus der Art seines Sterbens vorhergesagt werden sollte.
Als Beispiel für ein – nichtmenschliches - Opfer zitiert Ludwig Pauli die Weihinschrift eines gallorömischen Gaius Julius Rufus:
 

Bei deinem Tempel habe ich gern
Die getanen Gelübde erfüllt.
Dass es dir genehm sein möge,
Flehe ich deine Gottheit an.
An Kosten zwar nicht hoch,
Dich, Heiliger, bitten wir
Du mögest unsere Gesinnung höher achten
Als unseren Geldbeutel.


III.III Amulette

Aus den verschiedenen keltischen Epochen und Siedlungsgebieten ist eine Vielzahl von Amuletten erhalten. Besonders häufig sind Funde aus der Übergangszeit zwischen Hallstatt- und Latène-Kelten, was auf eine starke Nutzung von Amuletten in dieser Phase schließen lässt. Als Zweck der Amulette ist neben ihrer Zierfunktion eine apotropäische Funktion anzunehmen. Toten wurden Amulette als Grabbeigaben mitgegeben, um ihnen den Weg in die Anderswelt zu erleichtern, aber auch, um sie ins Grab zu bannen. Am häufigsten finden sich Amulette in den Gräbern von Kindern und Jugendlichen.
Die Amulette unterscheiden sich sowohl nach Materialien als auch nach Motiven. Verwendet wurden Stein, Knochen, Horn, Geweih, Zähne, Metalle, Glas und Bernstein. Bei Bernstein, Glas und Geweih galt schon der Werkstoff als unheilsabwehrend, weswegen schon unbearbeitete Stücke als Anhänger Verwendung fanden. Motive für die bearbeiteten Amulette waren verschiedene Sexual-, Fruchtbarkeits- und Erneuerungssymbole wie Schneckenhäuser, Sonnenräder, Flechtwerk oder Geweih. Tierzähne sollten die Kraft z. B. von Eber oder Bär auf den Träger ausdehnen. Metallamulette stellten oft Sonnensymbole dar, aber auch Werkzeuge wurden im Miniaturformat abgebildet, so etwa der Hammer des Sucellus. Häufiger aber waren Tier- und Menschenfigürchen, die üblicherweise auch den Bezug zu einer bestimmten Gottheit ausdrückten.

III.IV Sonnenkult

Auf die Bedeutung der Sonnengottheiten ist schon hingewiesen worden. Im Volksglauben war eine besondere Verehrung und Hochachtung der Sonne jedoch allem Anschein nach auch ohne eine direkte kultische Anbindung stark verankert. Darauf deuten zum einen die zahlreichen Fundstücke hin, die die Sonnenscheibe darstellen oder auf sie Bezug nehmen wie etwa vergoldete Prunkwagen. Der bekannteste dieser Sonnenwagen ist der im dänischen Trundholm gefundene. Aber auch flache Schalen mit vielfältigen Verzierungen wurden häufig entdeckt. Es wird angenommen, dass es sich dabei um Kultgeräte handelt. Selten sind allerdings Abbildungen einer menschengestaltigen Sonne, die einen direkten Hinweis auf den Bezug zur Gottheit liefern.
Dass jedoch der Sonne auch unmittelbar Verehrung entgegengebracht wurde, belegen u.a. die christlichen Quellen. In seiner Confessio betont St Patrick, dass er im Gegensatz zu den Iren an die wahre Sonne – Christus – glaube, und stellt denen, die Himmelskörpern huldigen, ewige Verdammnis in Aussicht.
In den irischen Überlieferungen findet sich mitunter die Wendung, dass etwa Cuchulínn oder König Loegaire von Tara Eide bei den Gestirnen leisten. Diese Beobachtung legt nach Botheroyd und Botheroyd nahe, dass die Himmelskörper als „personifiziert, mit Sinnen ausgestattet oder wenigstens [als] zur Reaktion fähig“ empfunden wurden.

III.V Kopfkult

Betrachtet man keltische Götterbildnisse, so fällt bei vielen die enorme Überbetonung des Kopfes auf – selbst wenn dieser nicht gleich verdreifacht wurde. Mit dieser Feststellung korrespondiert die ungemeine Fülle von Kopfdarstellungen in Stein, Holz, Metall, Bein und anderen Materialien. Beide Beobachtungen weisen auf eine besondere Bedeutung hin, die die Kelten dem Kopf zumaßen. Weitere archäologische Befunde stützen dies: So fanden sich gehäuft Gräber mit überzähligen Schädeln, ebenso wie andere schädellose Skelette enthielten. Bisweilen wurden daneben auch nur Köpfe beigesetzt.
Über die Bedeutung der Köpfe für die Kelten berichten Strabo und Diodor. Beide erzählen übereinstimmend davon, dass die Köpfe vornehmer Verstorbener in Zedernöl einbalsamiert und in Kästchen generationenlang aufbewahrt wurden. Indem ein Kopf – gleich, ob es der eines tapferen Feindes oder der eines Anverwandten war - so als Gesprächsgegenstand lebendig blieb, so blieb es auch der ehemalige Besitzer.
Zusätzlichen Aufschluss geben einmal mehr die irischen Mythen und Sagen. Ihnen ist zu entnehmen, dass das Denken als etwas Mysteriöses, als göttliche Eingebung, aufgefasst wurde. Der Schädel umschloss also Übersinnliches und bezog daraus Lebenskräfte für den ganzen Menschen. Erst der Kopf ließ den Menschen zum Individuum werden und war damit Sitz dessen, was heute wohl „unsterbliche Seele“ genannt würde. Darum machte es auch über die erinnernde Funktion hinaus Sinn, den Kopf aufzubewahren: Nach keltischem Glauben bewahrte er, von Körper abgetrennt, die Fähigkeiten des Menschen, seine Stärke und Lebensessenz. Diese standen nach der Tötung seinem Besieger als Schutz gegen Unheil zur Verfügung. Verschiedene mythologische irische Gestalten sprechen diese Vorstellung mit der Aufforderung an ihre Bezwinger, sich ihren Kopf zur Steigerung der eigenen Kräfte aufzusetzen, unmittelbar aus (Balor). In der walisischen Sage wird der Kopf des Gottes Brân eingegraben sogar zum Schutz für die ganze britische Hauptinsel – bis ihn Artus schließlich wieder ausgraben lässt. Aufgrund ihrer besonderen Wirkung wurden deswegen aus Schädeln sogar Kultgegenstände gefertigt, v.a. Trinkbecher. Die besten Köpfe wurden dabei den Tempeln zuteil, wo sie in Nischen ausgestellt wurden.
Neben der stärkenden und schützenden Wirkung sprach der Kopf aber auch als Trophäe für den Sieger: Je mehr gesammelte Köpfe, desto tapferer der Held. Die irischen Sagenhelden ziehen deswegen in den Kampf, um „Köpfe zu ernten“. Sie befestigen sie auf Stöcken, fahren sie auf dem Streitwagen umher, tragen sie am Gürtel – das ist auch ikonographisch belegt – setzen sie auf Steinpfeiler oder binden sie zu Sträussen. Der größte Kopfjäger Irlands ist Cuchulínns Milchbruder Conall Cernach, über den u.a. der folgende Text berichtet:
 

Als die Männer von Dun Delgan die schweren Steine auf das Grab wälzten, in dem Cuchulínn gebettet lag, stand Conall Cernach mit Emer, der Witwe des Ulterhelden, nicht weit davon an einer Eibe. An den Zweigen des Baumes hing ein helles Tuch. Das nahm Conall herunter und zeigte Emer, was darunter verborgen war. An der Espengerte, mit der die Männer das Grab Cuchulínns ausgemessen hatten, hingen an den Haaren aufgeknüpft die Köpfe von vier Männern. Stumm betrachtete die Frau die bleichen Gesichter mit den verzerrten Zügen. Sie ahnte, dass dies die Totengabe des Bluträchers für seinen Bruder Cuchulínn war.
[...]
Conall nahm die Gerte mit den Köpfen und trug sie zu Cuchulínns Grab, auf das die Männer oben die letzte starke Steinplatte schoben. Auf diesen Stein legte er die Köpfe an der heiligen Espengerte.


III.VI Tierkult

Bei weitem nicht so ausgeprägt wie der Kopfkult war bei den Kelten eine Form des Tierkultes. Es wurde zeitweilig vermutet, dass jeder Stamm sein eigenes Totemtier besass. Das hat sich bisher jedoch nicht glaubwürdig nachweisen lassen. Die Fixierung auf bestimmte Tiere in bestimmten Regionen ist wohl im wesentlichen auf den örtlich besonders verehrten Gott und erst in der Folge auf sein jeweiliges Symboltier zu sehen. Daneben dienten besonders wehrhafte Tiere natürlich – wie hinsichtlich der Amulette schon angesprochen – als Vorbild für die Krieger.
Einmal mehr nehmen jedoch die irischen Inselkelten eine Sonderstellung ein. Die wiederholte Benennung von Menschen nach einem bestimmten Tier – oft, nachdem sie es getötet haben - zu dem sie für ihr weiteres Leben eine besondere Haltung entwickeln, ist ein häufiges Motiv in der irischen Mythologie. So ist ein typisches Moment darin, dass der nach dem Tier Benannte nicht vom Fleisch seines Namenspatrons essen darf (Cuchulínn). Gleiches gilt für diejenigen, deren Angehörige durch Zauberei zu Tieren geworden sind; ihre Verwandtschaft dürfen sie weder jagen noch töten noch verzehren (Diarmaid). Bestimmte Tiere sind als Erscheinungsformen der Elfen, und damit der ehemaligen Gottheiten, sogar völlig tabu, so z.B. Schwäne. Die Tatsache, dass bei den Iren oft Angehörige eines Volkes Namen desselben Tieres tragen, stützt zumindest teilweise die These vom Stammestotem. Das meistzitierte Beispiel sind die Ulter, von denen viele den Hund im Namen tragen. Wie ihr größter Held zu seinem Namen kam, erzählt die folgende Textpassage aus dem Ulsterzyklus:
 

Inzwischen hatte Setanta das Spiel mit den Knaben beendet und war auf den Spuren seines Oheims Conchobar bis zu dem Gehöft Culanns, des Schmiedes, gegangen. Seine Spielwaffen hatte er mitgenommen, darunter auch die silberne Kugel. Als er sich nun dem Tor des Hofes näherte, stand Culanns Hund auf, nahm eine drohende Haltung ein und öffnete seinen fürchterlichen Rachen und bellte. Da schleuderte ihm Setanta seine Silberkugel in den Rachen, dass sie ihm das Eingeweide durch die Hinteröffnung davonriss. Dann packte ihn der kleine Knabe und schlug ihn mit dem Kopf an einen Pfeilerstein, dass der Hund in zwei Teilen auf den Boden wirbelte.
Als Conchobar das Bellen und Heulen des Hundes draussen hörte, erschrak er, denn jetzt fiel ihm wieder ein, dass der kleine Neffe ihm nachkommen wollte. „Weh!“ rief er aus, „nicht zu unserem Glück sind wir in dies Haus gegangen; nun hat Culanns Hund den kleinen Setanta in Stücke gerissen. Da stürzten alle Ulter auf den Hof hinaus, um zu sehen, was mit des Königs Neffen geschehen wäre, allen voran aber eilte Fergus. Er hob den kleinen Jungen auf und brachte ihn zum König. Als Culann aber merkte, dass sein guter Hund in Stücke zerrissen war und jämmerlich da lag, schlug ihm sein Herz schmerzvoll gegen die Rippen. Bitter beklagte er sich bei Conchobar und wehklagte, dass nun niemand mehr sein Hab und Gut schützen würde.
Da sprach der kleine Knabe zu ihm: „Sei mir nicht böse, Meister Culann, denn ich will selbst ein gerechtes Urteil in meiner Sache abgeben.“ Alle waren voll Erwartung, was Setanta für ein Urteil fällen wollte. Da sagte der Knabe: „Solange, bis aus des von mir erschlagenen Hundes Nachkommenschaft ein ebenso guter Hund herangewachsen sein wird, will ich selber Hund sein auf Culanns Gehöft und seine Habe schützen.“ – „Das ist wohl gesprochen“, meinte Conchobar. Und der Druide Cathbad fügte hinzu: „Wahrlich, ein besseres Urteil hätten wir auch nicht fällen können. Darum soll von nun an Setanta nicht mehr seinen alten Namen führen, sondern von Stund an Cu Chulaínn, der Hund des Culann, heißen.“ Damit war der Knabe nicht einverstanden. „Nein“, sagte er, „lieber wäre es mir, mein Name bliebe der alte: Setanta, der Sohn des Sualtach.“ – „Sage das nicht, kleiner Knabe“, sagte der Druide, „ganz Erinn und Alba wird der Ruhm dieses neuen Namens erfüllen: Cuchulínn wird der Name eines sehr großen Helden sein.“ Da war der Knabe zufrieden, und seitdem hieß er nur noch Cuchulínn.


Verwendete Literatur

Botheroyd, S. u. P. F.: Lexikon der keltischen Mythologie, 3. Aufl. München 1995
Clarus, I.: Keltische Mythen. Der Mensch und seine Anderswelt, Olten und Freiburg i.Br. 1991.
Löpelmann, M.: Erinn. Keltische Sagen aus Irland, hrsg. u. übers. v. M. Löpelmann, München 1992.
Vogt, H.: Kulturen der Einsamkeit. Der keltische Rand Europas, Darmstatt 1994.
Westwood, J.: Sagen, Mythen, Menschenrätsel, engl. London 1987 u. dt. München 1990.

Constantin Klein

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