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Um 1900
Die Architektur um 1900 im habsburgischen Mitteleuropa verbindet
man mit revolutionärer Modernisierung: Otto Wagners
Devise, nach der „nur das moderne Leben“ Grundlage
für eine zeitgemäße Ästhetik sein
könne, oder Adolf Loos’ Gleichung „Ornament
und Verbrechen“. Diese Künstler wollten radikal
mit der „Maskerade“ historischer Dekoration
an modernen Bauten brechen und reklamierten für sich „Wahrhaftigkeit“,
selbst um den Preis, ihr Publikum vor den Kopf zu stoßen.
Sie waren Visionäre, ihrer Zeit voraus. Architekten
dagegen, die nicht provozieren, sondern die Honoratiorengesellschaft
allmählich an eine fortschrittlichere Formensprache
und an neue Mittel der Repräsentation gewöhnen
wollten, werden im Rückblick zur „zweiten Garnitur“ gestempelt
oder gar vergessen – unverdient, wie das Beispiel
Friedrich Ohmanns zeigt. Ein exzellenter Architekt und
Zeichner, hatte er in seiner Zeit letztlich die größere
Wirkung als seine ungestümen Kollegen.
Der Künstler
Gebürtig
aus dem galizischen Lemberg (Lviv), kam Ohmann 1877 in die
Metropole Wien, um Architektur zu studieren.
Seine Ausbildung fiel mit der Hochblüte des Historismus,
dem Ausbau der Wiener Ringstraße, zusammen. Er lernte,
alle historischen Baustile virtuos zu beherrschen und nach
den Wünschen seiner Bauherren einzusetzen. 1889 folgte
er dem Ruf auf eine Professur an der Prager Kunstgewerbeschule,
wo er eine ganze Generation böhmischer Architekten prägte.
Zehn Jahre später kehrte er als Baumeister der kaiserlichen
Hofburg nach Wien zurück; hier hatte er ab 1904 bis
zu seinem Tod auch eine Professur – neben Otto Wagner – an
der Akademie inne.
Die Zeichnungen
Die ausgestellten
Entwürfe stammen aus Ohmanns Nachlass.
Sie waren bisher nur einmal öffentlich zu sehen: 1997
im Museum Ostdeutsche Galerie Regensburg, dem sie gehören
und dem wir die großzügige Leihgabe verdanken. Überwiegend
dokumentieren sie Arbeiten aus Ohmanns Prager Zeit und spätere,
von Wien aus realisierte Projekte für Böhmen, zeigen
aber auch, dass er nicht nur in der Habsburgermonarchie Erfolg
hatte.
Der sanfte Weg zur Moderne
Ohmann
war als enthusiastischer Kenner der Barockarchitektur bekannt.
Er konnte sie täuschend imitieren, was ihm
Aufträge ambitionierter Großbürger bescherte
und vor allem Restaurierungen hochbarocker Kirchen, die er
kongenial zu neuer Schönheit erhob. Damit hatte Ohmann
einen wichtigen Anteil am Revival des Barock, wie er dem
Bedürfnis der „Zweiten Gesellschaft“ nach
Glanz und Prestige entsprach und wie er in der Habsburgermonarchie
politisch genutzt wurde für eine Neubelebung der katholisch-absolutistischen
Staatsidee angesichts der gesellschaftlichen Emanzipation
und der nationalen Autonomietendenzen in den Kronländern.
Ohmann hat sich dafür aber nicht vereinnahmen lassen.
Ihm ging es um „richtige Charakterisierung“,
um „Poesie“ und „Phantasie“.
Das bedeutete für ihn, mit Augenmaß historische
Stile dort anzuwenden, wo es die Aufgabe erforderte, und
davon zu abstrahieren, wo dies möglich war. So hat er „malerische“ Museumsbauten – wie
das heutige Kulturhistorische Museum in Magdeburg – projektiert,
deren äußere Gestalt und Ausstattung die Abfolge
der Geschichte veranschaulicht und zugleich den nach Epochen
gruppierten Exponaten korrespondiert.
Leidenschaftlich vertrat Ohmann das Prinzip, Neubauten auf
ihre Umgebung abzustimmen, um irritierende Brüche zu
vermeiden. Im Grünen nutzte er die Vegetation als Gestaltungsmittel,
wie beim Schillerdenkmal in Karlsbad, und fügte weitläufige
Anlagen, wie die dortige Schlossbrunnkolonnade, sensibel
in die Topographie ein, die er mit seinen Bauten modellierte
und akzentuierte. Anders als die Modernisten kam er Wünschen
seiner Bauherren konziliant entgegen – und leistete Überzeugungsarbeit.
Der tschechische Politiker Karel Kramár bekam nicht
das verlangte Schlösschen, sondern eine Villa modernen
Typs, kombiniert mit barockisierenden, für Prag typischen
Motiven. Aus lokalen Traditionen heraus modernisierte Ohmann
auch Stadthäuser. Seine üppigen Fassadenmalereien
und zarter Stuckdekor täuschten darüber hinweg,
dass er Konventionen historistischen Bauens aufgab, und brachten
ihm den Ehrentitel des „Vaters des Prager Jugendstils“ ein.
Neues zu erfinden hieß für ihn „Verweben
von alter und neuer Empfindung [...], ohne Betonung eines
schroffen Gegensatzes zwischen Vergangenheit und Zukunft“,
und ebenso, „der heimischen angestammten Architektur
in moderner Weise wieder zu ihrem Recht“ zu verhelfen.
Auf dem Neuen bestand er aber unbedingt. Sein Amt als Hofburgbaumeister
legte er nieder, als man ihn auf antiquarischen Barock festlegen
wollte. Und für die Karlsbader Kolonnade – inmitten
des Prunks der neobarocken Badehäuser – setzte
er einen reduzierten Klassizismus durch, der an die Bescheidenheit
der ersten Kurbauten gemahnte, und schuf damit eine ebenso
elegante wie hochmoderne Architektur, die durch ihre Proportionen
und die Spannung der Räume untereinander wirkt, aber
auch durch „Materialechtheit“ – Sichtbeton.
Die Forschung über den „sanften Weg zur Moderne“ steht
erst am Anfang. Studierende des Leipziger Instituts für
Kunstgeschichte haben Ohmanns Regensburger Zeichnungen erstmals
umfassend und kompetent bearbeitet – für einen
Katalog, der einen Beitrag zur kultur- und gesellschaftsgeschichtlichen
Architekturforschung leisten wird.
Michaela Marek
Institut
für Kunstgeschichte
michaela.marek@rz.uni-leipzig.de
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