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Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung 

 

 

 

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Forschungsberichte von FraGes-Mitgliedern:

Zwischen Inszenierung und Botschaft. Zur Literatur von deutschsprachigen Autorinnen ab Ende des 20.Jahrhunderts

Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt
"Erstellung eines Konzeptes zur Umsetzung von Gender Mainstreaming in unterschiedlichen Bereichen und auf verschiedenen Ebenen"
Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt und Melanie Schröter
„Körper–Politik“: Die Diskursivierung von Körper in der Avantgardekunst des frühen 20. Jahrhunderts
Prof. Dr. Barbara Lange und Astrid Fendt (stud. Mitarbeiterin)
"Soziologische und sozialpsychologische Determinanten des generativen Verhaltens Untersuchungen in Ost- und Westdeutschland"
Prof. Dr. Elmar Brähler und Dr. Yve Stöbel-Richter
"Medizinhistorisches Arbeitsprojekt ‘Frauen in der Medizin’"
Prof. Dr. Ortrun Riha
"Geschlechtsrollenidentität und soziale Urteilsbildung"
Dipl.-Psych. Hans-Joachim Wolfram
"Führungsverhalten im Kontext der Geschlechterbeziehung"
Prof. Dr. Gisela Mohr und Hans Joachim Wolfram
“Aporien des Visuellen und Narrativen im pornografischen Film. Genreanalytische Untersuchung der intertextuellen Inhaltsorganisation des pornografischen Films anhand der filmästhetischen Gestaltungsprinzipien des Visuellen und Narrativen.“
Enrico Wolf, Prof. Dr. Rüdiger Steinmetz und Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt
"Männlichkeit im modernen Japan- vom bürgerlichen Hausvater zum modernen Büroangestellten"
Dr. Annette Schad-Seifert
Eine Nobelpreisträgerin aus dem Iran

Prof. Dr. Holger Preißler
Mentoring – ein innovatives Konzept zur Förderung von Frauen an Hochschulen?
Dr. Astrid Franzke
Geschlecht und Macht in den Politiken aufsteigender Elitenmilieus: Sozialreform und Bildungspolitik in Galizien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Dietlind Hüchtker

 

 


Derzeit arbeiten am FraGes Projektgruppen zu folgenden Themen:

Zwischen Inszenierung und Botschaft. Zur Literatur von deutschsprachigen Autorinnen ab Ende des 20. Jahrhunderts

Ansprechpartner: Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt

http://www.nagelsch@uni-leipzig.de/

 

 

1. Voraussetzungen

 

Nach den beiden 1998 und 2001 bei Peter Lang  von mir herausgegebenen Bänden zu der Autorinnengeneration, die in den achtziger Jahren debütierte und zu den Autorinnen, die maßgeblich die neunziger Jahre prägten, soll diese neue Studie einen anderen Diskurs beschreiben.

 

Ende der neunziger Jahre hat der "SPIEGEL" - Kulturredakteur Volker Hage den zu Beginn der fünfziger Jahre in den USA geprägten Begriff des "deutschen Fräuleinwunders" unkommentiert auf die literarische Produktion einer jungen Autorinnengeneration am Ende des 20.Jahrhunderts übertragen. Was war damit gemeint? Diese Generation, so Hage im SPIEGEL 12/1999, hätte sich von einer Diskussion um die deutsche Vergangenheit verabschiedet, verzogen seien die Wolken am deutschsprachigen Literaturhimmel von der Gruppe 47 bis zu Strauß und Jelinek mit dem ständigen Stellen von Gewissensfragen. Nunmehr dominiere die unterhaltsame Unbefangenheit. Auffallend sei der nüchterne Sprachstil und die Illusionslosigkeit mit der große Themenbereiche wie Liebe und Erotik abgehandelt werden. Die jungen Frauen hätten "jene Naivität wiedergewonnen, die zum Erzählen gehört". Was geschah? Verniedlichend und a - historisch wurden die Autorinnen auf das vorwiegend "schöngeistig – schöne" – Geschlecht reduziert. Mit gönnerhaftem Schulterklopfen sollten sie in einer Schublade landen, in der sie "gleichgeschaltet" waren. Literatur wurde so zu Markenware erhoben, die eine besondere Marketingstrategie erfordert. Dieser Markenname "Fräuleinwunder" sollte helfen, Bestsellerlisten zu erobern und die angenommene neue politische Unbedarftheit zum Programm zu erheben. Doch bereits drei Jahre später wurde in der WELT AM SONNTAG vom 6.10.2002 von Jochen Förster die provokante Frage erhoben "Geht dem Fräuleinwunder die Puste aus?" Im SPIEGEL 28/2004 ist zu lesen "So viel Erzählen war nie".

 

In der selbstbewußten Abkehr von einer "Frauenliteratur" der siebziger und achtziger Jahre muß sich diese Generation die wahrlich weit politischer schreibt –als vorher angenommen und sicher auch erhofft -, nicht mehr vorrangig an patriarchalen Vorgaben "abarbeiten". Feministische und postfeministische Auseinandersetzungsstrategien gehören nicht zu den Lebensmustern. Offen für Wanderungen zwischen den Welten, werden Geschlechtergrenzen oft spielend überwunden. Gleichermaßen gilt zu fragen, inwieweit die Postmoderne von dieser Generation sowohl gespiegelt als auch in Frage gestellt wird. Mit dieser Weitung des Blicks über eine Generation hinaus sollen die Texte von Autorinnen einbezogen werden, die über die Jahrzehnte die Literaturlandschaft prägen (u.a. Angela Krauß, Herta Müller, Katja Lange – Müller, Birgit Vanderbeke)

 

 

 

2. Ziele

 

1.       Erfassen des großen Spektrums von Texten der jungen deutschsprachigen Autorinnengeneration ab Ende des letzten Jahrhunderts

2.       Auseinandersetzung mit dem Begriffsfeld und der Marketing – Strategie "Fräuleinwunder"

3.        Erfassen ausgewählter Themen, narrativer Strukturen, Erzählhaltungen und –strategien sowie Sujets

4.       Einbringen des aktuellen Wissenschaftsdiskurses: Von der feministischen Literaturwissenschaft zur Gender- orientierten Erzähltextanalyse

5.       Erweiterung des Wissensspektrums der Germanistikstudierenden im In- und Ausland

6.       Interessieren einer Öffentlichkeit für Strömungen, Strategien und Texte ab Ende der neunziger Jahre

 

 

 

3. Angedachte Themen, Aspekte und Autorinnen

 

1.       Zwischen "Fräuleinwunder" und dem Verglühen eines Konstrukts – Essay zu dieser Autorinnengeneration

2.       Vom Stiften und Hinterfragen einer Gedächtnisgemeinschaft in Ostdeutschland – Jana Hensel; Claudia Rusch

3.       Darstellung von Körper und Körperlichkeit, Gibt es einen Neofeminismus – Karin Duve

4.       Schreiben "zwischen Bauchnabel und Tellerrand" (J. Zeh); Sprache und Sprachlosigkeit, Werteverlust, Zusammenbruch von Moralvorstellungen; Neotrivialroman – Anke Stelling; Zoe Jenny, Juli Zeh; Kathrin Röggla; Sybille Berg; Ricarda Junge; Katja Lange – Müller

5.       Heimat und Heimatlosigkeit; Das Behaustsein in mehreren Sprachen; Kulturdialoge – Herta Müller, Terezia Mora, Magdalena Felixa

6.       Changieren zwischen Fakten und Fiktion, zwischen Traum und Wirklichkeit – Julia Franck, Terezia Mora, Antje Ravic Strubel; Alexa Hennig von Lange; Angela Krauß

7.       Short – Stories im neuen Gewand – Judith Hermann

 

 

 

4. Publikationsprojekt

 

Herausgeberinnen:

Prof. Ilse Nagelschmidt – Universität Leipzig, Institut für Germanistik;  Schwerpunkte: Frauen- und Geschlechterforschung; DDR – Literatur; deutschsprachige Literatur nach 1989

Lea Müller – Dannhausen, M.A. – schrieb ihre Magisterarbeit bei mir, promoviert gegenwärtig zu Elfriede Jelinek; war Mitherausgeberin des Bandes "Zwischen Trivialität und Postmoderne"

 

Geplanter Arbeitstitel: Zwischen Inszenierung und Botschaft

Umfang: ca. 250 Seiten Beiträge, ca. 12 bis 14 Erscheinungsjahr, Frühjahr bis Sommer 2006

 

 

                           
Geschlecht und Körper Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die Frage nach der Bedeutung des Körpers und des subjektiven Körpererlebens läßt sich vor dem Hintergrund der Erkenntnis der sozialen Konstruiertheit des Geschlechts (gender) erörtern. Anders als in sog. dekonstruktivistischen Ansätzen wird dabei angenommen, daß dem Körper und dem Geschlecht eine zentrale Funktion für die Herausbildung der weiblichen und der männlichen Geschlechtsidentität zukommt und es wird auch ein geschlechtsspezifisch subjektives Körpererleben bzw. Körperkonzept postuliert. Vor dem Hintergrund konstruktivistischer und dekonstruktivistischer Ansätze werden in der Forschergruppe Fragestellungen aus der Sicht medizinhistorischer, psychologischer, kunstgeschichtlicher, altertums-, literatur- und sportwissenschaftlicher Disziplinen bearbeitet.

Ansprechpartnerin: Prof. Dr. Dorothee Alfermann
alferman@rz.uni-leipzig.de


 
Gender-Mainstreaming
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Gender-Mainstreaming als Politikkonzept, Querschnittsaufgabe und langfristige politische Strategie für die Chancengleichheit von Frauen und Männern stellt neue Anforderungen auch an Bildung. Übergreifendes Ziel des Projektes ist es, Bildungskonzepte für die Umsetzung von Gender-Mainstreaming im nationalen Kontext sowie im Kontext der Europäischen Union zu entwerfen.

Ansprechpartnerin: Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt

nagelsch@rz.uni-leipzig.de


Diversität - Geschlechterordnungen - Machtbeziehungen
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Ausgehend von aktuellen Debatten zu kultureller Differenz werden in diesem Schwerpunkt Forschungsfelder verschiedener Disziplinen zusammengeführt, die scheinbar eindeutige Binaritäten wie männlich/weiblich, schwarz/weiss, traditionell/modern, nördlich/südlich etc. in Frage stellen.
Untersuchungsgegenstand sind auch mit historischer Perspektive Geschlechterbeziehungen in Relation zu weiteren identitätsstiftenden Konzepten, wie etwa Ethnizität und Klasse, ihre Verhältnisse zueinander und deren Auswirkungen auf
politische Strukturen wie Handlungsräume - nicht zuletzt in den Wissenschaften.

Differenz ist das Ergebnis von kulturellen Setzungen, die Diversität in eine Ordnung bringen. Ausgehend von der Annahme, dass scheinbar eindeutige Binaritäten wie männlich/weiblich, schwarz/weiß, tradi- tionell/modern geschaffen wurden, um Macht zu sichern und zu erhalten, fragen wir, welche Rolle Geschlechterordnungen in diesem Kontext spielten und spielen. Wir untersuchen, wie sich diese zu anderen Identitätskonzepten wie etwa Ethnizität oder Klasse verhalten und wie daraus spezifische politische Strukturen und Handlungsräume entstehen - nicht zuletzt in den Wissenschaften.

Weitere Informationen zu diesem Projekt unter: www.uni-leipzig.de/~divers

Ansprechpartnerin: Prof. Dr. Barbara Lange
blange@rz.uni-leipzig.de



Gender und Religion
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Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft wird eine Untersuchung zum Thema "Spiritualität, Moral und Geschlecht. Lutherische Gebetsfrauen in Südafrika im 20. Jahrhundert" durchgeführt (Prof. Dr. Adam Jones, Mitarbeiterin: Kathrin Roller M.A.). In den 1920er Jahren begannen afrikanische Frauen in den Gemeinden der Berliner Mission in Südafrika sich in Gebetsgruppen zu organisieren. In den englischsprachigen Missionskirchen hatten sich bereits an der Wende zum 20. Jahrhundert erste Prayer Unions gebildet. Sie bestehen bis heute. Die christlichen Gebetsfrauen zählen damit zu den ältesten, größten und dauerhaftesten Frauenorganisationen in Südafrika. Ihre Tätigkeit erstreckt sich von der Seelsorge bis zur Sozialarbeit, vom gemeinsamen Beten bis zur Heilung, von der Beratung bis zur gegenseitigen Hilfe, vom Spirituellen bis zum Alltagspraktischen. Bei den Gebetsfrauen handelt es sich um eine breitgefächerte grassroots-Bewegung. Sie bilden einen wichtigen, bislang kaum erforschten Teil der modernen Zivilgesellschaft. Ziel des Projekts ist es, die Geschichte der aus der Berliner Mission hervorgewachsenen lutherischen Gebetsfrauen in Südafrika zu rekonstruieren und innerhalb der modernen südafrikanischen Geschichte sowie der neueren Missions- und Geschlechtergeschichte zu verorten. Die Bewegung der Gebetsfrauen soll als ein gesellschaftliches Phänomen betrachtet werden, das aus der Begegnung von afrikanischer Kultur mit christlicher Mission entstand. Die Gebetsfrauen agierten dabei als kulturelle Mittlerinnen zwischen verschiedenen Konzepten von Gemeinschaft, Moral, Spiritualität, Solidarität und Geschlecht. Das Projekt ist mithin ein Beitrag zur Frage nach der Übersetzung, Aneignung und Transformation christlich-europäischer Kulturelemente in einem afrikanischen Kontext durch Frauen. Das Projekt fragt aber auch danach, wie diese Frauen als Nicht-Ordinierte ihrerseits die Arbeit der Mission beeinflussten. Das heißt, ihr Denken und Tun wird als Teil eines nach beiden Seiten offenen Transkulturationsprozesses gesehen.

Ansprechpartner: Prof. Dr. Adam Jones
jones@rz.uni-leipzig.de


Promotionsprojekt-Enrico Wolf M.A.
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Aporien des Visuellen und Narrativen im pornografischen Film. Genreanalytische Untersuchung der intertextuellen Inhaltsorganisation des pornografischen Films anhand der filmästhetischen Gestaltungsprinzipien des Visuellen und Narrativen. Enrico Wolf

Promotionsprojekt an der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie
Betreuer: Prof. Dr. Rüdiger Steinmetz (Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft), Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt (Institut für Germanistik)

Pornografie wurde als kulturelles Phänomen von den zuständigen Wissenschaften bisher vernachlässigt. Zwar gibt es eine Auseinandersetzung mit diesem Thema, doch die Publikationen, die in der Mehrzahl eher journalistischen Ursprungs sind, haben einer objektiven Betrachtung der Pornografie mehr geschadet als sie dazu beigetragen haben. Seit kurzer Zeit wird auch in der Wissenschaft auf einschneidende Defizite einer kulturwissenschaftlichen Pornografieforschung hingewiesen. Die bisherigen Veröffentlichungen haben bisher zu keiner wissenschaftlichen Konsensbildung in bezug auf Pornografie geführt. Eine vorurteilsfreie und transparente Handhabung des Themas in der Wissenschaft ist nicht erkennbar. Kennzeichnend für die Pornografie-Diskussion ist eine deutliche thematische Undifferenziertheit. Kritikwürdig ist die Ausklammerung der wenigen fundierten wissenschaftlichen Arbeiten aus der gesellschaftlichen Diskussion. Der pornografische Film ist ein film-wissenschaftliches Forschungsdesiderat. Speziell in der Filmwissenschaft existieren fast keine Arbeiten zu den ästhetischen Bauformen des pornografischen Films. Eine Berücksichtigung des Genres "pornografischer Film" in der allgemeinen Filmgeschichtsschreibung findet nur äußerst zögerlich statt. Die generell in der Kunsttheorie des Films diskutierte Frage nach dem Verhältnis und der Vereinbarkeit von Bild und Erzählung soll hier auf das Genre des pornografischen Films bezogen werden. Dabei geht es um die zentrale Frage, was konstituiert den Inhalt pornografischer Filme und wie organisiert der pornografische Film diese Inhalte. Im Sinne einer Hauptthese soll davon ausgegangen werden, dass sich der pornografische Inhalt über Körperlichkeitskonzepte bestimmen lässt. Film an sich erscheint als ein Medium in dem Körperkonzepte aufgrund von Visualität und Bewegung am eindrucksvollsten behandelt werden. Eine zentrale Aufgabe ist demnach die Bestimmung der empirisch vorfindbaren Ausprägung filmischer Körperlichkeits-konzepte im pornografischen Film. Die These lautet, dass diese Konzepte filmischer Körperlichkeit im porno-grafischen Film durch ein spezifisches invariantes Verhältnis (Dialektik) zwischen visuellen und narrativen Strukturen realisiert werden! Die Aufgabe, die sich daraus ableitet besteht in der Untersuchung der filmischen Gestaltungsprinzipien des Visuellen und Narrativen im pornografischen Film. In der Arbeit wird das empirische Filmmaterial zunächst analysiert und beschrieben. Ein kurzer Abriss zur Geschichte des pornografischen Films soll das Erkenntnisobjekt einleitend stärker konturieren und deutlicher werden lassen. Die genrespezifische Analyse der pornografischen Filme wird sich auf der einen Seite aus einer historischen Perspektive und auf der anderen Seite aus einer systematischen Perspektive dem Problem nähern. Der konkrete Zugang der Interpretation erfolgt über drei Ebenen; über die Struktur der filmischen Narration, über Schlüsselszenen und Schlüsselbilder und die Mittel ihrer ästhetischen Inszenierung. Für die Interpretation werden ausgewählte Filme herangezogen. Die Auswahl berücksichtigt die historische und die systematische Perspektive einer Genreanalyse. Die historische Perspektive soll die Entwicklung des pornografischen Films sichtbar werden lassen, die systematische Perspektive die Ausprägung des Genres. Die zeitliche Eingrenzung der Auswahl erfolgt gemäß der Chronologie des pornografischen Films. Die Auswahl der historischen Filme wurde zunächst unter chronologischen Gesichtspunkten ge-troffen. Dabei sollen u. a. Filme berücksichtigt werden, die in der wenigen wissenschaftlichen Literatur bereits diskutiert wurden, um durch eine kritische Revision der bisherigen Analysen neue Überlegungen in den Prozess der wissenschaftlichen Konsensbildung zur Pornografie einzubringen. Bei der Auswahl der "zeitgenössischen" Filme für die systematische Analyse galt es eine Kategorie zu finden, die einen Querschnitt des Angebots zeigt und sich auf die Fragestellung der Arbeit beziehen lässt. Hier bietet sich das Validierungsverfahren der Kontrastierung an: In Beziehungssetzung mit möglichst ähnlichen Fällen (minimaler Vergleich) und möglichst unterschiedlichen Fällen (maximaler Vergleich), somit werden Endpunkte und Zentrum des erfassten Musters deutlich. Kriterien für Nähe und Distanz können dabei sein: Akteure, Genre, Handlungsrahmen, Zeitbezug. Durch dieses Verfahren können Aussagen überprüft und präziser formuliert werden. Am Ende ist dann gleichsam interpretatorisch die Frage zu klären, welche Ausprägung das genre-konstituierende und das in der Kunsttheorie für den Film problematisierte Verhältnis zwischen Visualität und Narrativität im Genre des pornografischen Films erfährt.

Enrico Wolf M.A. email: Enrico.Wolf@web.de


Habilitationsprojekt- Annette Schad-Seifert
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"Männlichkeit im modernen Japan- vom bürgerlichen Hausvater zum modernen Büroangestellten"
- Dr. Annette Schad-Seifert

Im Forschungsprojekt steht die kontinuierliche Untersuchung von drei bisher getrennt gedachten und betrachteten historischen Entwicklungen im Mittelpunkt. Zum einen werden Entwürfe von Männlichkeit analysiert, denen im politisch-kulturellen Aufklärungsdiskurs der Meiji-Zeit, insbesondere in den Jahren von 1870-1880, eine wichtige historische Bedeutung zukam. Zum zweiten ist zu untersuchen, wie in Japan im Zeitalter der Entstehung einer Massengesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts neue soziale Distinktionen über berufliche Positionen hergestellt und damit zugleich Leitbilder für die neu entstehende Klasse der Mittelschichtangehörigen (sarariiman) definiert wurden. Drittens ist der Bereich der Unterhaltungskultur, wie etwa Film, Fernsehen und Comic-Hefte, in den Blick zu nehmen, um analysieren zu können, welche Vorstellungen von Männlichkeit und Geschlecht in alltägliche Vorstellungswelten eingespeist wurden.

Ausgangsfrage

Geschlechterforschung - Männerforschung
Es ist der vor allem im angloamerikanischen Raum verbreiteten Männerforschung zu verdanken, dass nicht mehr nur der weibliche Teil der Menschheit in seiner Geschlechtlichkeit thematisiert wird, sondern auch Formen männlicher Identität unter Gendergesichtspunkten befragt werden. Kritik an den new men's studies, die besagt, dass diese Studien vornehmlich an den Lebenswelten nord-amerikanischer Männer des 20. Jahrhunderts ausgelegt sind, kann nur als Aufforderung verstanden werden, sich der Konstruktion von Männlichkeit in außereuropäischen Kulturen und historischen Epochen zuzuwenden. Zum Thema "Männlichkeit im modernen Japan" existieren in der deutschsprachige Japanforschung bereits verschiedene Studien. Die Erforschung japanischer Männlichkeit hat sich jedoch lange vornehmlich den Orten der "reinen" Männerkultur, wie etwa dem Militär und Kriminalität (Kersten 1997) oder kriminellen Organisationen wie der Yakuza (Raz 1990) und nationalistischen Männerbünden gewidmet (Stanzel 1990). Ausnahmen bilden die von Margret Neuss-Kaneko (1997) neu angeregte Diskussion über die Theorie des Patriarchats in der japanischen Sozialgeschichte und neuere Studien von Harald Fuess (1997, 1998, 1999) zum Konzept der Vaterschaft im Japan des 20. Jahrhunderts. Kulturhistorisch angelegte Forschungsarbeiten über Homosexualität in Japan beleben die englischsprachige Diskussion um Männlichkeit (Leupp 1996, Pflugfelder 1999, Treat 1999, Lunsing 2001). Die Studie geht davon aus, dass "Männlichkeit" ein kulturelles Konstrukt ist und nicht ausschließlich mit biologischen ‚Männern' zu tun hat. "Männlichkeit" wird über kulturelle Bilder, Fiktionen, Repräsentationen, Ideale untersucht und mit der Frage verbunden, wie diese Eingang in die soziale Praxis finden.

Themenstellung für eine Geschlechtergeschichte der Männlichkeit im modernen Japan
Für eine historische Analyse der Geschlechterdifferenz ist es hilfreich, Männlichkeit in Japans Moderne in ihren verschiedenen pluralisierten, konkurrierenden und ambivalenten sozialen Bedeutungen wahrzunehmen. So wurde in Japan ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die bürgerlich geprägte Männlichkeit mit ihrer spezifischen Form der Geschlechterbeziehung als ein soziales Leitbild übernommen, tatsächlich aber konnte sich dieses Leitbild in der Realität nur in Form einer "Rumpfbürgerlichkeit" entwickeln. Dies lag unter anderem an dem bürgerlichen Konzept der Männlichkeit selbst, welches in sich widersprüchliche Verhaltenskodices formulierte. Der bürgerliche Hausvater war keine adlige Standesperson mehr, sondern ein Individuum, welches in dem Privatraum der Familie lebte. Der private Identitätsraum wurde durch eine besondere Art zwischenmenschlicher Beziehungen bestimmt, die sich vor allem in der Familie und im Privathaushalt entfalten sollten (Mihashi 1999, S. 182-184). Eine Gegenwelt zur häuslichen Kleinfamilie bildete die Gesellschaft mit ihrem Gegenübertreten freier und gleicher Privateigentümer, das auf dem Konkurrenzprinzip beruht. In Japan wirkte sich die Orientierung an bürgerlichen Leitbildern unmittelbar auf die Forderungen nach mehr sozialen Rechten für Frauen aus, insbesondere wurde von Seiten männlicher Intellektueller auf Einführung der Monogamie gedrungen. Angefeindet wurde damit das soziale Privileg von bestimmten Männern des adligen Standes, sich bisweilen mehrere Nebenfrauen (mekake) zu halten. Die gegenüber dem Mann benachteiligte gesellschaftliche Stellung der Frau oder die Forderung nach Abschaffung des Konkubinats waren Themen, die wiederholt von männlichen Intellektuellen der japanischen Aufklärung aufgegriffen wurden.1
Die soziale Dynamik der bürgerlichen Männlichkeit wurde im 19. Jahrhundert zusätzlich angefacht durch den sozialen Umstand, dass im Berufsleben und in der Öffentlichkeit männerbündische Zusammenschlüsse emotional für Männer sehr bedeutsam waren. Das ist kein Spezifikum der japanischen Gesellschaft, sondern findet sich in allen modernen bürgerlichen Gesellschaften. Die Zusammenschlüsse, die sich fast immer über den Ausschluss von Frauen definieren, erfüllten einen wichtigen Ausgleich im als inhuman empfundenen Wettbewerb der Geschäftswelt. Sie untermauerten im Unterschied zum postulierten Gleich-heitsideal die geschlechtsspezifischen Privilegien der Männer und sollten gleichzeitig die Individuen im Interesse der Stabilität patriarchalischer Strukturen disziplinieren. Aus den völkerkundlichen Japanstudien Josef Kreiners (1990) wissen wir, welch wichtige Funktion Junggesellengruppen oder Alterklassengruppen für traditionale Dorfgemeinschaften in Japan hatten. Während der Phase des Nationalismus besaßen diese eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung japanistischen Gedankenguts. Im Verlauf der historischen Entwicklung haben laut Kreiner die spezifischen Strukturen der traditionellen Vereinigungen Gleichaltriger in der großstädtischen Industriegesellschaft fortgelebt und Eingang in die sozialen Beziehungen der Großunternehmen gefunden. Es fehlt bisher an Studien, die die Überführung traditionell männerbündischer Verhaltensweisen in moderne Organisationsstrukturen eingehender untersuchen, um sich Klarheit darüber zu verschaffen, wie die homosozialen Bindungen der gleichgeschlechtlichen Alterskohorten in Japan den spezifischen Zusammenhang von Männlichkeit, Patriarchat und Geschlechterverhältnis in Japans moderner Gesellschaft geprägt haben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich in Japans moderner Industriegesellschaft als ein soziales Leitbild der Typus des japanischen Büroangestellten (jap. sarariiman). Bis in die Zeit nach dem II. Weltkrieg hinein war der Status des Firmenangestellten mit dem Prestige der sozialen Sicherheit und einem moderaten individuellen Wohlstand verbunden. Die Aufopferungsbereitschaft der Angestellten trug in der ökonomischen Hochwachstumsphase von 1962 bis 1978 dazu bei, das ökonomische Wachstum der Unternehmen zu sichern. Auf der ökonomischen Ebene war der angesehene Status des sarariiman ein Resultat der japanischen Betriebsorganisation mit dem System der lebenslangen Beschäftigung, auf der emotionalen Ebene stützte ihn eine auf homosoziale Bindungen ausgerichtete Gruppenkohäsion, die wesentlich über den Ausschluss von Frauen funktionierte. Japanische soziologische Studien wie die von Ueno Chizuko betonen die Analogie des loyalen und aufopferungsbereiten Firmenangestellten mit dem des Kriegers (kigyô senshi), dessen selbstloser patriotischer Dienst (messhi hôkô) dem Vorbild militärischer Organisationen angeglichen sei (Ueno 1995, S. 216). Doch während der sarariiman sicher für eine ganze Generation von Männern in der Nachkriegszeit ein wichtiges soziales Leitbild darstellte, war er gleichzeitig im öffentlichen Diskurs der Nachkriegszeit Gegenstand einer satirischen Überzeichnung und Verächtlichmachung.2
Im Unterhaltungsgenre der 60er Jahre war das typische Bild des sarariiman das eines subordinierten Mannes, eines "Unmanns", der zugunsten einer höheren Organisation alle seine hedonistischen und eskapistischen Neigungen aufgegeben hat. Die Studie hat zum Ziel, diesen Antagonismus von sozialer Praxis und kulturellen Bildern herauszuarbeiten. Weiterhin wird untersucht, weshalb im gegenwärtigen Japan ein nicht unerheblicher Teil der heute 30-40jährigen Absolventen führender Universitäten es mehr und mehr als ein persönliches Problem empfindet, den Schritt zum loyalen und disziplinierten Firmenangestellten zu vollziehen. Sie gelten deshalb als chûto hanpa no sedai - "Generation der Unvollkommenen" -, was sich nicht zuletzt auch darin zeigt, dass viele von ihnen unverheiratet bleiben. Der Übergang vom Junggesellenstatus zum verheirateten Mann ist in Japan aber nach wie vor eine markante Grenze, die überwunden werden muss, um die Qualifikation zu einem sozial voll anerkannten Mann zu erreichen. In Japan ist deshalb unter der wachsenden Gruppe der ledigen Männer der empfundene Druck, irgendwann Heiraten zu müssen (kekkon puresshâ) sehr groß. Aber viele fühlen sich laut eigener Aussage mit dem chûto hanpa-Status zufrieden, und wenn nicht die Erwartungen der Eltern, die Angst vor dem eigenen Unversorgtsein im Alter wären, würden die meisten nichts an ihrer Lebensform ändern wollen. Doch nur eine Minderheit versucht, gegen den Druck der Gesellschaft ihre Lebensform des single-Daseins (shinguru laifu) zu behaupten, die aus gesellschaftlicher Sicht nicht dem gängigen Leitbild entspricht (Ueno 1995: 8). Nach Ansicht der Soziologin Ueno Chizuko sind die Zuwachsraten der ledigen Männer unmittelbar auf ein verändertes Bewusstsein der Frauen zurückzuführen, die in der Heirat keine wirtschaftliche Notwendigkeit mehr sehen, sondern eher einen Luxus, den sie sich leisten, wenn sie das Bedürfnis danach haben. In diesem Sinne ist für Ueno die Entstehung der chûto hanpa-Generation ein Nebeneffekt der feministischen Bewegung (Ueno 1995, S. 8). Es ist jedoch das Anliegen der Studie aufzuzeigen, dass wir uns im heutigen Japan in einer Situation befinden, in der die dominanten Formen von traditioneller Männlichkeit keine eindeutigen Identifikationsmuster mehr bieten und weder gemischtgeschlechtliche noch homosoziale Kohäsionen durchgehend funktionieren.

1 Das im Jahr 1871 neu erlassene Personenstandsgesetz garantierte noch Nebenfrauen einen geschützten rechtlichen Status zu, da ein Mann neben seiner Ehefrau auch Nebenfrauen in sein Familienregister eintragen lassen konnte. Erst das Zivilgesetzbuch von 1898 verwarf diese Regelung und Nebenfrauen wurden nun nicht mehr unter den Verwandten aufgeführt. Dieses bedeutete jedoch auch einen rechtlosen Status für die Nebenfrau und ihre Kinder, ein Problem, welches sich bisweilen noch heutzutage stellt (vgl. Neuss-Kaneko 1990, S. 62 und 153).
2 Anfang der sechziger Jahre trat als Gegenbild zum aufopferungsvollen und pflichtbewußten Typus des Büroangestellten im Unterhaltungsgenre der Musik- und Filmwelt der musekinin otoko (Mann ohne Verantwortung) auf (vgl. Kôdansha Year book 1962, S. 6-8).

Dr. Annette Schad-Seifert,
email: schad@rz.uni-leipzig.de

 

Eine Nobelpreisträgerin aus dem Iran (Prof. Dr. Holger Preißler)

 

Am 10. Oktober 2003 gab das Nobelpreiskomitee in Oslo den Gewinner des Friedenspreis bekannt. Es war die iranische Rechtsanwältin Schirin Ebadi. Den großen Nachrichtenagenturen war dieser Name unbekannt. Und auch den meisten der 70 Millionen Iraner sagte er bis dahin wenig oder nichts. Die Preisträgerin selbst wurde von der Nachricht während einer Tagung in Paris überrascht. Doch als sie am 14. Oktober in ihre Heimat zurückkehrte, wurde sie von etwa 25000 Menschen begeistert empfangen, auch von drei Vizepräsidenten und einer Enkeltochter Khomeinis. Die iranischen Politiker reagierten unterschiedlich. Stolz waren die Reformer, Zurückhaltung und Geringschätzung zeigten  die  streng Konservativen. Staatspräsident Khatami äußerte sich zuerst reserviert, dann aber voller Anerkennung.

Als elfte Frau, die den Friedenspreis erhalten hat, steht Schirin Ebadi in einer Reihe, die 1905 mit der Pazifistin Bertha von Suttner eröffnet wurde und in der sich unter anderen Mutter Teresa, die burmesische Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi und Rigoberta Menchù aus Guatemala finden.

Was weiß man über ihr Leben?

Schirin Ebadi wurde 1947 in der iranischen Provinzstadt Hamadan in einer mittelständischen Familie geboren. Wie ihr Vater studierte sie Rechtswissenschaft an der Universität Teheran und wurde 1969 mit erst 22 Jahren als erste Richterin in ihrem Land berufen. 1975 heiratete sie den Bauingenieur Dschawad Tawasulian, mit dem sie zwei Töchter hat, von denen die eine inzwischen auch in Teheran Jura, die andere in Kanada Elektronik studiert. In den Jahren 1975 bis 1979 war Schirin Ebadi Präsidentin des Stadtgerichts der iranischen Hauptstadt und gleichzeitig Vorsitzende der iranischen Richtervereinigung. Als 1978 die Revolution ausbrach und diese nicht nur von religiös motivierten Kräften, sondern auch von den meisten Intellektuellen begrüßt wurde, unterstützte sie diese breite antimonarchistische Volksbewegung als säkularistisch gesinnte Juristin, weil sie für Gerechtigkeit, Demokratie und Toleranz eintrat. Doch die anfänglichen Hoffnungen wurden  bitter enttäuscht. Schirin Ebadi musste ihr Richteramt aufgeben, denn nach konservativer islamischer Meinung durfte eine Frau nicht über Männer Urteile fällen. Sie arbeitete nun in der Verwaltung. 1984 ließ sie sich in den Ruhestand versetzen und eröffnete eine Rechtsanwaltspraxis. Außerdem lehrte sie an der Universität Teheran und verfasste mehrere Bücher, unter anderem über die Rechte der Kinder in Iran (1994) und über die Geschichte der Menschenrechte in Iran (2000). In den neunziger Jahren, nach dem opferreichen irakisch-iranischen Krieg und dem Tod Khomeinis, begann sich Schirin Ebadi im öffentlichen Leben mit neuen Initiativen zu engagieren. 1994 gründete sie die „Organisation zum Schutz von Kindern“, um sie vor den Auswirkungen archaischer Traditionen zu bewahren und den Kindern von ledigen Frauen, von Flüchtlingen sowie Straßenkindern Chancen für ein würdiges Leben und eine Schulbildung zu geben. Inzwischen betreibt die Organisation in der iranischen Hauptstadt drei Bildungszentren. Diese Arbeit will sie auch mit ihrem Preisgeld fördern. Der Einsatz für benachteiligte Kinder verbindet Schirin Ebadi mit dem Auftreten für die Rechte von Frauen und die Menschenrechte im Iran. Seit Mitte der Neunziger übernahm sie die Verteidigung in politisch brisanten Fällen, bei denen sie nicht nur mit starken traditionalistischen Kräften, sondern auch mit dem Geheimdienst konfrontiert wurde. Im Jahre 2000 wurde sie unter dem Vorwand, die öffentliche Moral beschmutzt zu haben, sogar für einige Zeit inhaftiert. Sie mischte sich also ein und geriet so auch in die tiefgreifenden inneriranischen Auseinandersetzungen, die von außen oft nur schwer zu verstehen sind und die zwischen Reformern unterschiedlicher Couleur und Wächtern klerikaler Macht und ihren Gehilfen ausgetragen werden, in denen sich große Hoffnungen mit tiefsitzenden Enttäuschungen paaren, gerade bei den jungen Menschen, für die sich die iranische Anwältin einsetzt. Schirin Ebadi geht es um die Menschen in ihrem Land, das sie nicht verlassen, sondern verändern will. Sie tritt für demokratische Reformen und für Gewaltlosigkeit ein. Dabei unterhält sie sowohl zu säkularistischen als auch zu islamisch-reformerischen Strömungen Kontakte. Diese Mittlerrolle zeichnet sie in besonderer Weise aus. Sie beruft sich dabei auf das reiche vieltausendjährige iranische Kulturerbe, das vom antiken Achämenidenherrscher Kyros bis in die islamische Zeit reicht und nicht nur den Koran, sondern auch die großen humanistischen persischen Dichter Hafez, Rumi und Saadi umfasst. Sie ist nicht nur die erste iranische Nobelpreisträgerin, sondern auch die erste Muslima, die in Oslo ausgezeichnet worden ist.

Das klerokratische iranische Regime hat versucht, das öffentliche Leben nach seinem Verständnis der traditionellen islamischen Werte auszurichten. Darauf musste sich Schirin Ebadi einstellen. Gerade im Rechtswesen traf sie auf streng konservative Repräsentanten, die misstrauisch auf alle ihre Aktivitäten schauten. Furchtlos und bestimmt tritt sie diesen Herren entgegen, um ihre Ziele zu erreichen. Sie hat sich nicht zur Frömmlerin gewandelt, sie ist vielmehr eine Muslima, die dem Laizismus verpflichtet ist. Sie hat erkannt, dass sie auf den Widerstand der Mollahs nach Möglichkeit auch mit deren eigenen Mitteln antworten muss. Dementsprechend setzt sie sich mit der Interpretation der islamischen Grundtexte in einem humanen, liberale Sinne für Menschen- und Frauenrechte auseinander, denn „die patriarchale Kultur und Diskriminierung der Frauen, besonders in den islamischen Ländern, kann nicht ewig dauern... Das diskriminierende Elend der Frauen in islamischen Staaten, ob im Zivilrecht oder auf dem Gebiet der sozialen, politischen und kulturellen Gerechtigkeit, hat seine Wurzeln in der patriarchalen und männerdominierten Kultur, die in diesen Gesellschaften vorherrscht, nicht im Islam. Diese Kultur toleriert Freiheit und Demokratie nicht, wie sie auch nicht an gleiche Rechte für Männer und Frauen und die Befreiung der Frauen von männlicher Herrschaft durch Väter, Ehemänner, Brüder usw. glaubt, weil das die historische und traditionelle Stellung der Herrscher und Wächter dieser Kultur bedrohen würde.“ Das erklärte sie in ihrer Osloer Rede. Sie sieht keinen Widerspruch zwischen ihrer Interpretation der Religion und einem modernen Pluralismus. “Der Islam ist nicht unvereinbar mit Menschenrechten und alle Muslime sollten auf diesen Preis stolz sein. Wenn man den Koran liest, wird man sehen, dass dort nichts gegen die Menschenrechte steht,“ meinte sie in einem Interview im Oktober 2003. Sie sprach sich z.B. auch gegen die Todesstrafe aus. Gleichzeitig wehrt sie sich als iranische Patriotin gegen alle Versuche, die angestrebten Veränderungen in ihrem Land von außen bestimmen zu wollen, denn „das iranische Volk hat besonders in den letzten Jahren gezeigt, dass es die Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten für sein Recht hält und dass es sein Schicksal selbst bestimmen will.“ Mit diplomatischen, aber deutlichen Worten richtete sie sich in Oslo gegen eine imperiale Interventionspolitik wie gegen „den Zyklus von Gewalt, Terrorakten und Krieg“. Die Wahl des Nobelpreiskomitees war politisch. Allerdings übt Schirin Ebadi keine offizielle politische Funktion aus. Sie will es auch nicht. „Ihre apolitische Haltung ist ihre Politik,“ meinte ein Kollege von ihr. Doch durch ihr praktisches Auftreten im Interesse von Kindern, Frauen und Verfolgten trägt sie mit ihrem Ansehen zu dem unausbleiblichen reformerischen Wandel in der iranischen Gesellschaft bei. In dieser Hinsicht besitzt sie auch eine exemplarische Bedeutung für Menschenrechtsaktivistinnen und –aktivisten in anderen Ländern Asiens und Afrikas, die oft wenig beachtet und unspektakulär für Veränderungen eintreten. 

 

Prof. Dr. Holger Preißler

email: hpreiss@rz.uni-leipzig.de

 

 

Mentoring – ein innovatives Konzept zur Förderung von Frauen an Hochschulen? (Dr. Astrid Franzke)

 

Seit Ende der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts werden auch in Deutschland Mentoringprogramme zur Förderung unterrepräsentierter Gruppen in Wirtschaft, Verwaltungen und Universitäten erprobt. Trotz vorhandener Regelungen und institutioneller Verankerung von Frauenförderung und Geschlechtergleichstellung sind Frauen in den lukrativen Berufspositionen nur gering vertreten. Bisherige Förderpraktiken waren darauf ausgerichtet, einzelnen Frauen Möglichkeiten zu eröffnen, ihre beruflichen Ambitionen zu verwirklichen. Strukturelle Veränderungen blieben überwiegend aus. Die Frauen- und Geschlechterforschung hat bis in die 80er Jahre hinein schwerpunktmäßig Karrierewege einzelner Wissenschaftlerinnen und ihre Lebensstrategien untersucht. Strukturelle Dimensionen kamen weniger in den Blick. Umgekehrt hat die Organisationsforschung bis Ende der 90er Jahre die Geschlechterdimension kaum thematisiert. Von daher gibt es im Themenfeld „Organisation und Geschlecht“ auch in der Forschung Nachholebedarf.  

1. Was ist Mentoring?

„Engere berufliche Förderbeziehungen zwischen Personen, die meist auf verschiedenen Generationen- und Hierarchieebenen stehen, werden Mentoring-Beziehung genannt.“ (Schliesselberger/Strasser 1998: 19) Kernstück ist das partnerschaftliche Zusammenwirken von Mentorin/Mentor und Mentee, wobei gleichrangige, nichthierarchische Arbeitsbeziehungen aufgebaut werden. Die Mentoringbeziehung ist daher keine Vorgesetzten-Untergebenen-Beziehung. Der Grundgedanke besteht in der persönlichen Übergabe von informellen Informationen durch begleitende Unterstützung und Förderung einer berufserfahrenen Person, die für die berufliche Entwicklung der Mentee bedeutsam sind. Fachübergreifender Austausch, Vermittlung von Normen und Werten, Erwerb von sozialen und kommunikativen Kom-petenzen stehen dabei im Zentrum. Sinnvollerweise wird Mentoring bei Zielgruppen eingesetzt, die sich an Schnittstellen ihrer Ausbildungs- oder Berufswege befinden. Da sie vor Entscheidungsfindungsprozessen stehen, ist der Bedarf an überfachlicher Orientierung besonders groß.

Das One-to-one-Mentoring basiert auf der klassischen Tandembeziehung, in der eine Mentorin/ein Mentor eine andere Person (Mentee) begleitend und beratend unterstützt. Überwiegend Projekte, die mit höher qualifizierten Zielgruppen arbeiten, die sich auf die Übernahme von Führungspositionen vorbereiten, bevorzugen dieses Modell. Diese Zielgruppen sind bereits in sehr hohem Maße spezialisiert. Eine individuelle berufliche Förderung entlang der jeweils konkreten Problemlagen,  Erfahrungshintergründe und Fragen zu beruflichen Perspektiven entspricht ihrer Situation besonders gut. Vorteil der Tandemarbeit ist eine sehr direkte und intensive, auf den Einzelfall zugeschnittene Förderbeziehung, die hohe Effekte bringen kann. Dies setzt eine optimale Passfähigkeit in der Zusammenführung des Tandems voraus. Nachteilig könnte sich auswirken, dass persönliche Abhängigkeiten nicht völlig ausgeschlossen sind. Mögliche Nachteile lassen sich in gewisser Weise durch die Partizipation am Begleitprogramm kompensieren. 

Das Peermentoring ist ein Förderzusammenhang in der eine Mentorin/ein Mentor mit einer Kleingruppe von Mentees (drei bis vier) arbeitet. Es wird von Projekten bevorzugt, die z.B. mit Schülerinnen (als Mentees) und Studentinnen (als Mentorinnen) arbeiten. Diese Zielgruppe der Mentees steht noch am Anfang des Berufswahlprozesses. Sie benötigt vor allem übergreifende Informationen zum naturwissenschaftlich-technischen Studium, zu Anforderungsprofilen und Berufsfeldern. Insofern bietet sich eine Arbeit in Kleingruppen an. In diesen findet ein Mentoring unter Gleichrangigen mit unterschiedlichem Erfahrungshorizont statt. (Vgl. Haasen 2001: 178) Peermentoring bietet den Vorteil des kontinuierlichen Austausches innerhalb der Zielgruppe mit wechselseitigen Impulsen und Lerneffekten. Zudem entstehen Netzwerke unter den Beteiligten, die für die Karriereplanung genutzt werden können. Die Gefahr, dass Abhängigkeitsbeziehungen entstehen könnten, ist im Peermentoring auf Grund der nicht vorhandenen Fixierung auf eine Zweierbeziehung geringer. Nachteilig könnte sich auswirken, dass ganz individuelle Fragen und Probleme nicht umfassend und tiefgründig genug zu bearbeiten sind. Anwendung findet Peermentoring in Österreich und der Schweiz auch in Projekten zur Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses.

2. Inwiefern ist Mentoring für Hochschulen anwendbar?

Hochschulen sind hierarchisch strukturierte Organisationen. Personale Aufstiegs-möglichkeiten werden durch die Organisation Hochschule nicht unwesentlich mitbestimmt. Derzeit befinden sich die bundesdeutschen Hochschulen  in einem Umstrukturierungsprozess, der unter engen finanziellen Zwängen und dem Aufbau neuer Strukturen (z.B. BA- und MA-Studiengänge) gleichermaßen steht. Einerseits kann der Veränderungsdruck eine offene Situation erzeugen, die neue Blickrichtungen eröffnet, beispielsweise für die stärkere Nutzung weiblicher Potentiale, andererseits existiert die Gefahr, einen bestimmten erreichten Stand zu unterschreiten. Wettbewerbsfähigkeit und die Attraktivität von Studienstandorten bleibt eine Herausforderung, die auch zukünftig vor den Hochschulen steht und die nach kreativen, innovativen Instrumenten sowie der Bündelung von Ressourcen verlangen.

Mentoring liegt von der Anlage her quer zu den hierarchischen Strukturen, es will fachübergreifende Qualifikationen stärken. Mentoring ist etwas, das in den Hochschulen der Sache nach nicht völlig unbekannt ist, denn im Doktorvater-Doktormutterprinzip ist eine individuelle Mentoringbeziehung angelegt.

3. Erfahrungen aus Niedersachsen

Das Land Niedersachsen hat sich im Rahmen des Hochschul- und Wissenschaftsprogramms (HWP) zur „Förderung der Weiterentwicklung von Hochschulen und Wissenschaft sowie zur Realisierung der Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre“ entschlossen, Mentoringprojekte für Frauen im naturwissenschaftlich-technischen Feld zu initiieren. Seit 2001 existieren an niedersächsischen Hochschulen neun Mentoringprojekte mit Laufzeiten bis zu drei Jahren. Sie wurden durch eine externe Evaluation (Oktober 2001-Januar 2003) als Projekt der Landeskonferenz niedersächsischer Hochschulfrauenbeauftragter begleitet, das vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst gefördert wurde. Das Programm wurde als offenes konzipiert, dass den Hochschulen ausreichend Gestaltungsspielraum lässt, um entsprechend der unterschiedlichen Bedarfe Mentoring durchzuführen. Daher arbeiten die einzelnen Projekte mit unterschiedlichen Zielgruppen und Zielstellungen.

Es zeigen sich zwei bevorzugte Anwendungsfelder: Zum einen wird Mentoring als Orientierungshilfe bei der Studienwahl, Studienabschlussförderung und Berufsfelderkundung (Schülerinnen, Studentinnen, Absolventinnen) eingesetzt. Dann geht es darum, frühzeitig in der Phase der Entscheidung für einen Beruf einzusetzen und traditionelle Berufswahlperspektiven zu erweitern. Die Bearbeitung konkreter, anwendungsorientierter Projekte hat sich dabei besonders bewährt. Zum anderen gelangt Mentoring als Instrument zur Qualifizierung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses (Doktorandinnen, Habilitandinnen) zum Einsatz. Schwerpunkt der niedersächsischen Mentoringprojekte bildet die Förderung von Studentinnen (9 Projekte) und Schülerinnen (7 Projekte) in naturwissenschaftlich-technischen Feldern.

Die Ergebnisse der Evaluation zeigen Gewinne auf drei Ebenen: für die Mentees, für die Mentorinnen/Mentoren und für die Organisation: Die Gewinne für die Mentees liegen überwiegend im Bereich der Karriereplanung durch individuelle Gespräche, im Praxiswissen über Anforderungsprofile in naturwissenschaftlich-technischen Berufsfeldern/in der Berufsfelderkundung und im Erwerb von Schlüsselqualifikationen. Die Gewinne der Mentorinnen/Mentoren betreffen vorwiegend das Erschließen neuer Infrastrukturen, den Auf- und Ausbau von Netzwerken, den Austausch mit Führungskräften anderer Institutionen, die Erweiterung pädagogisch-methodischer Fähigkeiten, die Anregungen für den eigenen Berufsalltag und die Erhöhung ihrer Reflexionskompetenz. Die organisationalen Effekte waren, auf Grund des Schwerpunktes der externen Evaluation und der angestrebten Nachhaltigkeit der Projekte von besonderem Interesse. Hochschulen werden Mentoringprojekte nur dann ohne „Sonderförderung“ unterstützen, wenn sie als Organisation einen konkreten Nutzen davon haben. Auf der strukturellen Ebene lässt sich nachweisen, dass die interdisziplinäre, fachübergreifende Zusammenarbeit von Institutionen und Personen sowie der Informationsfluss zwischen diesen gefördert wurden und in der Zusammenführung von Fachkompetenzen (z.B. Expertinnen/ Experten für Weiterbildung, für Studienberatung, für Gleichstellungsarbeit) eine Bündelung von Ressourcen erreicht werden konnte, die die Effizienz der Hochschulstrukturen und ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken helfen.

 

Literatur:

Haasen, Nele: Mentoring. Persönliche Karriereförderung als Erfolgskonzept. München 2001.

Landeskonferenz Niedersächsischer Hochschulfrauenbeauftragter (Hrsg.): Mentoringprojekte für Frauen an niedersächsischen Hochschulen. Hannover 2003.

Schliesselberger, Eva/Strasser, Sabine: In den Fußstapfen der Pallas Athene? Möglichkeiten und Grenzen des Mentoring von unterrepräsentierten Gruppen im universitären Feld. Materialien zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft. Wien 1998.

 

Astrid Franzke

email: franzke@rz.uni-hildesheim.de

 

 

 

Geschlecht und Macht in den Politiken aufsteigender Elitenmilieus: Sozialreform und Bildungspolitik in Galizien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Dietlind Hüchtker)

 

Ausgangspunkt des Projekts sind die Gedächtnisstränge der vielsprachigen, multireligiösen und polyethnischen Provinz Galizien: das Gedächtnis an ein polnisches und an ein ukrainisches Piemont sowie an die Stärke jüdischer Bewegungen einerseits, Erinnerungen an Armut und Perspektivlosigkeit sowie Geschichten aus einem multikulturellen Arkadien andererseits. Bislang sind in den Geschichtswissenschaften vor allem die verschiedenen Nationalitäten- und Nationalstaatsgeschichten erforscht worden, während die Erzählungen über Armut und Multikulturalität als "Mythos Galizien" den Literaturwissenschaften vorbehalten blieben. Damit wird das vorausgesetzt, was doch Gegenstand einer historischen Untersuchung sein müßte: die Ausdifferenzierung in eine polnische, jüdische und ukrainische Nationalität. Nimmt man dagegen historische Realität nicht nur als das Ergebnis von sozialen Strukturen, materiellen Fakten und einem daraus abzuleitenden Bewußtsein, sondern als einen dauernden Prozeß kultureller Konstruktionen, Deutungen und Ordnungen, so stellt sich vielmehr die Frage nach der konkreten Bedeutung und praktischen Gestaltung dieser dreifachen Ausdifferenzierung, sowohl hinsichtlich der synchronen Bezüge zu anderen Ordnungskategorien und Identifikationsmöglichkeiten als auch im Hinblick auf die historische Formung der Gedächtnisschichten.

Einen neuen Weg, die "galizische Gegensätzlichkeit " zu erforschen, möchte ich mit einer mikrohistorischen Untersuchung von Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen politisch aktiver Intellektueller aus Galizien beschreiten. Das Forschungsprojekt strebt an, Emanzipationsentwürfe in einer als "rückständig" kategorisierten Gesellschaft zu analysieren. Ausgehend von individuellen Lebensentwürfen und persönlichem Engagement politisch aktiver Intellektuellenzirkel werden die Zusammenhänge zwischen Kommunikationsweisen, Diskursen, Gedächtnispolitiken sowie Form und Verbreitung historischen Wissens über Galizien untersucht. Am Beispiel der individuellen und kollektiven "Emanzipations"-optionen soll gezeigt werden, wie die Vorstellungen über den Wandel im eigenen Leben und in der galizischen Gesellschaft mit individuellen Erinnerungen und kollektivem Gedächtnis verbunden sind. Die Interpretation der Galizienliteratur als eine Praxis der Kommunikation über Wissen, Welt- und Selbstdeutung hebt die Trennung in subjektives Bewußtsein und objektive Rahmenbedingungen konzeptionell auf. In den politischen Entscheidungen, Plänen und Aktivitäten verbinden sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sprich individuelle Erinnerung und kollektives Gedächtnis mit Emanzipations-entwürfen und Veränderungsversprechen. Auf diese Weise sollen biographische Studien in einen polyphonen Kontext eingebettet werden. Statt der in der Forschung bislang verbreiteten Kategorisierung als "weiblicher Lebenslauf" oder "jüdische Perspektive" wird "Identität" als eine mehrdimensionale Praktik von Identifizierungs- und Differenzierungsprozessen verstanden.

Meine These ist, daß die Verwobenheit von Tradition und Moderne in den galizischen Selbst- und Gesellschafts-entwürfen aus der Perspektive normativer Modernisierungsmodelle als irrational oder rückständig erscheinen, aus einer dezentristischen Perspektive jedoch als eine höchst moderne Konstruktion von Differenzen in einer Gesellschaft, in der Modernisierung nicht an einen Staat mit einer Mehrheit geknüpft sein kann. Aus der Perspektive der historischen Subjekte verweist gerade die galizische Gesellschaft auf die Vieldeutigkeit und Veränderbarkeit zeitgenössischer wie auch historiographischer Unterscheidungs- und Ordnungskategorien. Die Frage konzentriert sich nicht mehr auf die Entdeckung oder Erfindung kollektiver Identitäten unter spezifischen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen, sondern auf die Bezüge, Verwobenheiten und Konvergenzen der diversen kulturellen Traditionen und ihrer Veränderungen. Gerade die Intellektuellen, die "Avantgarde des Fortschritts" eignen sich, die Frage nach den "Konstruktionen galizischer Realitäten" zu stellen und die Herausbildung von "politischen Identitäten" als Bestandteile einer historisch situierten "Interkulturalität" zu begreifen. Die verwickelten Verhältnisse in Galizien mit seinen "Modernitäts-", und "Nationalitätenkonflikten" öffnen den Blick für Uneindeutigkeiten und Polyvalenzen der "Interkulturalität".

Das Experiment besteht darin, unter Berücksichtigung theoretisch-methodischer Diskussionen über die Prozeßhaftigkeit, Relationalität und Situiertheit von historischen Phänomenen eine neue Form der Darstellung zu finden, die die Vielfältigkeit der historischen Möglichkeiten aufzeigt, und damit der Forderung nach einer "Nicht-Einheit der Geschichte" Rechnung trägt. Am Beispiel Galiziens wird eine Darstellungsweise entwickelt, die interkulturelle Vergleiche ermöglicht, ohne ethnozentrische Perspektiven einzunehmen. Damit soll auch eine Neuauflage der historiographischen Ost-Westpolarisierung, wie sie in den modernisierungstheoretisch argumentierenden Nationalismusdiskussionen anzutreffen ist, infrage gestellt werden.

Die vorgeschlagene Studie geht von der These aus, daß im 19. Jahrhundert die als genuin bürgerlich angesehenen Politikfelder Sozialreform und Bildungspolitik auch in Galizien eine zentrale Bedeutung für die Neustrukturierung der Politik erlangten und daß Frauen daran einen erheblichen Anteil hatten. Am Beispiel dreier Frauen - einer polnischen, einer ukrainischen und einer jüdischen - sollen die sozialreformerischen und bildungspolitischen Aktivitäten im Bezug auf Selbstverständnis und Sicht auf die galizische Gesellschaft untersucht werden. Ziel ist es, die spezifischen Wege des "Aufsteigens" neuer sozialer Gruppen – Frauen, Jüdinnen, Ukrainerinnen – und der Neukonstituierung der (politischen) Elitenmilieus herauszuarbeiten.

Dieser für die Forschungen über Galizien eher ungewöhnliche Zugang macht sich das Konzept der Geschlechtergeschichte zunutze, Geschlecht als eine Kategorie zur Analyse von Macht zu verstehen, um so bislang wenig beachtete Aspekte des gesellschaftlichen Wandels herauszu-arbeiten. Dabei wird Elite als Produkt einer Praxis der Auseinandersetzungen um Sicht- und Deutungsweisen verstanden, die es erst ermöglichten, Veränderungen in den sozialen, politischen und kulturellen Hierarchien zu konstituieren, nicht als soziales Merkmal einer Gruppe.

Die Studie zielt darauf, neue Ansätze für eine Untersuchung des Elitenwandels im 19. Jahrhunderts fruchtbar zu machen und begreift sich als ein Beitrag zur Diskussion über Moderne und Tradition in Ostmitteleuropa.

 

Dr. Dietlind Hüchtker

email: huecht@rz.uni-leipzig.de

 

 


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