PSYCHOMETRISCHE
Untersuchungen

INAUGURAL-DISSERTATION

ZUR

ERLANGUNG DES DOCTORGRADES DER PHILOSOPHISCHEN FACULTÄT

DER

UNIVERSITÄT LEIPZIG

VORGELEGT

VON

JAMES MCKEEN CATTELL

AUS EASTON, PA, U. ST. OF A.

Mit Acht Holzschnitten

LEIPZIG

WILHELM ENGELMANN

1886

    Die Aufgabe dieser Abhandlung soll es sein, die Schnelligkeit einfacher psychischer Prozesse zu bestimmen. Treffen auf die Netzhaut Schwingungen des Lichtäthers von einer bestimmten Wellenlänge, so siebt man rotes Licht, aber es vergeht nach dem Auftreffen der Schwingungen auf die Netzhaut eine gewisse Zeit, bevor man das Licht wahrnimmt. Denn es ist l) Zeit erforderlich, damit die Ätherschwingungen die Netzhautelemente erregen ; sodann vergeht Zeit, bis 2) die Erregung durch den Sehnerven nach dem Gehirn und 3) durch das Gehirn nach dem Sehzentrum geleitet ist; endlich 4) dauert es eine gewisse Zeit, bis die Erregung im Sehzentrum diejenigen Veränderungen hervorgebracht hat, welche seiner Natur und der des äußeren Reizes entsprechen. Erst wenn diese Veränderungen eingetreten sind, wird rotes Licht wahrgenommen. Es bedarf jedoch, wie wir annehmen dürfen, keiner Zeit, damit eine Empfindung oder Wahrnehmung entsteht, nachdem die ihr eigentümlichen Veränderungen im Gehirn einmal hervorgebracht sind. Die Empfindung des roten Lichtes ist ein Zustand des Bewusstseins, welcher einem gewissen Zustande des Gehirns entspricht. Die chemischen Veränderungen in einer galvanischen Batterie erfordern Zeit; nachdem sie aber eingetreten, ist keine weitere Zeit erforderlich, um den elektrischen Strom hervorzubringen. Der Strom ist das Produkt chemischer Änderungen in der Batterie, aber er ist zugleich der unmittelbare Ausdruck dieser Änderungen. Analog denken wir uns die Beziehung zwischen den Zuständen des Bewusstseins und den Veränderungen im Gehirn.

    Wie zur Wahrnehmung eines Lichteindrucks eine gewisse Zeit erforderlich ist, so auch zur Ausführung einer Bewegung. Veränderungen im Gehirn, deren Ursprung und Natur wir nicht zu erklären vermögen (physiologisch sind sie Teile der ununterbrochenen Lebenstätigkeit des Gehirns, psychisch sind sie oft im Bewusstsein gegeben als Willensimpulse), erregen das Zentrum für Zuordnung von Bewegungen. Der hier entstandene Impuls wird durch das Gehirn (und eventuell durch das Rückenmark) nach einem motorischen Nerven und durch diesen zu dem Muskel geleitet. Wir haben hier in umgekehrter Reihenfolge die nämlichen vier Zeitabschnitte, wie in dem Falle, wo ein gegebener Reiz eine Empfindung hervorrief. In beiden Fällen vergeht eine Latenzzeit im Sinnesorgan oder Muskel, eine zentripetale oder zentrifugale Zeit in der Nervenleitung, eine zentripetale oder zentrifugale Zeit im Gehirn und eine Zeit des Anwachsens der Energie im sensorischen oder motorischen Zentrum. Außer diesen zwei Klassen von Vorgängen, den zentripetalen und zentrifugalen, gibt es noch interzentrale, im Gehirn selbst, von denen uns manche im Bewusstsein gegeben sind und das seelische Leben des Vorstellens und Fühlens ausmachen. Alle diese Vorgänge erfordern eine gewisse Zeit und in vielen Fällen kann, wie ich zeigen werde, diese Zeit bestimmt werden.

Inhalt
 
I. Apparate und Methoden

II. Die Reaktionszeit

III. Die Unterscheidungszeit

IV. Die Wahlzeit

V. Einfluss der Aufmerksamkeit, Ermüdung und Übung auf die Dauer psychischer Prozesse

Lebenslauf.

    Ich, James McKeen Cattel, Sohn des Universitätsprofessors W. C. Cattell in Philadelphia, bin geboren am 25. Mai 1860 zu Easton (Pa). Vereinigte Staaten von Nordamerika. Meinen Unterricht erhielt ich bis 1876 hauptsächlich von Privatlehrern, dann besuchte ich vier Jahre lang das Lafayette College zu Easton, woselbst ich 1880 den Grad B. A. und 1883 M. A. erhielt. 188082 studierte ich zu Göttingen, Genf und Leipzig, 188283 war ich Fellow der John Hopkins University zu Baltimore und seitdem studiere ich wiederum in Leipzig.

    Allen meinen verehrten Lehren fühle ich mich in hohem Grade verpflichtet: an dieser Stelle möchte ich noch besonders den Herren Professoren Wundt, Heinze, Hankel und Leuckart, deren Vorlesungen resp. Seminare ich während meines Verweilens an hiesiger Universität besucht habe. meinen aufrichtigen Dank aussprechen.