Nachricht vom

Die Corona-Krise und ihre Folgen werfen neben medizinischen und wirtschaftlichen auch eine ganze Reihe an moralischen Fragen auf. Der Philosoph und Privatdozent Dr. Christian Schmidt lehrt und forscht an der Universität Leipzig und der Humboldt Universität Berlin. In einem Debattenbeitrag erörtert er die Sinnhaftigkeit der viel diskutierten Systemrelevanz bestimmter Bevölkerungsgruppen. Schmidt fordert, die wechselseitige Abhängigkeit in der Gesellschaft anzuerkennen, die gerade in der Corona-Krise einmal deutlicher zutage getreten ist. Zugleich könne die eingeforderte Solidarität mit den Mitmenschen nicht an den Grenzen der Nationalstaaten enden.

„Wann war das letzte Mal so viel von ‚Solidarität‘ die Rede und wieso sind sich alle einig, dass es gilt ‚das System‘ aufrecht zu erhalten?“, fragt Dr. Christian Schmidt.

„Wann war das letzte Mal so viel von ‚Solidarität‘ die Rede und wieso sind sich alle einig, dass es gilt ‚das System‘ aufrecht zu erhalten?“, fragt Dr. Christian Schmidt. Foto: Sandra Schuber

Wenn Sie als Philosoph die derzeitige Corona-Krise beobachten – was fällt Ihnen in der Betrachtung als Erstes auf?

Als Erstes fällt mir auf, wie wandlungs- und anpassungsfähig das gesellschaftliche Leben ist. Das ist schon erstaunlich. Auf den zweiten Blick interessieren mich dann, die Begriffe und Konzepte mit denen die Gesellschaft versucht, solche raschen Veränderungen zu verstehen. Wann war das letzte Mal so viel von „Solidarität“ die Rede und wieso sind sich alle einig, dass es gilt „das System“ aufrecht zu erhalten?

Könnte die aktuelle Pandemie auch eine Initialzündung für die Forschung sein?

Die Pandemie selbst vielleicht nicht. Gerade für die Sozialphilosophie sind Viren zunächst einmal kein echter Gegenstand. Aber natürlich sind Krisenzeiten und Umbrüche, wie die Wende vor 30 Jahren, Erfahrungen, die für unser Verständnis von Gesellschaft prägend sind. War es vor 30 Jahren die Erfahrung, dass gesellschaftliche Veränderungen von Menschen gemacht werden, dann führt uns die Pandemie heute vielleicht eher vor Augen, in was für einer globalisierten Gesellschaft wir schon die ganze Zeit leben. Es bleibt zu hoffen, dass daraus auch ein neues Verständnis von Gesellschaft und ihren Grenzen entsteht.

 

Zur Debatte – ein Beitrag von Dr. Christian Schmidt

Die Pandemie hat uns von Anfang an vor allem eines vor Augen geführt: wie abhängig wir in unserem modernen Leben von anderen Menschen sind.

Deutlich wurde zunächst der immense Grad an Vernetzung, der die globale Wirtschaft prägt. Lieferketten reichen über Kontinente hinweg. Bei ihrer Störung oder gar ihrem Zusammenbruch werden selbst scheinbar einfache Cent-Artikel wie Atemschutzmasken zur teuren Mangelware. Aber auch die Versorgung mit hochwertigen Medikamenten ist dann nicht mehr gesichert. Und das sind nur zwei von unzähligen Beispielen dafür, wie eng unser Leben bereits an ein fremdes, uns in vielerlei Hinsicht kaum vertrautes Land wie China am anderen Ende der Welt gebunden ist.

Deutlich wurde aber auch, wie abhängig die Menschen hierzulande von Arbeitskräften sind, die aus dem Ausland kommen, um alten Menschen zu pflegen, in der Landwirtschaft zu arbeiten oder in Schlachthöfen Akkordarbeit zu verrichten.

„Systemrelevanz“ ist in der Corona-Krise kein klarer Begriff

Und deutlich wurde schließlich, wie sehr wir ganz generell von Menschen abhängen, die das Gesundheitssystem, die Schulen und Kindertagesstätten, die Supermärkte und den Transport von Gütern aufrechterhalten. Die Unverzichtbarkeit dessen, was diese Menschen tagtäglich tun, kam gleich zu Beginn der Corona-Pandemie durch ein Wort zum Ausdruck, das in der Finanzkrise von 2008 noch den Großbanken vorbehalten war: systemrelevant.

Allerdings ist „Systemrelevanz“ im Zusammenhang mit der Corona-Krise kein klarer Begriff. Solange er sich auf das Finanz- oder das Gesundheitssystem bezog, war noch augenfällig welches gesellschaftliche Teilsystem gemeint war. Es war also leicht zu verstehen, dass beim Zusammenbruch mancher Banken, das gesamte Währungs- und Kreditsystem nicht mehr funktionieren könne oder dass bei zu vielen Kranken auf einen Schlag oder einem Ausfall des Pflegepersonals, die Krankenversorgung weder personell noch technisch gewährleistet werden kann.

Doch indem der Ausdruck „systemrelevant“ auf alle Berufsgruppen ausgeweitet wurde, deren Tätigkeit trotz Ausbruchs der Pandemie unbedingt aufrechterhalten werden sollte, wurde zunehmend unklar, welches System mit ihm überhaupt gemeint war. An die Stelle der Betrachtung eindeutig bestimmter gesellschaftlicher Teilsysteme war nämlich unter der Hand eine Bewertung von Bedürfnissen getreten. Die Regierung bestimmte, dass nicht nur die Versorgung mit Lebensmitteln unverzichtbar war, sondern auch die die Versorgung mit unabhängigen Nachrichten, wodurch Journalistinnen und Journalisten „systemrelevant“ wurden. Die Betreuung von Kindern in Schulen und Kindertagesstätten wurde hingegen nicht als „unverzichtbar“ eingestuft. Und das hing nicht nur mit dem Infektionsrisiko zusammen. Denn ein Infektionsrisiko besteht auch in Supermärkten, die deshalb beispielsweise in China vorübergehend geschlossen wurden. Schulen und Kindertagesstätten waren „verzichtbar“, weil entschieden wurde, dass die Kinder auch zuhause betreut werden können.

Alles andere erschien als bloßes Beiwerk – oft angenehm, aber im Kern überflüssig

Der Ausdruck „systemrelevant“ verdeckt aber nicht nur die politische Entscheidung darüber, welche Tätigkeiten als „unverzichtbar“ und welche als „verzichtbar“ gelten. Er führt auch dazu, dass alle Tätigkeiten, denen diese Eigenschaft nicht zugesprochen wird, plötzlich als nicht so wichtig erscheinen. Wir alle sind von den „systemrelevanten“ Tätigkeiten abhängig. Aber alles andere erscheint im Licht dieser Abhängigkeiten als bloßes Beiwerk – oft angenehm, aber im Kern überflüssig.

Neben der unangenehmen Konsequenz für die „nicht Systemrelevanten“, dass ihre Tätigkeit als weniger wichtig beurteilt wird. Ist der Nachteil für die als „systemrelevant“ Eingestuften, dass ihre Tätigkeit von der Gesellschaft erwartet wird. In der Finanzkrise von 2009 hatte das noch den Effekt, dass Bankerinnen und Banker auf hohe Bonuszahlen vertrauen durften. Sonst, so die damalige Argumentation, würden sie einfach aufhören zu arbeiten. In der Corona-Krise führte die Erwartung der Gesellschaft aber dazu, dass die oft schlecht bezahlten und in der Regel weiblichen Pflegekräfte und Verkäuferinnen zu Heldinnen des Alltags erklärt wurden. Dabei gingen sie oft einfach weiter ihrer Tätigkeit nach. Einen Heldencharakter sollte diese Tätigkeit dadurch erhalten haben, dass mit ihr ein erhöhtes Ansteckungsrisiko verbunden ist. Das Risiko, krank zu werden, wurde also als ein Opfer interpretiert, das für die Allgemeinheit erbracht wurde – aber dieses Opfer wurde in den allermeisten Fällen nicht freiwillig erbracht. Anders als im Bankensektor hatten die Arbeitenden oft nicht die Möglichkeit, sich auf ihren Ersparnissen auszuruhen, wenn ihre Forderungen nach besserem Infektionsschutz oder besserer Bezahlung nicht erfüllt wurden. Kurz gesagt: Nicht nur die Gesellschaft hängt von ihnen ab, auch sie brauchen den Lohn für ihre Arbeit, selbst wenn er unangemessen ist.

Die wechselseitige Abhängigkeit in der Gesellschaft in ihrer Gänze anerkennen

Statt also mit der „Systemrelevanz“ einen sozial-technologischen Blick auf die Gesellschaft zu werfen, sollte die Lehre aus der Corona-Pandemie sein, die wechselseitige Abhängigkeit in der Gesellschaft in ihrer Gänze anzuerkennen. Wenn wir im Lichte der Krise verstehen, wie abhängig wir von anderen sind, dann können wir auch verstehen, auf welcher Grundlage die Forderung nach Solidarität und Rücksichtnahme erhoben wird. Hinter ihr steht die Anerkennung der Mitmenschen als „unverzichtbar“ für den Erhalt des eigenen Lebens. Zwar kann dann durchaus noch darüber gestritten werden, welche Ansprüche der Allgemeinheit an die Einzelnen gerechtfertigt und angemessen sind, aber die Frage kann nicht mehr lauten: Auf welcher Grundlage bin ich überhaupt verpflichtet, auf andere Rücksicht zu nehmen?

Solidarität kann nicht an den Grenzen des Nationalstaats enden

Allerdings zeigt sich dann auch, dass die Solidarität, die in der Corona-Krise allerorten eingefordert wurde, häufig zu eng gefasst war. Schon auf der Grundlage der wechselseitigen Abhängigkeit hätte der Aufschrei unüberhörbar sein müssen, als Modeketten aus Deutschland Aufträge in den Textilfabriken Bangladeschs einfach stornierten und weder bereit waren selbst bereits gefertigte Kleidungsstücke abzunehmen noch sie auch nur zu bezahlen. Sie gaben damit zahlreiche Arbeiterinnen und deren Familien größter Not und Hunger preis. Und ebenso groß und unüberhörbar müssten vielerorts die Proteste gegen die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft sein.

Doch selbst mit der Anerkennung, dass wir all diesen Menschen Berücksichtigung und Solidarität schuldig sind, wäre dem ganze Ausmaß der Konsequenz aus den neu erfahrenen Abhängigkeiten von anderen Menschen noch nicht entsprochen. Denn die Solidarität, die in der Krise eingefordert werden muss, kann nicht an den Grenzen des Nationalstaats enden oder sich auf Fälle wechselseitiger Leistungen beschränken. Die Solidarität, die es jetzt zu entwickeln gilt, hat zur Grundlage die Abhängigkeit der Menschen voneinander. Ihr gerecht zu werden, heißt deshalb, auch jene einzubeziehen, die von uns abhängig sind. Und das sind nicht zuletzt all jene, die in Flüchtlingslagern an der EU-Außengrenze festgehalten werden. Ihr Leben zu retten und zu verbessern, heißt sie als Teil des menschlichen Netzwerks von Abhängigkeiten anzuerkennen, dessen Reichwerte – wie wir nun unmittelbar selbst erfahren haben – jede Grenze überschreitet und Kontinente überquert.