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Wie hoch wären Infektions- und Todeszahlen, wenn Deutschland zu Beginn der Pandemie nur auf freiwillige Kontaktreduzierung gesetzt hätte? Eine neue Studie des Deutsches Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Universitäten Leipzig, Hamburg und Kiel zeigt, dass auch rein freiwillige Einschränkungen zum Selbstschutz und zum Schutz anderer die Zahl der Neuinfektionen stabilisieren könnten (R0=1). Allerdings bei 100-mal mehr Infizierten und 15-fachen Todeszahlen im Vergleich zu einer optimalen Kontaktbeschränkungspolitik. Die Studie wurde kürzlich auf einem Preprint-Server veröffentlicht.

Plakat in einem Leipziger Park, aufgenommen im März 2020.

Plakat in einem Leipziger Park, aufgenommen im März 2020. Foto: iDiv/Gabriele Rada

„Es ist ernst, nehmen Sie es auch ernst“, sagte die Bundeskanzlerin am 18. März in ihrer einzigen Fernsehansprache ihrer Amtszeit außerhalb der üblichen Neujahrsansprachen und machte damit deutlich, dass die Covid-19-Pandemie außergewöhnliche Kontakteinschränkungen für die Bevölkerung notwendig macht. Schulen und Kitas wurden geschlossen, Reisen untersagt usw. 

Die Todeszahlen zeigen, dass Deutschland mit dem Lock-Down gut gefahren ist. Doch wäre es auch mit weniger radikalen Einschränkungen gegangen? Wie vernünftig wären die Menschen von sich aus und wie hätten sich die Infektions- und Todesraten ohne staatliche Eingriffe entwickelt?

Epidemiologische Modelle um Verhaltenskomponente erweitert

Hierzu haben Umweltökonomen am iDiv sowie den Universitäten Leipzig (UL), Hamburg und Kiel erstmals ein gängiges epidemiologisches Modell mit Verhaltensdaten einer groß angelegten repräsentativen Umfrage kombiniert. Dazu ließen die Forscher zu Beginn der Pandemie Mitte März deutschlandweit mehr als 3.500 Personen zum Ausmaß ihrer Kontakteinschränkungen und ihren Motiven dafür befragen. Die Ergebnisse wurden dann in ein gängiges epidemiologisches Modell eingespeist. Damit erweiterten die Wissenschaftler die bisherigen Ansätze der Epidemiologen um die soziale Komponente menschlicher Entscheidungen.

Die Umfrage ergab, dass die Deutschen ihre Kontakte zu Beginn der Epidemie im Schnitt auf ein Viertel des normalen Niveaus reduzierten. Rund zur Hälfte taten sie dies aus Selbstschutz, zu 30 Prozent um Freunde und Familie sowie zu 18 Prozent um andere zu schützen. 

Auf dieser Datenbasis erstellten die Forscher dann Verlaufsmodelle der Infektions- und Todeszahlen unter verschiedenen Bedingungen: a) Wie sähe eine Politik aus, die die optimale Balance zwischen Schutz der Gesundheit und Erhaltung eines Mindestmaßes an sozialem Leben herstellt? Wie hoch wären hier die Infektions- und Todeszahlen? Und wie würden sich diese Zahlen ohne staatliche Regulierung entwickeln, wenn die Menschen ihre Kontakte rein freiwillig b) nur aus reinem Selbstschutz beziehungsweise c) auch zum Schutz anderer einschränkten? 

Im Zentrum steht dabei die Frage nach den sogenannten „sozialen Kosten“ einer Infektion. Wenn sich eine Person mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert, hat das nicht nur Kosten in Form von gesundheitlichen Folgen für sie selbst ­‑ sie erhöht auch das Infektionsrisiko für alle anderen. 

Ein optimaler Politikansatz, der die gesundheitlichen Folgen für alle in gleichem Maße berücksichtigt, so fanden die Wissenschaftler, würde die physischen Kontakte zu Beginn der Pandemie mit einem drastischen Lock-Down reduzieren, um das Virus fast vollständig auszurotten. Anschließend würde eine Stabilisierung der Kontakte auf etwa ein Drittel des (normalen) Niveaus vor der Pandemie ausreichen, bis eine Impfung in Sicht ist. Dieses Szenario beinhaltet allerdings wesentlich drastischere Maßnahmen, als sie die Bundes- und Landesregierungen tatsächlich verhängt haben.

Freiwillige Kontaktreduktionen zum Selbstschutz stoppen die Pandemie, reichen aber nicht weit genug

Allerdings: Wie die Umfrage zeigte, haben die Menschen auch ganz ohne Regulierungen ihre Kontakte stark eingeschränkt, um sich selbst zu schützen. Mit steigender Infektionsrate in der Bevölkerung und damit steigendem Infektionsrisiko wäre dieses Verhalten verstärkt worden. Ein rein egoistisches Verhalten in der Bevölkerung würde dadurch auch zu einer Stabilisierung des Infektionsgeschehens (Basisreproduktionszahl R0=1) führen. Diese Entscheidungsfreiheit hätte jedoch ihren Preis. Im Vergleich zur optimalen Politik stiegen die Infektionszahlen um das Hundertfache und es gäbe über die gesamte Pandemie gesehen etwa 15-mal mehr Tote. Die Simulationen zeigten ebenfalls: Durch die zusätzliche Motivation, auch andere schützen zu wollen (altruistisches Verhalten) würden sich die Infektions- und Todeszahlen gegenüber dem rein egoistischen Ansatz immerhin um etwa ein Drittel verringern. 

Risikoaversion macht Herdenimmunität unwahrscheinlich

„Schon aufgrund der Angst vor der eigenen Ansteckung schränkt die Bevölkerung unseren Simulationen zufolge die sozialen Kontakte so stark ein, dass in den nächsten Jahren keine Herdenimmunität zu erwarten ist“, sagt Dr. Jasper Meya, Mitautor der Studie und Postdoktorand am iDiv und der UL. 

Wie sich der Verlauf der Pandemie entwickelt, hängt vorranging vom Verhalten der Menschen ab. „Unsere Analysen zeigen, dass vor allem bei hohen Infiziertenzahlen und damit einem hohen Infektionsrisiko in der Bevölkerung Selbstschutz und altruistisches Verhalten bereits einen beachtlichen Teil der nötigen Kontaktreduzierungen für den öffentlichen Infektionsschutz liefern kann“, sagt Meya. Allerdings zeige die Studie auch, dass insbesondere zu Beginn der Pandemie eine beherztere Reduzierung von Kontakten sehr viel mehr Menschleben rettet. „Hätte Deutschland in den ersten Wochen ab Mitte März ausschließlich auf Eigenverantwortung gesetzt, wären die Todeszahlen wohl um ein Vielfaches höher ausgefallen.“ 

„Unsere Motivation, uns als Umweltökonomen mit solchen Gesundheitsthemen zu beschäftigen, ist, dass Gesundheitsschutz ein öffentliches Gut ist, dessen Verfügbarkeit vom Verhalten der Menschen abhängt“, sagt Prof. Martin Quaas, Leiter der Forschungsgruppe Biodiversitätsökonomik am iDiv und der UL. Normalerweise erforscht die Gruppe im Rahmen der Nachhaltigkeitsdebatte verschiedene Nutzungen und Schutz natürlicher Ressourcen wie etwa Fisch- oder Waldbestände. „Die Ergebnisse aus unserer Covid-19-Studie generieren auch wichtige Einsichten für die Bereitstellung von anderen Gemeingütern – wie einem stabilen Klima oder einer intakten Biodiversität“, sagt Quaas.

Originalpublikation: 
Quaas, M.F., Meya, J.N., Schenk, H., Bos, B., Drupp, M.A., Requate, T. (June, 2020). The Social Cost of Contacts: Theory and Evidence for the Covid-19 Pandemic in Germany. CESifo Working Paper No. 8347.

 

Dr. Jasper Meya, Postdoktorand am iDiv und der Universität Leipzig.
Prof. Dr. Martin Quaas, Leiter der Forschungsgruppe Biodiversitätsökonomik am iDiv und der Universität Leipzig.