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Gabriele Rodriguez von der Namenberatungsstelle der Universität Leipzig erhielt Anfang des Jahres eine Anfrage von einer Frau, die zu DDR-Zeiten den Namen Fatima bekommen hatte. Was damals exotisch klang, bereite ihr heute immer wieder Probleme. Da ihre Eltern Deutsche seien und sie keinerlei Bezug zum arabischen Raum habe, wollte die Dame von der Expertin der Universität mehr über den Ursprung ihres damals äußerst ungewöhnlichen Vornamens wissen, von den Eltern kannte sie die Quelle: das „Mosaik“.

Die Expertinnen der Namenberatungsstelle der Universität Leipzig: Gabriele Rodriguez (links) und Dr. Dietlind Kremer

Die Expertinnen der Namenberatungsstelle der Universität Leipzig: Gabriele Rodriguez (links) und Dr. Dietlind Kremer Foto: Swen Reichhold

Unerwartete Schützenhilfe gab es für Rodriguez und ihre Kollegin Dr. Dietlind Kremer bei ihren Recherchen zur DDR-Namengebung: Ein früherer Mitarbeiter der Uni-Namenberatung hatte auf seinem Boden 14 prall gefüllte Hefter mit meist handschriftlichen Anfragen aus DDR-Zeiten an die Namenberatungsstelle der Universität Leipzig gefunden und gab sie zurück. Seither erforschen Rodriguez und Kremer intensiv das weite Feld der DDR-Namengebung und sind auf überraschende Erkenntnisse gestoßen.

„Dreißig Jahre nach dem Mauerfall haben wir den Wunsch, uns aus objektiver Sicht mit Dokumenten zu dem Thema zu beschäftigen“, erklärt Kremer, die Leiterin der Namenberatungsstelle. Auch oder gerade in einem Land hinter geschlossenen Mauern wie der DDR kannte die Fantasie der jungen Eltern bei der Namensgebung für ihre Babys oft keine Grenzen. Auf diese stießen die Eltern erst in Form der DDR-Behörden, wenn sie einen exotischen Namen ausgewählt hatten, der nicht im „Kleinen Vornamenbuch“ stand. Dann wendeten sie sich an die Forschungsgruppe Namenkunde der damaligen Karl-Marx-Universität.

In ihren Schreiben, die für die Namenforschung heute ein wichtiger Schatz sind, stand die Erklärung oft gleich drin: Sie hätten beispielsweise den Namen im „Mosaik“ gelesen, einem begehrten DDR-Comic. Die Helden von damals, die Digedags, reisten durch die Welt und trafen Figuren wie Achmed, Hassan oder eben Fatima. „Das ‚Mosaik‘ hatte auf jeden Fall auch Einfluss auf die Namengebung. Bis in die 1980er Jahre hinein lieferte es einen Fundus an Vornamen“, sagt Rodriguez. Andere Inspirationsquellen seien Bücher, Künstler und Sportler, auch aus dem Ausland  sowie das West-Fernsehen gewesen, wie etwa die TV-Serie „Dallas“, die so einige Bobbys oder Pamelas hervorbrachte.

Dann befasste sich ein Pool von sprachbegabten Menschen an der Universität mit der Frage, ob ein bestimmter Vorname zugelassen werden kann oder nicht. „Die Universität war schon damals ein wichtiges Zentrum der Namenforschung und –beratung“, betont Kremer. Eltern hätten in der DDR die Wahl ungewöhnlicher Vornamen für ihre Babys auch als Mittel genutzt, um gegen das totalitäre Regime zu opponieren. „Sie ließen sich nicht gern vorschreiben, wie sie ihr Kind nennen“, erklärt Kremer und verweist auf einen Brief, in dem Eltern ihren Sohn Howard nennen wollten. Wahrscheinlich diente Schlagersänger Howard Carpendale als Vorbild.

Was die Expertinnen noch herausfanden: Der vielzitierte Kevin existiert viel mehr in West- als in Ostdeutschland. Und: Während Jungen in der DDR eher Steffen genannt wurden, war im Westen die Variante Stefan beliebter; bei den Mädchen war Katrin im Osten lange Zeit der Favorit, im Westen eher Katharina. Sehr beliebte Vornamen in der DDR waren auch Ronny, Enrico und Maik für Jungen sowie Mandy, Jana, Kerstin und Nancy für Mädchen.

„Die Ostdeutschen sind Vorreiter, was die Namen angeht“, sagt Rodriguez. So hätten Paare schon in den 1970er Jahren die seit 1965 in der DDR bestehende gesetzliche Möglichkeit genutzt, bei der Hochzeit den Nachnamen der Frau anzunehmen. Nach der Wende hätten sie ihren Kindern deutlich eher als ihre Landsleute im Westen traditionelle Vornamen wie Paul, Karl, Ida oder Emma gegeben. „Das könnte am stark ausgeprägten Familienbezug vieler Ostdeutscher liegen. Sie haben deshalb ihren Kindern den Namen der Großeltern gegeben“, erläutert die Fachfrau.

In einem Workshop am 30. Oktober 2019 anlässlich des 65-jährigen Bestehens der Namenforschung und Namenberatung an der Universität Leipzig wird es auch um Vornamen in der DDR gehen.

 

 

 

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