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Jedes Jahr sterben etwa 10.000 Menschen in Deutschland durch einen Suizid. Das sind etwa dreimal so viele wie durch Verkehrsunfälle zu Tode kommen. Auch wenn die Suizidraten weltweit zurückgehen, zählt der Suizid nach wie vor zu einer der häufigsten Todesursachen. Die Zahl der Suizidversuche liegt um ein Vielfaches höher: „Wir schätzen, dass etwa 10 bis 40 Versuche auf einen vollendeten Suizid kommen“, sagt Prof. Dr. Heide Glaesmer, Professorin an der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologe der Universität Leipzig. Sie erforscht mit ihrem Team moderne psychologische Theorien zu Suizidgedanken und -verhalten. Im Interview spricht sie über die schwierige Risikoabschätzung und warum die Wissenschaft beim Suizid nicht von einer freien Entscheidung spricht.

Prof. Dr. Heide Glaesmer

Prof. Dr. Heide Glaesmer Foto: Jens Gerber

Um einem Suizid vorzubeugen und dem Menschen zu helfen, muss man ja erst einmal wissen, wer gefährdet ist. Kann man das heute mit Sicherheit sagen?

Prof. Dr. Heide Glaesmer: Auch wenn wir viele Risikofaktoren für suizidales Erleben und Verhalten kennen, sind wir noch immer nicht in der Lage, sicher vorherzusagen, wer einen Suizidversuch unternehmen wird. Aktuelle Theorien versuchen diese Vorhersage zu verbessern und den Prozess hin zu einem Suizidversuch besser zu verstehen.

Sie unterscheiden zwischen Suizidgedanken und -handlungen. Warum ist das so wichtig?

Oft wird nur allgemein von Suizidalität gesprochen. Ppassive Suizidgedanken treten in der Bevölkerung und bei psychischen Erkrankungen, allen voran bei Depressionen, häufig auf. Nur sehr wenige Menschen, die Suizidgedanken haben, erwägen glücklicherweise tatsächlich einen Suizidversuch, planen diesen oder führen ihn sogar durch. Aktuelle Theorien versuchen diesen Prozess besser zu verstehen und zwischen Risikofaktoren für Suizidgedanken und -handlungen zu differenzieren. Wichtig ist es, vor allem spezifische Risikofaktoren zu kennen, die in einem eher engen Zeitfenster vor einem Suizidversuch auftreten. Nur so können wir die Identifikation von Risikopersonen verbessern und Suizidversuche verhindern.

Wie kann Menschen mit Suizidgedanken oder nach einem Suizidversuch geholfen werden?

Suizidgedanken sind oft ein Symptom einer depressiven Störung, können aber auch bei anderen psychischen Störungen auftreten. Sie müssen in der Arbeit mit den Patienten immer erfragt werden. Es handelt sich damit eher um einen gemeinsamen Prozess zwischen Patient und Behandler. Es gilt hier Ansatzpunkte für die Krisenbewältigung zu erarbeiten und Risikofaktoren zu minimieren.

Suizidales Verhalten wird heute zunehmend als eigene klinische Entität verstanden. Die American Psychiatric Association hat deshalb auch eine neue Forschungsdiagnose einführt, dassuizidale Verhaltenssyndrom. Der Zustand vor einem Suizidversuch ist als Ausnahmezustand zu verstehen, der bei den meisten Patienten durch ein Gefühl der Unaushaltbarkeit und der Unentrinnbarkeit gekennzeichnet ist. Deshalb ist es wichtig, aus einem Freiheitsgrundsatz heraus, nicht einfach von einer freien Entscheidung des Menschen zum Suizid auszugehen, sondern die Notlage zu verstehen und gemeinsam mit den Betroffenen Lösungen für diese zu suchen. Inzwischen gibt es auch spezifische Behandlungsansätze für Menschen nach einem Suizidversuch, die helfen können, in solchen Ausnahmesituationen die Handlungsfähigkeit zu erhöhen und erneute Suizidversuche zu vermeiden.

Woran forschen Sie in Ihrer Abteilung in Bezug auf das Thema?

Auch wenn in den vergangenen Jahren sehr große Fortschritte in der Suizidforschung gemacht worden, sind noch immer viele Fragen offen. Die sichere Risikoabschätzung ist eines der größten Probleme, meines Erachtens. Wir untersuchen in unserer Arbeitsgruppe psychologische Theorien zur Suizidalität, um deren Vorhersagekraft empirisch zu validieren beziehungsweise diese Theorien weiterzuentwickeln und mittelfristig damit auch für die klinische Arbeit Impulse zur Verbesserung der Risikoabschätzung zu geben. Aktuell haben wir gemeinsam mit Kollegen in Bochum und Aachen eine Längsschnittstudie mit über 300 Patienten nach einem Suizidversuch abgeschlossen und werten diese gerade aus.

 

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