

Familie Bloch in den USA, 1. Geburtstag
von Jan Robert (Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen)

Deutsche Begegnung der Geistesschaffenden in Berlin 1954 (Bundesarchiv)

Verleihung
des Nationalpreises an Ernst Bloch durch Präsident Pieck
1955 (Bundesarchiv)

Bloch mit Hans Mayer und Inge Jens in Leipzig 1960 (Ernst-Bloch-Zentrum
Ludwigshafen)

Bloch mit Freunden (Ernst-Bloch-Zentrum
Ludwigshafen)

Seminar in Tübingen 1965 (Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen)

Ernst und Karola Bloch im Strandkorb (Privatarchiv, Frau Süßens,
Westerstede)
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Leben und Werk des Philosophen Ernst Bloch
(1885–1977) entfacht noch Jahrzehnte nach seinem Tod
hitzige Debatten. Kündet seine Biographie einerseits
von den Verwerfungen deutscher Geschichte im Spannungsfeld
totalitärer Ideologien, verdeutlicht sie andererseits
das Ringen eines marxistischen Denkers um seine Integrität.
Immer wieder zwingen politische Überzeugungen Bloch zum
Ortswechsel: freiwilliges Exil in der Schweiz während
des Ersten Weltkriegs, Judenverfolgung unter den Nazis mit
erneuter Emigration, dabei Exil in der Schweiz, Österreich
und zuletzt den USA. Im Jahre 1949 remigrierte er nach Ostdeutschland
im Zuge einer Berufung als Philosophieprofessor nach Leipzig,
verblieb im Zusammenhang des Mauerbaus im August 1961 dann
aber in der BRD.
In diesem Kontext sind Blochs Leipziger Jahre deshalb besonders
signifikant, weil sie den Konflikt zwischen marxistischer
Theorie und Praxis zeigen, der das 20. Jahrhundert prägt:
Nachdem sich Bloch anfangs offenbar als Vordenker eines utopisch
orientierten Marxismus in der DDR gesehen hatte, traten ab
1956 zusehends Divergenzen mit der offiziellen Parteilinie
der SED zu Tage. Diese warf Bloch ihrerseits »Revisionismus«
vor, betrieb seine Emeritierung und drangsalierte zahlreiche
seiner Schüler, die zum Teil ins Gefängnis kamen.
Nachdem Bloch – bespitzelt von der Stasi und weitgehend
isoliert – noch einige Jahre weitergearbeitet hatte,
zerstörte der Mauerbau 1961 die letzten Illusionen hinsichtlich
der weiteren Entwicklung: Bloch beschloss, in der Bundesrepublik
zu bleiben. Nach der Wiederaufnahme seiner Lehrtätigkeit
in Tübingen entfaltete Blochs Hauptthema »Hoffnung«
eine weitreichende Wirkung insbesondere unter der Studentenschaft,
nicht zuletzt der Studentenbewegung 1968.
Berufung nach Leipzig
Als Bloch 1948 im amerikanischen Exil eine Professur in
Leipzig angeboten wurde, bedeutete dies eine wichtige Wende
in seinem Leben: Eine solche Stelle eröffnete erstmals
eine solide Basis für ein stärker öffentlichkeitsorientiertes
Wirken. Geboren im Jahre 1885 in Ludwigshafen, war er nach
Studien der Philosophie, Physik und Musik in München
und Heidelberg vor allem als Publizist und Privatlehrer tätig
gewesen. Nach den Exiljahren in der Schweiz 1917 bis 1919
erschien mit Geist der Utopie ein erstes Buch, das allerdings
keine Breitenwirkung entfaltete. Das Exil in den USA ab 1938
bot zwar Sicherheit und gute Arbeitsmöglichkeiten, verdammte
ihn aber weiter zur Wirkungslosigkeit: Als weitgehend isolierter
Fremdkörper in der damals noch deutlicher angelsächsisch
geprägten Kultur Amerikas schrieb er nach wie vor auf
Deutsch. Seine dritte Frau Karola ernährte die Familie
durch ihre Arbeit als Architektin. Obschon Bloch 1946 in dem
zusammen mit anderen Exilanten in New York gegründeten
Aurora-Verlag ein weiteres Buch publizierte, wurde deutlich,
dass sein eigentlicher Adressatenkreis in Europa, vor allem
in Deutschland lag. Unter den Bedingungen des Exils musste
daher auch die Herausgabe des damals verfassten Hauptwerks
Prinzip Hoffnung mehr als zweifelhaft erscheinen.
Das Angebot aus Leipzig löste mehrere Probleme auf
einmal: Aus der Sicht des marxistischen Denkers Bloch musste
der östliche Teil als die bessere Hälfte Nachkriegsdeutschlands
erscheinen. Eine hervorgehobene Position an der Universität
ermöglichte die lange versagte Öffentlichkeitswirkung
in Vorlesung und Publikation. Außerdem hegte er zweifellos
die Hoffnung, an der weltanschaulichen Fundamentierung des
sich neu konstituierenden – sozialistischen –
Gemeinwesens mitzuwirken. Aus der Sicht der Universität
Leipzig jedoch war die Berufung Blochs keineswegs ausgemacht:
Innerhalb der Fakultät wurde diese sehr kontrovers diskutiert
und am Ende abgelehnt. Seine Ernennung verdankte Bloch dem
dirigistischen Eingreifen des Ministeriums für Volksbildung,
das ihn am 25. Mai 1948 per Dekret als Professor und Direktor
des Instituts für Philosophie der Universität Leipzig
einsetzte. Ein Jahr später hielt er seine Antrittsvorlesung
mit dem Titel »Universität, Marxismus, Philosophie«.
Leipziger Jahre 1949–1961
Die folgenden Jahre waren besonders fruchtbar. Bloch hielt
vielbeachtete Vorlesungen und Seminare. Im Aufbau-Verlag erschienen
verschiedene Bücher, darunter die ersten beiden Bände
des Prinzip Hoffnung. Ab 1953 gab er zusammen mit anderen
die »Deutsche Zeitschrift für Philosophie«
heraus. Das Jahr 1955 schließlich – Bloch feierte
seinen 70. Geburtstag – markierte den äußerlichen
Höhepunkt staatlicher Anerkennung in der DDR: Er wurde
ordentliches Mitglied der Ostberliner »Deutschen Akademie
der Wissenschaften«, erhielt den »Vaterländischen
Verdienstorden« in Silber sowie den »Nationalpreis
II. Klasse der DDR«. Kurz darauf jedoch traten Blochs
Differenzen mit dem SED-Marxismus, u. a. mit Walter Ulbricht
selbst, immer deutlicher zu Tage und führten zum Zerwürfnis
mit der Partei sowie zu seiner Brandmarkung als »Revisionist«.
Am 1. September 1957 wurde Bloch – mit seinem Einverständnis
aber wohl gegen seinen Willen – emeritiert. Seine Schüler
wurden angehalten, sich von ihm zu distanzieren. Mancher,
der sich widersetzte, landete im Gefängnis. Obschon Bloch
innerlich offenbar an der DDR festhielt, fühlte er sich
in die Enge getrieben, wurde sein Verbleib immer schwieriger.
Im Jahr 1959 schloss er einen Vertrag mit dem westdeutschen
Suhrkamp-Verlag über eine Gesamtausgabe des Prinzip Hoffnung,
deren dritter Band erst darauf hin auch in der DDR erschien.
Im folgenden Jahr hielt er Vorträge in Tübingen,
Heidelberg und Stuttgart, die in das Angebot einer Gastprofessur
in Tübingen mündeten. Als am 13. August 1961 schließlich
die Mauer gebaut wurde, beschloss Bloch, der sich damals zu
einer Vortragsreise und anschließendem Urlaub in der
Bundesrepublik aufhielt, nicht in die DDR zurückzukehren.
Ein regimekritisches Schreiben an den Präsidenten der
Akademie der Wissenschaften führte zu Blochs dortigem
Ausschluss.
Späte Blüte in Tübingen 1961–1977
Nachdem in Tübingen für Bloch kurzfristig eine
Professur für Philosophie eingerichtet worden war, entfaltete
er hier – mittlerweile hochbetagt – nochmals eine
weitreichende Wirkung. Sein Publikum fand Bloch dabei weniger
unter den Fachkollegen als vielmehr unter den Studenten. Der
Utopismus seines Denkens inspirierte nicht zuletzt die Studentenbewegung
von 1968, wobei ihn mit Rudi Dutschke eine persönliche
Freundschaft verband. Die Wertschätzung Blochs umfasste
aber auch durchaus offizielle Kreise der Bundesrepublik und
brachte ihm zahlreiche Ehrungen ein, neben verschiedenen Ehrendoktorwürden
im In- und Ausland u. a. den Kulturpreis des Deutschen Gewerkschaftsbundes
(1962), den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1967),
die Ehrenbürgerschaft in seiner Geburtsstadt Ludwigshafen
(1970) sowie den Siegmund-Freud-Preis für wissenschaftliche
Prosa (1975). Am 4. August 1977 starb Bloch zweiundneunzigjährig
in Tübingen.
Bemerkungen zur Ausstellung
Obschon den Leipziger Jahren Blochs 1949 bis 1961 innerhalb
seiner Biographie zentrale Bedeutung zukommt, sind sie bislang
vergleichsweise wenig untersucht worden. Nie waren sie Gegenstand
einer eigenen Ausstellung. Die Erforschung dieser Periode
stellt nicht zuletzt deshalb eine besondere Schwierigkeit
dar, weil der Großteil von Blochs Nachlass aus der Zeit
vor 1961 offenbar von den Organen der SED-Diktatur zerstört
wurde. Vom Inventar seiner Leipziger Wohnung in der Wilhelm-Wild-Str.
8 beispielsweise fehlt jede Spur. Eine wichtige, bislang noch
nicht hinreichend ausgewertete Quelle bilden dagegen die Stasi-Akten
der Jahre 1956 bis 1963. Besondere Unterstützung erfuhr
das Projekt vom Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen sowie
von Jan Robert Bloch in Berlin. Die hier vorgestellte Ausstellung
ist historisch bzw. biographisch orientiert und sucht Blochs
Leipziger Jahre anhand von Dokumenten, Fotografien und Zeitzeugenberichten
zu beleuchten. Ihr kommt aus den genannten Gründen der
Charakter einer Spurensuche zu, die in der Folge hoffentlich
weitere Funde und Forschungen zeitigen wird. Diese Arbeit
ist um so wichtiger, als die Bloch-Rezeption in der DDR nach
seinem Weggang weitgehend abbrach. Blochs Leipziger Jahre
sind jedoch auf das Engste mit der Geschichte der DDR verquickt
und zeigen, wie anfängliche Hoffnungen auf einen Neuanfang
nach dem faschistischen Debakel zusehends enttäuscht
und zerschlagen wurden.
R.H.v.G.
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