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Wilhelm Ostwald mit seinen Töchtern
(etwa 1888)

Wilhelm Ostwald am Labortisch in Großbothen
(um 1925)

Der
Labortisch in der Großbothener
Ausstellung

Wilhelm Ostwald, Landschaft im Muldental
(um 1890)


Farbtongleiches Dreieck mit
28 Farbtönen


Farbdoppelkegel mit 680 Farbtönen
(24x28+8 Farben)


Vierundzwanzig Abwandlungen eines Vierklanges
(mit den Farben 5, 11, 17 und
23)

Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der
Wilhelm-Ostwald-Gesellschaft
zu Großbothen e. V.
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Ostwald als Pionier der physikalischen
Chemie
Im Jahre 1853 im lettischen Riga geboren, nahm Wilhelm
Ostwald 1872 an der Universität Dorpat (Tartu, Estland)
das Studium der Chemie auf, das er 1878 mit der Habilitation
abschloss. Ab 1875 war er Assistent am Physikalischen Kabinett
bei Arthur v. Öttingen. Schon die Arbeiten dieser Jahre
bewegten sich im Grenzgebiet von Chemie und Physik (Kandidatenarbeit „Über
die chemische Massenwirkung des Wassers“, Dissertation „Volumchemische
Studien über Affinität”). Achtundzwanzigjährig
wurde er Professor am Polytechnikum in Riga (1882), im Jahre
1887 Nachfolger von Gustav Wiedemann in Leipzig. Hier formulierte
Ostwald u. a. das nach ihm benannte „Verdünnungsgesetz
für schwache Elektrolyte”. Seine Beschäftigung
mit energetischen Abläufen physiko-chemischer Vorgäng
führte zur Präzisierung des Katalyse-Begriffs (publiziert
1894). Eine wichtige Anwendung der Katalyse stellte die Salpetersäure-
Erzeugung aus Ammoniak dar (1901). Bereits 1890 hatte Ostwald
Energie als Primärsubstanz und Materie als eine besondere
Erscheinungsform derselben definiert.
Neben der eigenen Forschung wirkte Ostwald als Wissenschaftsorganisator:
1887 gründete er die Zeitschrift für physikalische
Chemie, 1894 die Deutsche Elektrochemische Gesellschaft (1902
umbenannt in Bunsen-Gesellschaft für physikalische Chemie).
Seine Forschungen brachten ihm zahlreiche Ehrungen ein, darunter
die Faraday-Lecture in London (1904), die erste deutsche
Austauschprofessur in den USA nebst Gastvorlesungen in Harvard
(1905/06), den Nobelpreis für Chemie (1909), das Präsidentenamt
der Internationalen Assoziation der Chemischen Gesellschaften
(1911), verschiedene Ehrenpromotionen sowie die Mitgliedschaft
in 3 deutschen und 16 ausländischen Wissenschaftsakademien.
Allerdings empfand Ostwald die Beschränkung auf eine
rein naturwissenschaftliche Tätigkeit als Begrenzung
und die akademische Lehre – trotz einer zahlreichen
und hochkarätigen Schülerschaft – als lästige
Pflicht. Bereits 1900 reichte er ein erstes Rücktrittsgesuch
ein. In der Folge beschäftige sich Ostwald vermehrt
mit geisteswissenschaftlichen Fragestellungen. Im Jahre 1901
hielt er eine vielbeachtete Vorlesung über Naturphilosophie,
1905/06 Vorträge über die Weltsprachenproblematik,
zu Bildungsfragen und philosophischen Fragen in der Chemie.
Nach seinem Rücktritt von seiner Leipziger Professur
1906 arbeitete er auf seinem Landsitz Haus Energie in Großbothen
als freier Wissenschaftler.
Ostwald und die Kunst
Die Beschäftigung mit der Kunst durchzog Ostwalds gesamtes Leben, wobei
die eigene praktische Betätigung oft theoretische Überlegungen anregte.
In seiner Assistentenzeit mündete sein Bratschespiel in Vorträge
zur musikalischen Harmonielehre. Die schon in seiner Jugend feststellbare Begeisterung
für Zeichnung, Malerei und Fotografie zog ebenfalls eigene künstlerische
Arbeit sowie theoretische Studien nach sich. Als Maler schuf Ostwald v. a.
Landschaftsbilder in Öl und Pastell (u. a. während Erholungsaufenthalten
an der Nord- und Ostsee, im Harz, dem Elbsandsteingebirge, den Alpen sowie
in der heimischen Muldentallandschaft), die er verschiedentlich ausstellte
(u. a. in Leipzig, Dresden und Breslau). Als Naturwissenschaftler widmete sich
Ostwald in den Jahren 1903/04 u. a. Forschungen zur mikroskopischen Gemäldeuntersuchung
(„Ikonoskopie”), u. a. mit Hilfe von Mikroschnitten der Malschicht.
Zugleich stellte er maltechnische Studien an, z. B. in Hinblick auf historische
Techniken und die Herstellung von Malgründen für die Pastell- und Ölmalerei.
Ostwald sah Kunst als Vorläufer jeder Art von Wissenschaft und Technik,
die als ältere Schicht menschlicher Entwicklung in der Lage war, „auf
künstlichem Wege willkommene Gefühle hervorzurufen”, und ein
menschliches Grundbedürfnis darstellte. Seine Überlegungen zu einer
allgemeinen Schönheitslehre (Kalik) fußten dabei auf dem Grundsatz
Gesetzlichkeit = Harmonie = Schönheit.
Weltanschauung und Gelehrtengemeinschaft
Ostwalds naturwissenschaftliche Überlegungen
nährten die Überzeugung, dassalle Erscheinungen
dem Walten von Energie zu verdanken und durch dieses miteinander
verwoben sind (Energetik). Diese Sicht verband ihn weltanschaulich
mit den Monisten, deren Vereinigung er seit 1911 vorstand
und mit zahlreichen naturphilosophischen Artikeln und Vorträgen
vertrat. „Universalistische” Überzeugungen
inspirierten möglicherweise eine weitere Facette seines
Wirkens: die
Bemühungen um die verbesserte Verständigung zwischen Wissenschaftlern,
u. a. durch internationale Maß- und Normsysteme und durch ein internationales
Netz wissenschaftlicher Informationsdienste. Im Rahmen der 1911 in München
gegründeten Vereinigung „Brücke – Internationales Institut
zur Organisierung der geistigen Arbeit” wirkte Ostwald an der Schaffung
eines Normensystems für Druck- und Papiererzeugnisse mit, das u. a. dem
heutigen DIN-System Pate stand.
Ostwald als Pionier der Farbwissenschaft
Nach seiner Pensionierung aus dem Universitätsdienst widmete sich Ostwald
insbesondere der wissenschaftlichen Erforschung der Farbe, die gewissermaßen
die Synthese verschiedenster künstlerischer und naturwissenschaftlicher
Interessen darstellte. Folgende Unterpunkte definierte er selbst als Arbeitsprogramm:
Nachweis der richtigen Elemente der Farben, Erfindung der Methoden zur Farbmessung,
Ermittlung methodischer Ordnungskriterien, Aufstellen der Grundsätze ihrer
Normung, praktische Ausführung der Normen im Farbatlas, Ableitung einer
rationellen Lehre von der Harmonie der Farben. Die Arbeit am Problem der Farbmessung
erfolgte zunächst anhand von „ Grauleitern”, gleichmäßig
abgestufter Reihen von Weiß nach Schwarz, die ab 1907 in Ostwalds Notizen
nachweisbar sind. Ab 1911 verbanden sich Ostwalds Standardisierungsbestrebungen
mit den Absichten der „Brücke” und des „Deutschen Werkbundes”,
die beide das Potential genormter Farbwerte für kunsthandwerkliche und
industrielle Anwendungen im Auge hatten. Nachdem die anvisierten internationalen
Kooperationen u. a. durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges Rückschläge
erlitten haben, forschte Ostwald auf eigene Faust in Großbothen weiter.
Im Jahr 1917 legte er einen ersten Farbenatlas mit 2500 Farben sowie die – später
mehrfach nachgedruckte – Farbenfibel vor. Von der auf fünf Bände
angelegten Farbenlehre schrieb Ostwald selbst die ersten beiden (1918/1919),
Band drei wurde von E. Ristenpart, Band vier von H. Podesta herausgebracht
(der geplante fünfte zur „Psychologischen Farbenlehre” kam
nicht zustande), außerdem erschienen mehr als 300 Aufsätze. Zugleich
entwickelte Ostwald zahlreiche praktische Anwendungen: Malkästen für
Schulen (teilweise in eigenen Unternehmen hergestellt), Woll- und Seidenkataloge,
einen Kunstseidenatlas, Autolacke, meteorologische Messstreifen für das
Himmelsblau, einen Haut- und Gewebefächer mit über 1000 Farbproben
für die Gerichtsmedizin, Glasmalereifarben sowie Farbtafeln für Kanarienvogel-
und Blumenzüchter. Die Reaktion auf Ostwalds Farbenlehre war geteilt:
Einerseits gab es bereits ab 1919 wütende Proteste, wobei Ostwald als „Zerstörer
der Farbunschuld” und als „Diktator” tituliert wurde, an
preußischen Schulen erging ein Verbot der Verwendung der „Ostwald-Farben”.
Andererseits erkannten zahlreiche Anwender verschiedenster Branchen die Möglichkeiten
der neuen Normfarben und auch das Bauhaus in Dessau zeigte sich interessiert:
Im Sommer 1927 hielt Ostwald dort auf Einladung von W. Gropius eine Woche Vorlesungen
und stellte Anschauungsmaterial zur Verfügung. Eine erneute Annäherung
des Werkbundes ab 1929 führte zur Präsentation Ostwaldscher Ideen
auf der Werkbundausstellung „Wohnung und Farbe” in Breslau. Breite
und Vielzahl der auf der Basis seiner Überlegungen hergestellten Produkte
lassen jedoch keinen Zweifel an der überragenden Bedeutung der Ostwaldschen
Farbforschung für das tägliche Leben wie auch für die Kunst.
Die Ausstellung
Neben einer Dokumentation zu Ostwalds Wirken im Bereich der physikalischen
Chemie, Publikationen und schriftlichen Quellen zu seinem Leben zeigt die Ausstellung
eine Vielzahl originaler, von Ostwald selbst hergestellter Anschauungsmaterialien
zur Farbforschung aus Beständen des Universitätsarchivs und des Wilhelm-Ostwald-Archivs
in Großbothen.
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