Die Welt der Wunschkuh Surabhi
Die Darstellung von Göttern, Heiligen und Helden beschäftigte
die indische Kunst seit Jahrhunderten. Im ausgehenden 19. Jahrhundert
nahm sich auch die lithografische Industrie dieses Gegenstandes
an: Nach originalen Kunstwerken wie Zeichnungen und Ölgemälden
entstanden Farbendrucke, die nicht nur in Indien, sondern auch
in Deutschland hergestellt wurden. Die durch Farbigkeit und
Unterschiedlichkeit der Stilmittel bestechenden Blätter
vermitteln ein Bild indischer Alltagskunst im Spannungsfeld
traditioneller Religion und zeitgenössischer Bildsprache.
Die in großen Stückzahlen hergestellten Drucke wurden
auf Märkten und an Pilgerzentren vertrieben; man schmückte
damit Wände oder ergänzte die Ausstattung von Hausaltären.
Einst ein erschwingliches Massenprodukt, haben diese Drucke
mittlerweile Seltenheitswert. Die Ausstellung zeigt sechzig
Blätter aus Beständen der Universität Leipzig
und des Museums für Völkerkunde in Dresden.Kunst
für den Alltag
Nachdem Farbendrucke lange Zeit als Trivialkunst gering geachtet
wurden, ist ihr Wert als ein Element der Alltagskultur heute
weithin anerkannt. Als industriell gefertigte Reproduktionen
sind sie wertvolle Zeugnisse für Zeitgeschmack, Bildungsbedürfnis,
Mentalität ihrer Käufer oder deren Wohnkultur. Auch
Geschichte, Profil und Geschäftsbeziehungen der Herstellerfirmen
sowie Entwicklungen der Drucktechnik lassen sich an ihnen ablesen.
Der Weg in die Moderne
Farbendrucke stehen am Ende einer Entwicklung indischer Kunst,
die oft als „Westernization from below“ bezeichnet
wird. Sie beginnt um 1850, als sich indische Maler in Kunstschulen
der East India Company europäische Stilmittel und
Techniken, darunter Perspektive und Ölmalerei, aneigneten,
welche die indische Kunsttradition nicht lehrte.
Die sogenannte „Company Art“, die technisch von
Zeichnung, Stich und Aquarellmalerei bestimmt wurde und den
Geschmack der Engländer bediente, verlor ab Mitte des
19. Jahrhunderts ihre dominierende Stellung. Im Milieu des
indischen Adels und des aufstrebenden Stadtbürgertums
entstand nun ein neuer Künstlertyp, der „gentleman
artist“, der sich technisch der neoklassizistisch-viktorianischen Ölmalerei
und thematisch der indischen Tradition verpflichtet fühlte.
Mythologische Sujets wurden in idyllisch-idealen Landschaften
theatralisch inszeniert, wobei man dem Betrachter das Gefühl
gab, unmittelbar in das Geschehen einbezogen zu sein.
Die neue Bildsprache verlieh der Welt der Götter und
Helden die Faszination des zwar Idealen, aber auf einer Zeitebene
mit dem Betrachter Existierenden. Dieses Erleben der Götter-
und Heldengeschichten wurde noch dadurch verstärkt,
dass die meist rührend-gefühlvollen Szenen die
Welt der Reichen widerspiegelten. Gleichzeitig wurden die
ikonographischen Konventionen streng beachtet. Erstmalig
vermittelte die Malerei nun den Reiz der Sanskrit-Kunstdichtung,
indem Kunstfertigkeit und Ästhetik der Form Stimmungen
erzeugten, die mitzuempfinden für den Betrachter den
Gipfel ästhetischen Vergnügens darstellten. Die
als nationaler Wert empfundene mythologische Vergangenheit
wurde plötzlich in einer visuellen Sprache lebendig,
der man nicht mehr den Vorwurf der Primitivität oder
des bloß Folkloristischen machen konnte.
Die Farblithographie ermöglichte ab 1880 die Verbreitung
der Werke von Künstlern wie B. P. Banerjee und Ravi
Varma: Sie betrieben die drucktechnische Vermarktung ihrer
Bilder, die sie in eigenen Firmen oder in Deutschland reproduzieren
ließen. In der ersten Phase der Unabhängigkeitsbewegung
verdankten die Kunstwerke ihre Popularität auch ihrer
Vermittlerrolle für nationales Gedankengut. Sie ist
auf der Ebene der calender art bis heute ungebrochen.
Vorlagen für Farbendrucke waren neben Ölgemälden
auch weiterhin von den Company-Zeichnungen und der volkstümlichen
Basar-Kunst geprägte Kompositionen. Wie die „Wunschkuh“ zeigt,
konnten sie sowohl religiöse als auch propagandistische
Funktion haben und auf Zeitereignisse wie die Krönung
von Georg V. zum Kaiser von Indien reagieren. Die Farbendrucke
spiegeln die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten
der indischen Kunst ihrer Zeit.
Die Sammlungen
Gezeigt werden indische Farbendrucke der Universität
Leipzig und des Museums für Völkerkunde in Dresden:
Beide Sammlungen liefern neues Material für die Geschichte
des Farbendrucks und die indische Kunst um 1900. Die 49 Drucke
aus dem Nachlass von Johannes Hertel, Ordinarius für
Indologie an der Universität Leipzig von 1914 bis 1937,
stammen vermutlich aus den Kunstanstalten May AG Dresden.
Im Auftrag indischer Vertriebsgesellschaften in Deutschland
hergestellt, belegen sie einen wenig bekannten Aspekt der
Firmengeschichte.
Die 11 Drucke aus dem Bestand des Museums für Völkerkunde
entstanden um 1880 in der ältesten Kunstdruckanstalt
Indiens, dem Calcutta Art Studio, gegründet 1862. Als
Teil der Schenkung des Musikwissenschaftlers und Kunstmäzens
Raja Sourindro Mohun Tagore, einem Vetter Rabindranath Tagores,
gelangten sie 1882 nach Dresden.
Die Ausstellung entstand aus der Zusammenarbeit des Instituts
für Indologie mit dem Museum für Völkerkunde
Dresden. Der unveröffentlichte Bestand wurde im Rahmen
eines Seminars und studentischer Praktika bearbeitet. Ein
Katalog ist in Vorbereitung.
Maria Schetelich
Institut
für Indologie und Zentralasienwissenschaften
maschet@uni-leipzig.de
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